Auf die Frage, wie er auf die Idee kam, den Langfilm „203 Tage“ zu drehen, antwortet Simon Carl Köber: „Aus Frust.“ Unumwunden fügt er hinzu: „Es war die egozentrische Idee, den Frust irgendwohin packen zu wollen. Und es ist die normale Reaktion, Kunst zu machen.“

Sein Film ist nicht nur Kunst, sondern ein Dokument der Zeitgeschichte, denn Köber und die Protagonisten des Films nehmen die Zuschauer mit hinter die seinerzeit geschlossenen Türen des Konstanzer Stadttheaters, wo niemand die Füße hochlegte, sondern mehr gearbeitet wurde, als vor der Pandemie.

Hinter den Kulissen ging es weiter

„203 Tage, sechseinhalb Monate war das Theater geschlossen“, konstatiert Simon Carl Köber. Das stetige Zittern, Bangen und vor allem das Hoffen, endlich wieder den Spielbetrieb aufnehmen zu können, dann wieder die nächste Verlängerung des Lockdowns – eine zermürbende Zeit. „Ich will Regisseur werden. Wir haben ständig an Produktionen gearbeitet, die nicht rauskamen“, erzählt Köber und fügt an: „Im Januar war ich total frustriert. Das Absurde: Wir haben eigentlich viel mehr gearbeitet und geprobt, aber es ging nicht los.“ Nur hat davon eigentlich niemand außerhalb der Theaterwelt etwas mitbekommen.

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Doch das ändert sich jetzt mit Köbers Dokumentarfilm, der die Zuschauer hinter die seinerzeit verschlossenen Türen mitnimmt, und zeigt, was während des Stillstands nicht still stand und zwar pars pro toto. „Exemplarisch für 300 Sprechtheater in Deutschland und Millionen Künstler weltweit, die in dieser unfassbaren, absurden, verletzlichen und traurigen Lage waren“, sagt Simon Carl Köber, der in das älteste, bespielte Theater Deutschlands, „dem kleinen Theater in einer kleinen Stadt am Rande der Republik“, das 203 Tage nicht bespielt war, wie er sagt, blickt.

Köber: „Was geht hier eigentlich ab?“

Mitte März 2021 begann er mit dem Dreh. Den Schlusspunkt setzt er mit dem ersehnten Spielbeginn im Mai, womit der Dokumentarfilm ein Happy End hat. „Es ist ein Zeitprodukt“, sagt Simon Carl Köber. Er ist den Menschen dankbar, die er während ihres Arbeitsalltags im Lockdown begleiten durfte – von der Kulissenmalerin bis zur Intendantin. Acht Menschen rückt er in den Fokus. Was ihn beeindruckte: „Es sind Menschen, die so reflektiert und gut erzählen können, was in ihnen vorgeht.“

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In den Werkstätten des Konstanzer Stadttheaters wurde auch während des Lockdowns ganz normal gearbeitet. „Das Traurige dabei: Sie haben Dinge für Stücke geschaffen, die verschoben oder gar gestrichen werden mussten“, so Köber. „Der ergreifendste Moment für mich war im Malsaal“, berichtet der 22-Jährige. Die Bühnenmalerin hatte einen Zettel, auf dem alle Stücke gelistet waren. Und es war mit einem Blick ersichtlich: „21 Produktionen, nur vier Premieren – und dann war erst einmal nichts.“ Und er fragte sich innerlich: „Was geht hier eigentlich ab?“

Was im Leben wirklich wichtig ist...

Die Pandemie und die Lockdowns nötigten auch zur Reflexion, der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der Situation. „Es hat dazu geführt, dass man nachdachte, was uns die Kunst bedeutet“, so Köber. „Theater ist ein Ort, wo sich Menschen versammeln, sich gemeinsam auf eine Sache konzentrieren und anschließend diskutieren“, beschreibt Simon Carl Köber, der den Stillstand mit dem Blick von der Bühne in den leeren Zuschauerraum visualisiert.

Filmemacher Simon Carl Köber zeigt seinem Dokumentarfilm „203 – Das Theater Konstanz im Lockdown“ am 9. November im Zebra-Kino.
Filmemacher Simon Carl Köber zeigt seinem Dokumentarfilm „203 – Das Theater Konstanz im Lockdown“ am 9. November im Zebra-Kino. | Bild: Scherrer, Aurelia

Er erzählt von seinem Interview mit Intendantin Karin Becker und der „dramatischen Geschichte“, wie eine neue Intendantin, mit einem neuen Team und langjährigen Ensemblemitgliedern durchstarten möchte, Visionen und Ideen umsetzen möchte, aber abrupt ausgebremst wird und stattdessen Krisenmanagement leisten muss.

Gleichzeitig war allen trotz des Verzichts bewusst: „Es wurde klar, dass Gesundheit und die Familie wichtiger sind, als die eigene Kunst zum Ausdruck zu bringen“, so Köber, der wieder an das Interview mit Karin Becker denkt, denn: „Sie sagte damals, dass ein geschlossenes Theater zwar etwas Furchtbares ist, es aber weitaus größeren Schmerz gibt, als das.“

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Das Bewegende des Dokumentarfilms ist, dass die Theaterleute über den eigenen Tellerrand blicken. Gleich mehrere seiner Interviewpartner haben auf die prekäre Situation der Freiberufler hingewiesen, die plötzlich ohne Einkommen und bar einer Perspektive dastanden. Das machte bewusst, dass „wir Festangestellten in einer komfortablen Lage sind und ein festes Gehalt beziehen. Das ist ein Geschenk“, sagt Simon Carl Köber.