Das Projekt ist beschlossene Sache: Der Caritas-Verband wird in der Niederburg ein neues Alten- und Pflegeheim mit etwas mehr als 100 Plätzen errichten. Den Bauvorbescheid hat die Caritas bereits erhalten, berichtet Caritas-Vorstand Andreas Hoffmann, derzeit arbeite der Vorstand am eigentlichen Bauantrag. An der öffentlich vorgestellten Planung wird sich aber nichts mehr ändern.

Was stört die Anwohner der Niederburg heute noch?

Von Anfang an gab es Widerstand gegen das Projekt: Anwohner klagen, das Pflegeheim sei zu groß bemessen und eine Kerngruppe kritisierte den Plan, den jetzigen Innenhof der Schule Zoffingen umzugestalten und dabei vier Kastanienbäume zu fällen, vehement. Inzwischen ist es ruhiger geworden.

Die Anwohner sind müde geworden, ihre Argumente zu äußern. In der Sache bleiben sie bei ihren Bedenken. Vieles kann Stephan Schulz, Anwohner der Niederburg, nicht verstehen: "Es wäre gut gewesen, Bürger rechtzeitig einzubeziehen."

Stephan Schulz zeigt auf das Zoffingen-Gebäude, das abgerissen werden soll. Bei einem Neubau hätte er sich einen Gebäudeteil gewünscht, der als Brückenlösung über den Rheinsteig führt. Bilder: Claudia Wagner
Stephan Schulz zeigt auf das Zoffingen-Gebäude, das abgerissen werden soll. Bei einem Neubau hätte er sich einen Gebäudeteil gewünscht, der als Brückenlösung über den Rheinsteig führt. Bilder: Claudia Wagner | Bild: Claudia Wagner

Wie sollte denn nach Wunsch der Anwohner gebaut werden?

Schulz hat nun erneut Initiative ergriffen mit einem alternativen Plan, wie das Alten- und Pflegeheim seiner Meinung nach aussehen könnte. Auch er möchte den Innenhof erhalten. Zudem glaubt er, dass es sinnvoller wäre, wenn die Bewohner des Pflegeheims einen direkten Zugang zum Seerhein hätten.

Und wie soll dieser Zugang funktionieren?

Er stellt sich daher einen Anbau an das Pflegeheimgebäude vor, der in einer Art Brückenform über den Rheinsteig führt. In diesem Anbau könnten, so seine Vorstellung, weitere Bewohnerzimmer untergebracht werden. Ein weiterer Vorteil: Die Bewohner hätten so die Möglichkeit, gefahrlos den Rheinsteig zum Seerhein zu queren – und mit einer geschickten Architektur könne man diese Querung auch den Bewohnern der Niederburg ermöglichen.

Gibt es für diese Bauform schon andere Beispiele in der Stadt?

Schulz verweist in seinem Schreiben an die Caritas darauf, dass solche Brückenlösungen in verschiedenen Städten realisiert würden – ein Vorbild in Konstanz selbst gebe es auch: die Gebäudebrücke, die den Elektronikmarkt und den Anbau der Moschee in Petershausen miteinander verbindet.

Wie reagiert die Caritas auf die neuerlichen Beschwerden der Anwohner?

Andreas Hoffmann, seitens der Caritas für das Projekt verantwortlich, erteilt der Idee allerdings eine Absage: Eine solche Konstruktion sei an dieser Stelle wegen der statischen Bedingungen nicht möglich, schreibt Hoffmann in einer E-Mail. Die Gründung des Gebäudes wäre aufgrund der Nähe zum Seerhein zu aufwendig, die Tragfähigkeit in Wassernähe sei nicht gegeben.

Wäre die alternative Lösung aus baurechtlicher Sicht machbar?

Zweitens sei es schwer vorstellbar, dass die hohe Verkehrsbelastung des Rheinsteigs für die Lösung spreche. "Welcher der Bewohner, pflegebedürftige noch dazu, würde sich ein Zimmer wünschen, unter dem täglich etwa 21.000 Autos durchfahren?", fragt Hoffmann. Außerdem müsste die Durchfahrtshöhe an dieser Stelle 3,50 Meter betragen – damit müsste man auf zwei Stockwerke verzichten. Hoffmann betont, dass man die Bürger sehr früh über die Pläne informiert und einbezogen habe.

Bild: Claudia Wagner

Worum geht es Stephan Schulz abgesehen vom konkreten Projekt in der Niederburg?

Stephan Schulz wird seine Pläne wieder zusammenfalten müssen. Dass Bürgerbeteiligung und auch konkrete Einmischung seitens der Bürger notwendig ist, davon ist er weiterhin überzeugt. Dass Bürgerbeteiligung in Konstanz ehrlich und ernsthaft umgesetzt wird, daran hat er zunehmend Zweifel.

Worum es den Anwohnern geht und was die Caritas sagt

  • Die Bürgerbeteiligung: Andreas Hoffmann verweist darauf, dass die Caritas die Bürgerbeteiligung zum frühestmöglichen Zeitpunkt begonnen habe. Damit wehrt er sich gegen Vorwürfe, die Anwohner seien zu spät über das Projekt informiert worden und hätten nicht mehr reagieren können. Am 31. Mai 2017 habe der Gestaltungsbeirat das geplante Projekt begutachtet und darüber aus seiner Sicht positiv entschieden. Am selben Abend habe ein Informationsabend für die Anwohner in der Niederburg stattgefunden. Im Juli 2017 sei die Bauvoranfrage dann bei der Stadt eingereicht worden.
  • Dimension und Integration: Die Anwohner können sich nicht vorstellen, dass 100 Bewohner eines Altenheims sich auf so dichtem Raum wohlfühlen und gut ins Viertel integrieren können. Stephan Schulz verweist auf die Schwierigkeiten, das Kopfsteinpflaster der Niederburg mit Rollator oder Rollstuhl zu begehen oder zu befahren. Auch fehle es an einer Infrastruktur zum Einkaufen in der Nähe. Im Grundsatz haben die Anwohner nichts gegen ein Altenheim, es sei klar, dass der Bedarf bestehe, sagt Schulz. Anwohnerin Ulrike Krank kritisiert die Verkehrssituation. Sie glaube nicht, dass die Caritas bedacht habe, dass der Betrieb des Pflegeheims viele Verkehrsbewegungen hervorrufen werde.
  • Der Kastaniengarten: An ihm machen die Anwohner ihre Emotionen fest. Sie verbinde viele Erinnerungen an die vier Kastanien im Innenhof von Zoffingen, sagt Ulrike Krank, die gegenüber wohnt und in der Niederburg aufgewachsen ist. Es tue ihr leid um die alten Bäume. In einem Papier zum Thema schreibt die Caritas, dass die Pläne nicht erlaubten, diese Bäume zu erhalten. Sie plane aber die Anlage eines größeren Gartens anstelle des versiegelten Schulhofs. An Grün werde es nicht mangeln.
  • Stricken fürs Gemüt: Ulrike Krank will sich in Zukunft nicht mehr intensiv zum Pflegeheim äußern. Sie hat resigniert, was den Dialog mit der Stadt und der Caritas angeht. Aus ihrer Sicht hätten Stadt und Gemeinderat "verpasst, etwas Positives zu schaffen und eine gemeinsame Lösung zu finden". Dass es ihr auch darum geht, dass sie nicht auf eine 20 Meter hohe Wand blicken möchte, erwähnt sie ebenfalls. Den Anwohnern ist vorgeworfen worden, sie hätten eigene Interessen im Sinn. Die Erfahrungen mit der Debatte hat Ulrike Krank nun auf praktische Art verarbeitet: Die Kastanienstämme hat sie umstrickt – "ich wollte mal etwas Positives machen."