Danuta W. ist eine vorsichtige Frau. In ihrer Wohnung ist es hell und sehr sauber, sie selbst möchte nicht auffallen und deshalb ihren vollen Namen auch nicht nennen. Ihre Vorsicht hat einen Grund: Jeder ihrer Atemzüge ist wertvoll. Sie atmet mit einer Lunge, die ihr vor acht Jahren transplantiert wurde.

Wenn kein Medikament die Lunge heilen kann

Die Leidensgeschichte der Konstanzerin bis zum Jahr 2010 ist lang. 2008 wurde bei ihr eine pulmonale Hypertonie festgestellt, eine Krankheit, bei der der Blutdruck im Lungenkreislauf ansteigt. Davor hatte Danuta W. allerdings bereits an einer Sarkoidose gelitten, einer Erkrankung des Bindegewebes, die bei ihr nur durch Zufall nach dem Studium entdeckt worden war.

"Ich habe vor allem an Luftnot gelitten", berichtet sie. Zwischen 2007 und 2010 verschlechterte sich ihr Zustand rapide, schließlich wurde sie stationär an der Uniklinik Freiburg aufgenommen und kam auf die europäische Warteliste für ein Spenderorgan.

"Gegen pulmonalen Hochdruck gibt es keine Medikamente", erläutert die heute 66-Jährige. Man kann nur den Druck regelmäßig messen – letztendlich ist eine Organspende die einzige Lösung. Die Lebenserwartung mit der Diagnose beträgt etwa zwei Jahre. "Im Krankenhaus war ich an den Sauerstoff angeschlossen und bekam schließlich acht Liter pro Minute – das ist sehr viel". Außerdem konnte sie nicht mehr laufen, musste sich im Rollstuhl fortbewegen.

Wie schafft Danuta W. es, die Hoffnung nicht aufzufeben?

Schwerer als die körperlichen Einschränkungen wog die Ungewissheit. Danuta W. hatte das Gefühl, immer schwächer zu werden, gleichzeitig lebte sie mit der Unsicherheit, ob es ein Spenderorgan für sie geben werde. In den 14 Monaten im Krankenhaus unterstütze ihr Mann sie, der optimistisch blieb. "Meine eigene Taktik bestand darin, fest zu glauben, dass es gut gehen wird."

„Ich habe die Zeit in Abschnitte eingeteilt und gehofft, dass ich bis Ende des Jahres ein Spenderorgan bekommen werde“
Danuta W.

Eine gute Nachricht bedeutet ein neues Leben

Als die Krankenschwestern, die sie betreuten, schließlich mit der guten Nachricht kamen, dass es eine Spenderlunge für sie gebe, habe Danuta W. gelacht und geweint. Acht Stunden lang wurde sie operiert, danach atmete sie mit zwei neuen Lungenflügeln. Bis sie körperlich wieder stark genug war, um am Alltag teilzunehmen, sollten aber noch viele Wochen vergehen.

Dankbarkeit gegenüber den Angehörigen des Verstorbenen

Heute geht es der Konstanzerin gut, das bestätigen ihr auch die Ärzte bei den Kontrolluntersuchungen, die jedes Quartal stattfinden. "Längst nicht alle Transplantierten haben solches Glück", sagt sie. Sie habe nur eine kurzfristige Abstoßungsreaktion erlebt, die durch Medikamente wieder aufgefangen werden konnte. Andere Patienten hätten damit mehr zu kämpfen. Über den Verstorbenen, dessen Lunge nun ihre ist, möchte sie nicht nachdenken. Große Dankbarkeit fühlt sie aber der unbekannten Familie gegenüber, die die Lunge ihres Angehörigen zur Transplantation freigab.

Wer als Organspender in Frage kommt – und warum es davon so wenige gibt

In Deutschland gibt es nach wie vor zu wenige Organspender – Patienten wie Danuta W. müssen deshalb so lange auf ein Spenderorgan warten. Liegt dieser Mangel allein daran, dass die meisten Menschen keinen Spenderausweis besitzen? Die Problemlage ist komplex – und die Situation, in der bei einem Patienten der Hirntod festgestellt wird und er als Organspender in Frage kommt, sei gar nicht so häufig, erläutert Andreas Pauli, Transplantationsbeauftragter am Klinikum Konstanz. In Frage kämen lediglich Patienten mit einer Verletzung des Hirns, die zu einem unumkehrbaren Ausfall der Hirnfunktionen zu werden drohe.

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Gebe es einen solchen Patienten, nehme der Transplantationsbeauftragte Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und mit den Angehörigen auf. "Zunächst aber – und das ist ganz wichtig – geht es nur um die Rettung des Patienten", stellt Wolfgang Krüger, Chefarzt der Anästhesie, klar. Erst wenn absehbar sei, dass der Hirntod eintreten werde, gelte es, den Willen des Patienten herauszufinden. Ist dieser nicht schriftlich festgehalten, entscheiden die Angehörigen.

2013 und 2014 gab es Organentnahmen am Konstanzer Klinikum

2017 und 2018 gab es beispielsweise keinen einzigen Patienten am Klinikum Konstanz, der für eine Organentnahme in Frage gekommen wäre, sagt Pauli. "Dieses Jahr gab es eine Kontaktaufnahme mit der DSO, aber letztlich ist der Patient zu schnell verstorben". 2013 wiederum gab es drei Organentnahmen und 2014 zwei Kontaktaufnahmen zur DSO und auch zwei Patienten, denen nach ihrem Hirntod Organe entnommen wurden.

Jedes Krankenhaus sei verpflichtet, jene Diagnosen zu dokumentieren, bei denen es potenziell zu einem Hirntod kommen könne, so Pauli. Der Transplantationsbeauftragte prüft so im Nachhinein, ob alle Patienten, die für eine Organspende in Frage gekommen wären, auch daraufhin überprüft wurden, das Ergebnis berichtet er an die DSO. Für 2017 habe sich ergeben, dass kein Patient übersehen wurde.

Warum gibt es zu wenig Spenderorgane?

Wenn viele Krankenhäuser so aufmerksam sind, was ist dann die Ursache für den Mangel an Organen? Internist Ansgar Reising vermutet, dass viele Bürger sich scheuen, einen Organspendeausweis auszufüllen, weil sie fürchten, eine Klinik würde im Falle eines drohenden Hirntodes die Therapie zu früh auf die Organentnahme ausrichten. Das sei aber nicht der Fall.

Wolfgang Krüger nennt einen weiteren Aspekt: "Es gibt heute mehr Personen mit einer Patientenverfügung. Viele formulieren darin, dass sie, sollte ihr Ende absehbar sein, keine intensivmedizinische Betreuung wünschen." Eine solche intensivmedizinische Versorgung sei jedoch unabdingbar, wenn im Falle des Hirntods eine Organspende erfolgen solle.

Danuta W. lebt heute ihr zweites, geschenktes Leben

Danuta W. hatte sich, kurz bevor sie ins Krankenhaus kam und dort auf ein Spenderorgan wartete, einen Wunsch erfüllt: Sie ist mit ihrem Mann von Stade an den Bodensee umgezogen, es war ein Herzenswunsch.

Dass sie ihr Leben am See lange würde genießen können, war damals alles andere als selbstverständlich. Heute weiß Danuta W. dieses Leben mit jedem Atemzug zu schätzen.