Diese Augen spiegeln so vieles wider. Erfahrung von fast 93 Lebensjahren, unstillbare Neugierde, ein schelmisches Wesen und nicht zuletzt warme Menschlichkeit, mit der er seinen Gesprächspartnern begegnet.

Klaus Dransfeld war an der Oxford University tätig, arbeitete beim Bell Labor in New Jersey und lehrte als Professor der Berkeley University in San Francisco, eine der führenden Hochschulen weltweit.

„Ich liebte es, etwas Neues zu erschaffen“, sagt er. „Wenn es lief, zog ich weiter.“

Davon profitierte auch die Uni Konstanz, wo er 1982 Professor wurde und 1994 emeritierte. Zusammen mit Ehefrau Nelly und den Söhnen Peter und Clemens zog er nach Ermatingen, „da wir in Konstanz nichts gefunden haben. Auch damals gab es eine Wohnungsnot“. Nelly ist im November gestorben, die Söhne machen Karriere in Holland sowie in der Schweiz.

Geboren ist er in Berlin. „Als die Barbarei des Weltkrieges begann, wurde ich mit der Schule nach Polen versetzt“, erinnert er sich. „Zwei Jahre lang war ich weg.“ Den Vater zog es beruflich nach Köln, dort machte Klaus Dransfeld sein Abitur.

Im Krieg erkrankte er an Tuberkulose – was ihm eventuell das Leben rettete

„Mit 17 Jahren wurde ich eingezogen in die Marine“, erzählt er. Nach dem Hitler-Attentat 1944 wurde er an die Ostfront geschickt. Nach Schussverletzungen und Rückzug nach Ostdeutschland kam er in ein Gefangenenlager in Posen. „Eine russische Ärztin diagnostizierte bei mir eine Tuberkulose – mein großes Glück“, berichtet er mit bewegter Stimme, „ich durfte nach Hause.“ Nach dem Krieg studierte er Physik, die Karriere nahm ihren Lauf.

1973 wurde er im Auftrag von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Direktor am deutsch-französischen Hochfeldmagnetlabor Grenoble. Er war als herausragender Experimentalphysiker weltweit geachtet. Seine Arbeiten zum Ultraschall bei sehr hohen Frequenzen sorgten für Furore.

1977 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts, bevor er an die Uni Konstanz ging. Zwei Mitarbeiter seiner Teams in Grenoble und München gewannen den Nobelpreis – Rudolf Mößbauer und Klaus von Klitzing.

Wenn er die heutige Welt betrachtet, bekommt Klaus Dransfeld ein flaues Gefühl

„Unsere Gesellschaft ist durch und durch kapitalistisch. Es geht nur ums Geld“, sagt er. Das Wertesystem sei am Bröckeln, „und das beunruhigt mich, Werte sind existenziell. Ich bin ein gläubiger Mensch, aber nicht kirchengläubig“.

Religiös also im Einsteinschen Sinne: Im Wissen, dass Geheimnisvolles existiert, „was die Physik nicht erklären kann. Wir schießen Raketen auf den Mond, aber die Grundgeheimnisse der Welt bleiben uns verborgen“. Das menschliche Gehirn sei ein Beispiel.

Der Heilige Augustinus habe geschrieben, dass es nichts Schlimmeres gebe als menschliche Neugierde.

„Die Naturwissenschaft hat der Menschheit viel gebracht“, sagt Klaus Dransfeld. „Aber auch die Atombombe.“ Das wecke in ihm Ängste, „da wir ja nicht wissen, wie das ausgeht“. Friede könne nur bestehen, „wenn die Menschen nicht nur Handelsvorteile in der Globalisierung sehen, sondern in der globalen Welt gegenseitiges Verständnis aufbauen“.

Die AfD und ihre Ziele verstehe er nicht. „Was wollen die? Die Abspaltung zum Großdeutschen Reich? Auch für Reichsbürger fehlt mir Verständnis.“ Es sei erstaunlich, wie groß der Zulauf sei, „da spielt die Angst vor Migranten und Fremden eine Rolle“.

Eine Angst, die ihm unbekannt ist. War er doch selbst oft ein Fremder in fernen Ländern – was ihn auch zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist.

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