Gratulation zur Wiederwahl, Herr Burchardt. Wie lange ging die Feier am Sonntagabend?

Nicht so lange. Wir haben gegen 23.30 Uhr das zugige und auch frische Parkdeck verlassen, wo wir uns mit allen Unterstützern getroffen haben. Das war wegen Corona, wir wollten in ein offenes Gebäude mit Durchzug gehen. Es war lediglich Zeit, sich kurz zu sehen und danke zu sagen. Daheim gab‘s noch ein Bier und ich habe viele, viele, viele Zuschriften gelesen. Gegen 2 Uhr bin ich dann ins Bett gefallen.

Und wie war der Morgen danach?

Ich bin um acht Uhr zum Supermarkt gegangen, um ein Brioche zu holen, was ich unserer Jüngsten versprochen hatte. Das kannten wir aus dem Frankreich-Urlaub. Das haben wir dann in aller Gemütlichkeit gefrühstückt. Danach habe ich mich schon wieder in die Arbeit gestürzt. Diese Woche ist Kreistag, Gemeinderat, Aufsichtsrat Stadtwerke, eine Personalauswahlkommission. Das war absehbar. Viel Spielraum ist durch die verschobene Wahl nicht drin. Die Arbeit wurde dadurch ja nicht weniger, die schiebt sich wie eine Ziehharmonika ins letzte Quartal.

Bild: Lukas Ondreka

Sind Sie denn jetzt noch alter OB oder schon neuer OB?

Ich bin noch alter OB. Das Ergebnis muss erstmal festgestellt werden. Dann kommt es darauf an, ob es noch Anfechtungen gibt oder ob noch juristische Prüfungen kommen. Der alte OB ist so lange im Amt, bis der neue OB rechtskräftig gewählt ist.

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Gibt es denn Dinge, die der neue OB anders machen möchte als der alte OB?

Ja, ich werde Dinge anders machen. Ein Wahlkampf ist eine Zeit, in der man sich von seinem eigenen Büro im Rathaus emanzipiert, wo man sagt: Jetzt entscheiden wir im Wahlteam über die Termine. Wir hatten sechs Wochen, in denen mein Büro nichts mehr terminieren konnte. Das ist ja eine ganz schwierige Frage: Wer hat die Kalenderhoheit? Diese Zeit ist also ein echter Schnitt nach acht Jahren. Ich bin entschlossen, diesen Schnitt zu nutzen, um ein paar Schemata zu ändern, wie wir terminieren und wofür wir uns Zeit nehmen. Man muss dem Kalender gegenüber ein bisschen Gewalt anwenden, um Zeit zu finden und raus zu den Menschen gehen zu können. Also eine Art Selbstreinigung. Ich hinterfrage auch Dinge wie zum Beispiel Rhythmen oder Dauern von Sitzungen. Wobei ich über die Länge von Gemeinderatssitzungen nur wenig bestimmen kann. Wir haben die Vereinbarung, dass es keine Redezeitbeschränkung gibt bei nicht vorberatenden Punkten – und wir haben Fraktionen, die sehr gerne sprechen. Unser Gemeinderat klagt oft, dass wir zu viele Sitzungen haben. Gleichzeitig ist er nicht wirklich bereit, Entscheidungen an Ausschüsse abzugeben. Zurück zu meinen Terminen: Ich will in meiner zweiten Amtszeit mehr Zeit außerhalb des Büros haben und andere Prioritäten setzen. Und das heißt auch: manche Dinge schneller voranbringen.

Also mehr Zeit für die Bürger?

Ja. Das hat sich ja schon im Laufe der letzten Amtszeit verändert. Wenn man nur die wichtigen und dringenden Aufgaben erledigt, dann kommt man nicht mehr aus dem Büro heraus, dann sitzt man jeden Tag 14 Stunden am Schreibtisch und kann nichts anderes mehr machen. Das muss man lernen, sich erarbeiten, auch mal sagen zu können: das bleibt jetzt liegen und ich gehe lieber zur HSG oder zu einem Jubiläum.

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Ein Teil der Wahrheit neben Ihrem Wahlsieg ist die Tatsache, dass Luigi Pantisano 45,1 und Andreas Matt 5,1 Prozentpunkte erreicht haben. Das bedeutet, dass mehr als 50 Prozent der Wähler ihr Kreuz nicht hinter ihrem Namen gemacht haben. Wie wollen Sie diese Menschen von sich überzeugen?

Zunächst einmal bedanke ich mich für die vielen Stimmen, die ich bekommen habe – rund 9500 mehr als vor acht Jahren. Insofern ist das für mich ein starkes Mandat und eine große Rückendeckung. Das Ergebnis beweist, dass der Wahlkampf gehaltvoll und stark war. Die unterschiedlichen Richtungen der Kandidaten hat die Menschen mobilisiert zu wählen. Das ist gut für die kommunale Demokratie. Jetzt geht es darum, aufeinander zu zu gehen. Ich sehe mich in der Pflicht, den ersten Schritt zu tun. Ich will und werde OB von allen sein, egal, wer wen unterstützt hat. Ich habe in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ich integrieren und zusammenführen kann.

Wie wollen Sie denn die Gräben zwischen den beiden Lagern wieder zuschütten?

Es wird die eine oder andere Aussprache geben. Wenn wir die zwei großen Themen Wohnen und Klimaschutz nehmen: Wir müssen schnell zu Mehrheiten kommen. Deshalb ist es relativ einfach: Da ist ein Sachthema mit mehreren Lösungsansätzen, da muss man jetzt Brücken bauen. Am Ende wird es Abstimmungen geben. Wir werden Wege finden für große Mehrheiten – bei beiden Themenkomplexen. Jeder ist eingeladen, auch auf mich zu zu gehen. Wer mit mir reden möchte ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Im Gemeinderat werde ich auf die einzelnen Fraktionen zugehen.

Wollen Sie die eine oder andere Idee von Luigi Pantisano übernehmen?

Viele Ideen waren ja nicht neu. Zum Beispiel die Stadtteilgespräche – die habe ich ja immer gemacht. Das muss Anlass bezogen stattfinden, weil sonst oft nur wenige Menschen kommen. Ich habe mich eher für die Fahrradtouren entschieden, die ich für ein gutes Format halte. Wir werden sicher wieder Stadtteiltermine machen, aber das kann man nicht jeden Monat machen.

Uli Buchardt im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Eva Marie Stegmann und SÜDKURIER-Redakteur Andreas Schuler.
Uli Buchardt im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Eva Marie Stegmann und SÜDKURIER-Redakteur Andreas Schuler. | Bild: Lukas Ondreka

Könnten Sie sich denn eine Zusammenarbeit mit Luigi Pantisano vorstellen mit dem Wissen, was er sich erarbeitet hat?

Wenn er sich bewerben würde um irgendein Politik nahes Amt und der Gemeinderat ihn wählen würde – warum nicht? Ich glaube nicht, dass er sich anbieten würde in der Sachbearbeitung in der Stadtplanung. Er hat einen guten, fleißigen Wahlkampf gemacht und ein gutes Ergebnis geholt. Früher oder später wird er irgendwo als Bürgermeister oder als Oberbürgermeister arbeiten. Ich schätze und respektiere ihn und komme gut mit ihm klar. Mir hat längst nicht alles im Wahlkampf gepasst, aber zwischen uns beiden war es ok.

Vielleicht wäre er ja ein guter Dezernatsleiter Klimaschutz?

Ein Dezernat Klimaschutz wäre meiner Meinung nach die falsche Antwort auf die Aufgabe. Ein Dezernat ist immer eine vertikale Linie. Das heißt aber, dass es immer welche rechts und links außerhalb davon gibt. Klimaschutz ist aber eine horizontale Linie, die alle Bereiche involviert. Für das Klima sind alle verantwortlich. Deshalb arbeiten wir da im Moment an einer moderneren, einer sogenannten agilen Struktur.

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Vor drei Jahren haben Sie mal gesagt, dass dauernd Wahlkampf sei. Beginnt also heute Ihr Wahlkampf für 2028?

(lacht) Ich habe damals gesagt, dass am Tag nach der Wahl der Wahlkampf beginnt. Damit meinte ich, dass die wichtigste Aufgabe des Bürgermeisters ist, Bürger mit seiner täglichen Arbeit zu überzeugen. Nicht erst durch ein Programm, das er acht Wochen vor der Wahl veröffentlicht hat. Man muss jeden Tag engagiert sein und zeigen, dass man sein Bestes für die Menschen tut. Nicht erst kurz vor der Wahl.

Bild: Lukas Ondreka

Wir sind offenbar in der zweiten Welle der Pandemie, die der Einkaufs- und Touristenstadt ganz besonders weh tun könnte.

Die Pandemie bereitet mir Sorgen. Wir müssen das Thema Grenze gut regeln. Es ist wichtig, dass wir die Grenzen offen halten. Es ist aber auch wichtig zu sagen: Unsere Regeln gelten hier für jeden, egal von wo er kommt. Wir sind von unseren AHA-Maßnahmen überzeugt, aber es muss sich auch jeder daran halten. Seit heute heißt das: Maskenpflicht dort, wo es eng wird. Das wird das Einkaufen und das Bummeln nicht schöner machen, leider. Wir haben und wir wollen eine vitale, starke Innenstadt, die in ihrer Gesamtheit funktioniert. In der Innenstadt ist nicht nur Party oder Gewerbe oder Einkaufen, sondern auch Wohnen. Da wohnen unterschiedliche Menschen. Dieser vitale Kern unserer Stadt ist wichtig und attraktiv. Die Einkaufsstadt Konstanz ist und bleibt attraktiv. Ich hoffe, dass wir nicht mehr in den Lockdown kommen. Das müssen wir alle versuchen zu verhindern. Corona hat ja viele Ideen hervor gebracht: Auf einmal konnte man sich Bücher liefern lassen von einer Konstanzer Buchhandlung. Das sind gute Anfänge, die gilt es zu pflegen.

Bleiben wir in der Innenstadt. Wie geht es mit dem C-Konzept weiter?

Der Lago-Kreisel und der Bahnhofsplatz sind die nächsten Schritte, hoffentlich beginnt die Ausschreibung Anfang 2021. Jetzt gerade wird der Bahnhof barrierefrei gemacht. Anschließend wird von der Bahn hoffentlich die Ladenzeile neu gebaut werden mit einem großen Fahrradparkhaus obendrauf. Dann haben wir einen großen Schritt gemacht. Das wird wirklich toll.

Das Handlungsprogramm Wohnen hat noch einige Lücken. Wie geht es hier weiter?

Die drei wichtigsten Projekte sind in der Reihenfolge Christiani-Wiesen, Döbele und Hafner. Ich bleibe dabei, dass das die richtige Reihenfolge ist. Wir wollen das, was wir beim Projekt Christiani-Wiesen lernen, mitnehmen zum Döbele und das, was wir am Döbele lernen, mitnehmen zum Hafner: Baugemeinschaften und Baugruppen einbinden oder Genossenschaftswohnmodelle; wir wollen ja bezahlbaren Wohnraum schaffen, dazu braucht es auch neue Ideen.

Von welchen Zeiträumen reden wir denn?

Ab 2022 oder 2023 wäre die Christiani-Wiese denkbar. Die übrigens Projekte danach.

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Haben Sie einen Wunsch an die Konstanzer?

ich habe den Wunsch, dass die Konstanzer die Kommunalpolitik weiter verfolgen und Interesse zeigen, wie sie es jetzt beim Wahlkampf gemacht haben. Es tut der Kommunalpolitik gut, wenn sie hinterfragt wird und wenn sich die Menschen damit auseinandersetzen. Anteilnahme an der Arbeit des Gemeinderats ist wichtig – Verständnis für die vielen, vielen Entscheidungen, die dort getroffen werden. Es wäre schön, wenn sich die Menschen hin und wieder damit beschäftigen würden. Viele Entscheidungen sind besser als ihr Ruf. Es ist für jeden einzelnen Bürger viel Gestaltungsmöglichkeit da. Durch die hohe Wahlbeteiligung hat der Bürger gezeigt, dass er Anteil nimmt an der Kommunalpolitik. Und ich wünsche mir, dass von diesem Schwung etwas bleibt.

Wie kann Otto-Normalbürger denn Kontakt mit Ihnen aufnehmen?

Man erreicht mich jederzeit unter ob@konstanz.de – auch persönlich. Jeder Konstanzer bekommt einen Termin bei mir, unabhängig von der Bürgersprechstunde. Die einzige Bedingung ist die Angabe eines Grundes für den Termin. Ich muss mich ja auf ein Treffen vorbereiten. Wenn es dringend ist, machen wir auch sehr schnelle Termine. Ich kann nur jedem anbieten: Nehmen sie Kontakt auf mit mir! Irgendwo hat sich mal ein OB mit seinem Schreibtisch auf die Straße gesetzt. Das sollten wir während der Amtszeit im Sommer auch mal machen: Ich stelle meinen Schreibtisch in den Rathaushof und jeder darf kommen. Darauf habe ich Lust.

Bild: Lukas Ondreka

Gibt es eine Erkenntnis des Wahlkampfes, die Sie besonders bewegt hat?

Beim Wahlkampf wirst du ja auf die Straße gezwungen, das ist ja das Gute. Egal bei welchem Wetter. Und man führt so viele unterschiedliche Gespräche mit unterschiedlichen Menschen. Der Wahlkampf ist eine Zeit, in der man in sehr konzentrierter Form ein starkes Bild erhält, was die wichtigen Themen sind und was die Leute brennend interessiert. Das ist für mich das Wichtigste. Man lernt sehr, sehr viel und bekommt ein großes Wissen. Das gibt Energie, Motivation und festigt die eigene Position. Die eine spezielle Erkenntnis aus dem Wahlkampf gibt es eher nicht. Wir haben in unserem Land alle grundsätzlich ein gewisses Kommunikationsproblem zwischen der Kommunalpolitik und der Bürgerschaft. Es ist eben nicht mehr für jeden die erste Bürgerpflicht, morgens die Zeitung zu lesen. Das merkt man stark, denn es gibt viele Informationslücken. Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen. Man muss sich mit Politik beschäftigen, man darf die Politik nicht einfach nur machen lassen. Politik wird dann gut, wenn viele mitmachen: hinterfragen, sich beteiligten, sich melden, engagieren, kandidieren, einbringen – was auch immer.

Fragen: Eva Marie Stegmann und Andreas Schuler

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