Eigentlich hätte es ein großes Beethoven-Jubiläums-Musikfest zum 250. Geburtstag des großen Komponisten werden sollen – mit internationalem Festivalorchester, mit großen Ouvertüren und Sinfonien. Doch dann kam die Pandemie.

Dass die vierten Höri Musiktage auch im Corona-Jahr dank ausgeklügelter Sicherheits- und Hygienestrategien stattfinden, ist das Verdienst des rührigen Organisationsteams von Hilde von Massow, Wolfgang Wüster, Irene Wiegmann-Kellner und Vincent Wilke.

Der künstlerische Leiter der Höri Musiktage, Eckart Manke, am Einlass zum Kirchhof.
Der künstlerische Leiter der Höri Musiktage, Eckart Manke, am Einlass zum Kirchhof. | Bild: Veronika Pantel

Natürlich steht Beethoven immer noch im Mittelpunkt, dieses Mal mit Kammermusik, Trio- und Quartett-Literatur, aber – entsprechend der Ausrichtung der Musiktage – sind die Grenzen zwischen Klassik und Moderne nicht aufgehoben, befruchten sich vielmehr gegenseitig.

Und weil der Innenraum der Öhninger Stiftskirche nicht genutzt werden kann, finden alle Veranstaltungen auf dem großen Kirchhof statt, der immerhin hundert Sitzplätze mit nötigem Abstand und Raum für das Bühnenzelt bietet.

Musiker freuen sich über Auftritt vor echtem Publikum

Hier starten die Musiktage mit südländischem Open Air-Flair und mit Quadro Nuevo, einem vielseitigen, mit Preisen hochdotierten Quartett, das die Genre-Grenzen aufhebt und sich gewandt zwischen Weltmusik, Jazz und freier Improvisation bewegt. „Wir sind seit der Vollbremsung schon einige Male wieder aufgetreten und sind froh, dass uns wieder echte Menschen zuhören“, gesteht Mulo France, der virtuos vom Tenor-Saxophon zur Klarinette, aber auch zur Mandoline wechselt.

Überhaupt sind die vier Musiker Instrumenten-Allrounder. Andreas Hinterseher ist auf dem Akkordeon, dem Bandoneon und der Trompete genauso zu Hause wie auf dem Vibrandoneon, einem Harmonikainstrument mit Mundstück, das über eine Klaviatur gespielt wird. Didi Lowka ist nicht nur Bassist, sondern auch Percussionist und Chris Gall entlockt seinem Piano sowieso die vielfältigsten Klangspektren.

Das Publikum im Kirchhof der Öhninger Stiftskirche freut sich, nach langer Pause endlich wieder Live-Musik genießen zu können.
Das Publikum im Kirchhof der Öhninger Stiftskirche freut sich, nach langer Pause endlich wieder Live-Musik genießen zu können. | Bild: Veronika Pantel

Nach einer sanften Einstimmung im ruhigen Samba-Stil, die Gelegenheit bietet, dem Rauschen der großen Kastanie zu lauschen und das zarte Vogelzwitschern gleich in die Musik zu integrieren, folgt mit „Khaliji Steps“ ein treibend-rhythmisches Stück, bei dem die Klarinette in orientalischen Skalen schwelgt und das Piano frei fabulierend in Jazz-Gefilde driftet. Das geht in die Beine und am liebsten möchte man gleich mittanzen.

Inspiration nehmen die Musiker auf Reisen auf

Von italienischer Leichtigkeit kündet das neapolitanische „Torna A Surriento“, in dem die Mandoline die Musik für die wogenden Schiffchen abbildet – die dieses Mal natürlich auf dem Bodensee zu verorten sind. Auch „Yorke´s Guitar ist eingängige Musik mit minimalistischen Piano-Skalen, die suggestive Kraft entwickeln.

Viele der Stücke sind auch auf der neuen CD des Quartetts „Mare“ zu hören, die es in diesem Jahr aufgenommen hat. Der Tango darf nicht fehlen, ihn studierte Quadro Nuevo auch in Buenos Aires, aber: „ Es war einfach nur stressig, die vielen verschiedenen Musikorte und die Masse an Klängen, die dort auf einen einstürmen, zu verarbeiten“, berichtet Mulo France.

Heraus gekommen ist mit „Fuga Y Misterio“ eine Hommage an Astor Piazzolla, wo Saxophon und Bandoneon sich Dialoge zuspielen, der Bass-Korpus durchaus auch mal als wummerndes Schlaginstrument dient.

Das Publikum vor Beginn des Konzerts. Sonnenschirme und die schattenspendenden Kastanien ermöglichen ein Konzert im Freien.
Das Publikum vor Beginn des Konzerts. Sonnenschirme und die schattenspendenden Kastanien ermöglichen ein Konzert im Freien. | Bild: Veronika Pantel

Immer bringt Quadro Nuevo von seinen weltweiten Reisen Inspirationen mit, von der griechischen Insel Samos etwa „Ikarus`Dream“, ein meditative Ballade, zu der sogar die Tauben auf dem Kirchdach melancholisch gurren, das Vibrandoneon im Zwiegespräch mit der Klarinette sanfte Melodien zaubert.

Das Quartett auf der Open Air Bühne lässt sich nicht beirren, ignoriert die Schläge der Kirchturmuhr, das Surren des Hubschraubers, die Geräusche der passierenden Busse.

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Und auch das Publikum ist tiefenentspannt und glücklich darüber, endlich wieder Live-Musik genießen zu dürfen – und das an einem heißen Sommertag, wo die große Kastanie und einige Sonnenschirme zumindest etwas Schatten bieten im Nachmittags-Konzert.

Denn auch wie beim großen Kammerkonzert am Sonntag treten die Künstler wegen der beschränkten Besucherzahl sogar zweimal auf. Die Zuhörer belohnen Quadro Nuevo mit einem anhaltenden Applaus für den gelungenen Auftakt zu den Höri Musiktagen und erhalten mit „Cinema Paradiso“ eine Zugabe.

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