Es war ein schmerzhafter Abschied, als die Radolfzeller Geburtsstation schließen musste. Tausende Menschen aus der Region hatten sich damals dafür starkgemacht, den Standort zu erhalten. Demonstrationen wurden organisiert, Unterschriften gesammelt und trotzdem war im März 2017 Schluss: Die Haftpflichtbeiträge der Belegärzte waren aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr zu vertreten.

Sowohl für die Ärzte als auch für die Hebammen ein einschneidendes Erlebnis. „Wir haben kapituliert“, sagte Mathias Groß, damals einer dieser Belegärzte in der Geburtshilfe, kurz vor der Schließung. Die verbliebenen zehn Hebammen sollten sich daraufhin entscheiden, ob sie nach Singen oder nach Konstanz wechseln wollen.

Große Umstellung für Hebammen

Saskia Frey stand ebenfalls vor dieser Wahl. Letztlich zog es sie nach Konstanz. Für die Stockacherin veränderte das allein räumlich einiges. Anstatt dass sie wie sonst im Sommer mit dem Rad zur Arbeit fahren konnte, fuhr sie jetzt 45 Minuten mit dem Auto. „Am schlimmsten war es nach dem Nachtdienst, wenn man in den Berufsverkehr reinkam. Das war mehr gefährlich als alles andere“, erinnert sich die 44-Jährige.

Obwohl sie nur lobende Worte für das Geburtshilfe-Team in Konstanz findet, war die Umstellung groß. In Radolfzell konnte Saskia Frey oft eigenverantwortlich Geburten leiten. „In Konstanz waren rund um die Uhr ein Assistenz– und ein Oberarzt da. Das ist natürlich ein ganz anderes Arbeiten,“ erklärt die Hebamme.

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Ein Jahr später entschied sie sich dazu, sich vollständig der Freiberuflichkeit zu widmen. Sie bietet jetzt nur noch Nachsorge und Kurse zur Geburtsvorbereitung an – keine Geburtshilfe mehr, denn dadurch steigen auch bei den freiberuflichen Hebammen die Kosten für die Haftpflichtversicherung enorm an.

„Wenn ich als Hebamme die Geburtshilfe ausklammere, was traurig für unseren Berufsstand ist, zahle ich eine andere Haftpflicht“, erklärt Saskia Frey. Die Geburtshilfe sei zwar das Herzstück ihres Berufs, jedoch zahle man mit ihr fast das Fünfzehnfache mehr an die Versicherung, als ohne.

9000 Euro für die Versicherung

Frederike Bohl muss pro Jahr fast 9000 Euro für ihre Haftpflichtversicherung aufbringen. Sie ist ebenfalls freiberufliche Hebamme, feierte dieses Jahr ihr 20. Berufsjahr. Zu den hohen Haftpflichtversicherungen hat sie ein Beispiel parat: Da Strom ein gesellschaftliches Thema ist, müsse sich ein Atomkraftwerk nur bis zu einer bestimmten Summe versichern.

Die freiberufliche Hebamme Frederike Bohl bei der Arbeit. Für die Geburtshilfe muss sie knapp 9000 Euro im Jahr an Haftpflichtbeiträgen zahlen.
Die freiberufliche Hebamme Frederike Bohl bei der Arbeit. Für die Geburtshilfe muss sie knapp 9000 Euro im Jahr an Haftpflichtbeiträgen zahlen. | Bild: Luisa Llorca

„Wenn man sich jetzt überlegt, dass geboren werden auch ein gesellschaftliches Thema ist, würde es Sinn ergeben, auch bei uns eine Deckelung zu finden.“ Wegen der hohen Kosten gebe es im Landkreis Konstanz immer weniger freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe anböten, erklärt Friederike Bohl: „2005 gab es noch zehn Hausgeburts-Hebammen, 2018 war ich die Einzige“. Dabei spricht sie bewusst nur von Hausgeburten.

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Seit der Schließung der Radolfzeller Geburtshilfe gibt es im Landkreis zudem auch keine Beleggeburten, also Krankenhausgeburten von freiberuflichen Hebammen, mehr. Die Entscheidung war lange Zeit ein Politikum. Über ein Jahr dauerte es, bis es schließlich möglich gewesen wäre, Beleggeburten weiterzuführen. Die freiberuflichen Hebammen hatten sich in der Zwischenzeit aber anderweitig orientiert. „Ich durfte so viele Hausgeburten betreuen, dass ich kaum Einbußen hatte“, resümiert Friederike Bohl.

Dennoch ist auch Frederike Bohl voll des Lobes über die Zusammenarbeit mit dem Konstanzer Klinikum. „Der Kreißsaal hat durch die Schließung von Radolfzell gewonnen.“ Es sei ein Hand-in-Hand arbeiten, was auch der Chefarzt der Konstanzer Frauenklinik, Andreas Zorr, bestätigt. Gemeinsam mit Kreißsaalleiterin Anne Sprenger und Oberärztin Anna Pelova trifft er sich mit dem SÜDKURIER.

„Keine bösen Überraschungen“

Frauenarzt Andreas Zorr findet das Miteinander mit den freiberuflichen Hebammen gut: „Es gibt keine bösen Überraschungen.“ Eine positive Bilanz, denn nach der Radolfzeller Schließung habe man nicht gewusst, was einen erwarte. „Wir haben sehr gute Hebammen dazubekommen“, findet Oberärztin Anna Pelova. Den familiären Charakter aus Radolfzell konnte man so etwas weiterleben lassen.

Sie wollen den familiären Charakter aus dem Radolfzeller Krankenhaus nun in Konstanz weiterleben lassen (von links): Kreißsaalleitung Anne Sprenger, der Chefarzt der Frauenklinik, Dr. Andreas Zorr, und die Oberärztin Anna Pelova.
Sie wollen den familiären Charakter aus dem Radolfzeller Krankenhaus nun in Konstanz weiterleben lassen (von links): Kreißsaalleitung Anne Sprenger, der Chefarzt der Frauenklinik, Dr. Andreas Zorr, und die Oberärztin Anna Pelova. | Bild: Werner Merk

Das Konstanzer Hebammen-Team wurde in der Zwischenzeit zusätzlich aufgestockt. „Wir haben mehr Leute in der Schicht, sodass wir immer zu zweit sind“, erklärt Hebamme Anne Sprenger. Deshalb könne man nicht wie in anderen Kliniken von einem Hebammen-Mangel sprechen. „Wir bilden mittlerweile aus. So leisten wir unseren Beitrag, damit es Nachwuchs gibt.“

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Und auch sonst laufe es in Konstanz manchmal etwas anders als in anderen Kliniken, erklärt Chefarzt Zorr: Zu Beginn der Corona-Pandemie habe es beispielsweise von der Berliner Charité geheißen, dass dort ein Partner bei der Geburt nur „zur wichtigen Stunde“ dabei sein dürfe. „Wir haben uns aber gefragt, wann das sein soll“, sagt Zorr. „Die Frau braucht ihren Partner bei der ganzen Geburt.“

Folglich habe man sich dafür eingesetzt, dass die Väter in Konstanz auch momentan komplett dabei sein können. Die Einschränkungen haben aber auch Vorteile: „Dadurch, dass jetzt nur noch der Partner zur Geburt kommt, ist es insgesamt ruhiger geworden,“ erklärt Anne Sprenger. Nun hätten die Frauen mehr Zeit für sich und ihr Kind, das habe letztlich Priorität.

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