Zwei Geschehnisse beschreiben die Lage der indigenen Völker Brasiliens recht anschaulich; erzählt von der Sängerin Bê Ignacio und Marco Walter, die sich bei Pro Amazonia engagieren. Der Verein hatte anlässlich des Internationalen Tags der indigenen Völker ins Palmenhaus auf der Mainau eingeladen.

Bê Ignacio ist Vorsitzende des Vereins ProAmazonia. Die Sängerin ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines brasilianischen Vaters. Die Großmutter des Vaters war eine Tupi Guarany. Vom einstigen Lebensraum dieses Volkes existiert laut Bê Ignacio nicht mehr viel, denn dort entstand die größte Stadt Brasiliens mit über 12 Millionen Einwohnern: São Paulo.
Bê Ignacio ist Vorsitzende des Vereins ProAmazonia. Die Sängerin ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines brasilianischen Vaters. Die Großmutter des Vaters war eine Tupi Guarany. Vom einstigen Lebensraum dieses Volkes existiert laut Bê Ignacio nicht mehr viel, denn dort entstand die größte Stadt Brasiliens mit über 12 Millionen Einwohnern: São Paulo. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Bê Ignacio hatte noch im Januar zusammen mit Ehemann Markus Schmidt das Volk der Borari im Amazonasgebiet besucht. Kurze Zeit später habe der Bürgermeister und Arzt des Ortes Alter do Chão im Bundesstaat Pará eine große Trauerfeier für eine ältere Frau mit 200 bis 300 Menschen auf dem Dorfplatz genehmigt. Allerdings seien wichtige Tatsache verschwiegen worden, wie Bê Ignacio und Markus Schmidt erklärten: Die Frau sei infolge einer Corona-Infektion verstorben.

Ein weiteres Beispiel für ein in der Öffentlichkeit angeprangertes Verhalten im Land schilderte Marco Walter. Um gegen die von Soja produzierenden Konzernen veranlasste Brandrodung des Regenwaldes und der Zerstörung der Lebensgrundlage der Indigenen vorzugehen, habe sich eine freiwillige Waldbrandfeuerwehr gegründet.

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Der Präsident habe jedoch veranlasst, dass diese aufgelöst worden sei und deren Mitglieder mit Gefängnis bedroht wurden. „Die Männer sind untergetaucht und leben im Exil. Sie haben Morddrohungen erhalten, die auch gegen ihre Familien gerichtet sind“, erzählt Walter. „Wir haben Spendengelder gesammelt, damit wir die Feuerwehrleute bei der Brandbekämpfung aus dem Untergrund unterstützen können“, ergänzte er.

Eigentlich hätte der Bau eines Gemeindezentrums das erste mit Pro Amazonia finanzierte Projekt werden sollen, aber die Corona-Pandemie hat dies vorerst verhindert. 7000 Euro soll es voraussichtlich kosten. Bedarfsermittlung, Planung und Ausführung überlässt der Verein den Borari. „Da mischen wir uns nicht ein“, betont Marco Walter.

Video: Schutzbach, Nikolaj

Sieht man einmal von den mutigen Feuerwehrmännern ab, hat Bê Ignacio ihren Aussagen zufolge für die Borari-Männer wenig übrig. „Ich bin enttäuscht von den Männern. Die haben viel gesprochen, aber wenig gemacht“, betont sie.

Anders sehe es dagegen bei den Frauen aus. Allen voran Vandria, die Juristin und Künstlerin ist, und den Kontakt zu Pro Amazonia hält. 18 Frauen und Mädchen – viele mit einer soliden Berufsausbildung – haben sich in einem Chor zusammengefunden. „Einmal pro Woche mache ich mit denen Stimmbildung“, erzählt Ignacio. Das klappe trotz der manchmal unzureichenden Internet-Verbindung per Video sehr gut.

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Auch Oberbürgermeister Uli Burchardt findet diese Verbindung über 8300 Kilometer hinweg eine großartige Idee. Klimaschutz und der Schutz der bedrohten indigenen Bevölkerung würden da sehr gut zusammenpassen. „Wir können ein Bewusstsein schaffen und zeigen, dass die Welt zuhört, zeigen, dass man mit dem Regenwald nicht einfach das macht, was man will“, betonte er.

Video: Schutzbach, Nikolaj

An die Borari gerichtet sagte er: „Wir achten euch. Wir sind bei euch“. Der OB versprach, die Idee von Pro Amazonia auch an den Städtetag heranzutragen. Er fände es toll, „wenn viele – auch größere – Städte eine Partnerschaft mit einem der Völker eingehen würden“. „Ich habe bereits Kontakte nach Schleswig-Holstein geknüpft und in Friedrichshafen ist man ebenfalls interessiert“, berichtet die Anthropologin Monika Sarkadi.

Mainau-Geschäftsführerin Bettina Gräfin Bernadotte sieht die indigenen Völker Brasiliens durch die schwindenden Lebensräume ebenfalls bedroht. Sie verglich sie mit den seltenen Gewächsen der Pflanzenwelt, die ebenfalls eine geschützte Umgebung bräuchten.

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Die indigene Bevölkerung haben sich durch die jahrhundertelange Unterdrückung damit abgefunden, für niedrige Menschen gehalten zu werden, erläuterte Monika Sarkadi. Aber deren Einstellung beginne sich zu ändern und das Bewusstsein reife: „Wir sind was wert“.

Die Borari-Frau Vandria berichtete in einer Videoschaltung, dass riesige Abholzungen des Regenwaldes stattfänden und Goldminen durch den Einsatz von Quecksilber ganze Landstriche verseuchten. „Gegen die illegale Besitznahme von Land konnten wir bisher nichts machen. Aber es gibt einen Widerstand, an deren Spitze die indigenen Frauen stehen“, sagte sie kämpferisch.

Video: Schutzbach, Nikolaj