Ein Leben fast ohne Schweizer. Was vor einem halben Jahr noch eine absurde Fantasie war, wurde durch die Corona-Pandemie monatelang traurige Wirklichkeit. Der viel zitierte triftige Grund hat bald ein Ende: Wenn Anfang kommender Woche der Grenzübertritt wieder für alle Menschen möglich wird, hat Konstanz die bitteren Folgen eines vermeintlich süßen Lebens ohne die Nachbarn angedeutet bekommen. Der gestoppte kleine Grenzverkehr war und ist kein Segen, er ist ein Fluch für jeden Einzelnen.

Ohne den triftigen Grund durften die Menschen über Monate hinweg nicht über die Grenze treten.
Ohne den triftigen Grund durften die Menschen über Monate hinweg nicht über die Grenze treten. | Bild: Lukas Ondreka

Konstanz wäre schöner ohne Schweizer? Von wegen!

So konnten Konstanzer einerseits nicht mehr durch den Kreuzlinger Seeburgpark schlendern und die Zapfsäulen ansteuern; andererseits durften Schweizer nicht mehr in Konstanz – und jetzt werden einige beim Lesen wütend schnauben – einkaufen, ausgehen, also einen vom guten Franken-Kurs gesegneten Tag am See erleben.

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Wie oft hörten wir Verwünschungen über die in die Stadt strömenden Schweizer aus nah und fern? Wie oft grummelten wir die Flüche leise oder laut selbst vor uns her, wenn es wieder einmal zu lange dauerte an der Supermarktkasse oder kein freier Parkplatz zu finden war?

Auch das gehört zur Grenznähe: Die Region profitiert wirtschaftlich von den Einkaufstouristen aus der Schweiz.
Auch das gehört zur Grenznähe: Die Region profitiert wirtschaftlich von den Einkaufstouristen aus der Schweiz. | Bild: Marinovic, Laura

Wie falsch waren die gewickelt, die glaubten: Konstanz ist echt schön, und ohne Schweizer wäre es nochmal so schön.

Der Stadt wurden die wirtschaftlichen Standbeine genommen

Die Wahrheit sieht so aus: Der Handel hat über Wochen Umsätze eingebüßt, über alle Branchen hinweg hört man von über den Daumen gepeilt 50 bis 60 Prozent weniger Geld in den Kassen.

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Die Tische in den Konstanzer Restaurants, die Hocker an den Tresen der Kneipen: Bis zuletzt waren sie überschaubar besetzt. Dazu leergefegte Hotels, die sonst ebenfalls von den tagesreisenden Touristen aus der Schweiz profitieren, sowie Handwerker, die ohne die Aufträge aus Kreuzlingen, Winterthur, Frauenfeld und Co. auskommen mussten, an denen sie sich sonst laben.

Mit anderen Worten: Der Stadt wurden ihre wirtschaftlichen Standbeine genommen. Ein Millionen-Defizit wegen fehlender Gewerbesteuern ist schon jetzt sicher; stellt sich nur die Frage, ob es bei den Haushaltsberatungen im Herbst sieben- oder achtstellig sein wird.

Klar, wirtschaftlich folgenreich wären die vergangenen Wochen auch ohne geschlossene Grenzen gewesen. Einkaufen oder ausgehen durften auch Einheimische lange Zeit nur eingeschränkt, Kurzarbeit anmelden mussten auch Konstanzer Firmen ohne Bezug zur Schweiz.

Aber, und das gilt ganz unabhängig von der Nationalität: Die heimliche Thurgauer Hauptstadt Konstanz wurde durch die Reisebeschränkung auch nach den schrittweisen Lockerungen im Land eines Gutteils ihres Einzugsgebiets beraubt: allein im Kanton zwischen Kreuzlingen und Fischingen, zwischen Diessenhofen und Arbon leben rund 280.000 Menschen.

Die Millionen der Stadt betreffen den Einzelnen nicht – ach wirklich?

Bevor nun argumentiert wird: Was interessieren mich die Millionen im städtischen Säckel, mir persönlich ging‘s mit weniger Leuten in der Stadt trotzdem besser, sei daran erinnert: Der für die meisten verbotene Grenzübertritt hatte erstens auch hierzulande persönliche Härten zur Folge. Angefangen von getrennten Freund- und Liebschaften bis hin zum Konstanzer Spezialfall Tägermoos-Kleingärtner.

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Die für das eigene Wohlbefinden vordergründig unwichtigen Millionen, die der Stadt fehlen werden, haben zweitens bei genauerem Hinsehen sehr wohl eine große Bedeutung für jeden Einzelnen. Dafür benötigt es nicht einmal den Blick auf die schon jetzt angekündigten Verschiebungen mehrerer städtischer Projekte über alle Bereiche hinweg: von der Rettungsboot-Station der Feuerwehr am Seerhein über eine verbesserte Medienausstattung für Schulen bis zu diversen Radwegausbauten und der Sanierung am Stadttheater.

Ohne Schweizer kein Schwaketenbad?

Bild: Lukas Ondreka

Das Schwaketenbad ist ein noch eindrücklicheres Symbol dafür, wie wohl es jedem Einzelnen dank der guten städtischen Wirtschaftslage, an der maßgeblich auch Gäste und Kunden aus der Schweiz mitwirken, geht: Die Eröffnung des neuen Hallenbades würde sich ohne diese nämlich nicht ständig verzögern. Es wäre gar nicht erst geplant worden, schon gar nicht in solch üppigen Dimensionen, von denen auch und vor allem Konstanzer Bürger profitieren werden.

Nutzen wir also die Gelegenheit und blicken selbstkritisch auf die hässlichen Bilder hochgezogener Grenzzäune als Warnung vor einer Welt, die wir nicht haben wollen. Sehen wir die wegfallenden Barrieren als Anfang eines neuen Miteinanders.

Wohl nicht ganz ernst gemeint: Mancher fühlte sich durch die Errichtung eines Grenzzauns an der Kunstgrenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen an das geteilte Berlin erinnert.
Wohl nicht ganz ernst gemeint: Mancher fühlte sich durch die Errichtung eines Grenzzauns an der Kunstgrenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen an das geteilte Berlin erinnert. | Bild: Lukas Ondreka

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