Der Ort, an dem sich Hennemann treffen will, ist an Bescheidenheit schwer zu überbieten. Ein Gärtlein in Petershausen am Wohngebiet Bismarcksteig, nur drei lange Schritte breit. Hier ein einzelner Strauch mit reifen Tomaten, in die man reinbeißen möchte, da wilde Blumen.

Bild: Eva Marie Stegmann

Der 1,81 große, breitschultrige Hennemann hockt sich auf die Bank. Aus der Brusttasche seines schwarzen Sakkos blitzt ein Einstecktuch. Er will über seine Vision von Konstanz sprechen- und was sie mit dem Gärtchen zu tun hat.

Aber die Journalistin stellt Fragen zum Wahlkampf.

Frage: „Herr Hennemann, was denken Sie über die anderen Kandidaten?“ Antwort: „Mein Fokus liegt auf meinem eigenen Wahlkampf.“ Frage: „Finden Sie, Burchardt hat einen guten Job gemacht?“ Antwort: „Das müssen die Wähler entscheiden.“

Andreas Hennemann mit SÜDKURIER-Redakteurin Eva Marie Stegmann im Garten am Bismarcksteig.
Andreas Hennemann mit SÜDKURIER-Redakteurin Eva Marie Stegmann im Garten am Bismarcksteig. | Bild: Scherrer, Aurelia

Es sind die wenigen Momente im Laufe dieser 120 Minuten, in denen sein freundliches Gesicht einen abweisenden Zug annimmt. Wenn er über seine Konkurrenten sprechen soll, kritisch über sie sprechen soll.

Leiser Wahlkampf im lauten Jahr 2020

In einer Zeit, in der 500 Twitter-Zeichen Karrieren zerstören und Bewegungen entfachen können, in der also das scharfe, zugespitzte Wort so enorme Macht hat, will Andreas Hennemann einen integren und leisen Wahlkampf führen.

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Er will Hennemann sein, der nette Kerl, als den ihn die meisten Bekannten bezeichnen. Ist das mutig oder verschenkt, langweilig oder irgendwie fast schon wieder revolutionär?

So will er ein Identitätsgefühl schaffen

Gut. Kommen wir also zum Gärtchen. Es ist der Gemeinschaftsgarten am Bismarcksteig. Die Anwohner pflanzen mit, der Kindergarten um die Ecke, Geflüchtete. Die Gärten sollen der Startort für eine Idee des Kandidaten Hennemann sein: das grüne Band.

Andreas Hennemann beim Treffen mit dem SÜDKURIER in Petershausen.
Andreas Hennemann beim Treffen mit dem SÜDKURIER in Petershausen. | Bild: Scherrer, Aurelia

Damit sind begrünte Flächen gemeint, die sich durch ganz Konstanz ziehen – schon existierende und noch zu schaffende. Der Clou: An deren Gestaltung sollen alle mitwirken. So, dass darauf am Ende jeder was findet, vom Kleinkind bis zum Senior. Es geht dabei auch um ein Gefühl: um Identität. Viele Konstanzer, das hat Andreas Hennemann festgestellt, fühlen sich von ihrer Stadt entfremdet.

Er zeigt auf den Erdboden. „Darunter fließt die Bismarckquelle. Ideal für einen Wasserspielplatz.“ Kinder brauchten so wenig, um Spaß zu haben. Matsch, Wasser, Erde. Manchmal ist es so einfach.

Er schaut auf die Uhr. Station zwei an diesem Vormittag ist der Wochenmarkt in Petershausen, die Unterstützer warten dort schon. Also los auf das schwere Kampagnenfahrrad, in dessen hölzernem, dunklem Bauch sich Flyer, Getränke und Desinfektionsmittel verbergen. Sein jüngerer Bruder Michael, der Schreinermeister, hat das Rad umgebaut.

Der soziale Aufstieg ist geglückt

Andreas war der erste in der Familie, der Abitur gemacht hat, Michael zog nach. Seine Mutter, eine Frisörin, und sein Vater, ein gelernter Zimmermann, haben selbst zurückgesteckt, damit die Söhne den sozialen Aufstieg schaffen können. Nun ist Andreas Hennemann Anwalt in einer der wohl schönsten Städte Deutschlands. Aber er weiß, wie es ist, in einfacheren Verhältnissen zu leben.

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„Die ganze Stadt im Blick“ prangt als Slogan auf seinem Rad. Frage: „Herr Hennemann, was muss passieren, damit Sie der Wahlkampf frustriert?“ Antwort: „Hm. Vielleicht, wenn nur Meckerer ohne Vorschläge an den Stand kommen.“

Ja, ein künftiger Oberbürgermeister Hennemann würde die Konstanzer fordern. Er will neben seinen eigenen auch ihre guten Ideen für die Stadt.

Wichtigstes Accessoire im Wahlkampf: Notizbuch

Am Markt angekommen, positioniert er sich strategisch günstig im Kreisel. Er zückt sein wichtigstes Accessoire im Wahlkampf: ein Notizbuch. Dahinein sollen die Ideen der Konstanzer. Die zentralen Waffen des Wahlkämpfers Hennemann werden in den nächsten 60 Minuten sein aufmerksamer Blick und seine Ohren sein.

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Eine Bürgerin rollt mit Rollator heran. Sie erzählt, wie es ist, als Mensch mit Behinderung in Konstanz. Im Bus. Am Bahnhof. Hennemann notiert in sein Buch, sagt zwischendurch: „Das ist ein toller Vorschlag.“

Nach 15 Minuten stellt sich ein Mann an.

Doch Hennemann hört weiter so intensiv zu, als gäbe es nur ihn und die Frau. Als die Warteschlange auf zwei Personen anwächst, zeigt er mit einem kurzen Lächeln, dass er um ihre Existenz weiß. Sie dürfen nicht gehen. Jeder Bürger zählt, jede Stimme. Was, wenn es ihnen zu lange dauert?

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„Ein Punkt noch“, sagt die Gesprächspartnerin nun. Hennemann nickt bedächtig, keine Spur hektisch. Dann sagt er: „Ich habe jetzt einiges aufgeschrieben. Ich würde wirklich gerne mit Ihnen telefonieren.“ Sie freut sich. Er auch.

Das Wettern übernehmen die Bürger

Als es weitergeht, wird klar: Das Wettern gegen den Hauptkonkurrenten, den amtierenden OB, übernehmen die Bürger größtenteils selbst.

Auf dem Konstanzer Wochenmarkt kommt OB-Kandidat Andreas Hennemann (links) ins Gespräch mit den Bürgern.
Auf dem Konstanzer Wochenmarkt kommt OB-Kandidat Andreas Hennemann (links) ins Gespräch mit den Bürgern. | Bild: Scherrer, Aurelia

Ein Mann ereifert sich: „Die Wobak wird kaputt gespart, das sind alles nur Lippenbekenntnisse von Uli Burchardt. Er hat so viel versaut, warum wurde beim Laubenhof das Vorkaufsrecht der Stadt nicht genutzt?“

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Hennemann erläutert seine Wohnpolitik-Vision: „Wohnraum darf kein Spekulationsgut sein, sondern muss der Allgemeinheit dienen.“ Er will die Wobak stärken und Unternehmen in die Pflicht nehmen, für Mitarbeiter Wohnraum anzubieten oder Belegrechte bei der Wobak zu erwerben. Das gefällt dem Bürger.

Die Formel: Identität schafft Verantwortung

Die Nächste, eine Studentin, beschäftigt der Zwist am Herosé zwischen Feiernden und Anwohnern: „Wieso baut man ans Ufer teure Häuser, wo man weiß, dass das Areal auch Jugendliche anziehen wird? Mir kommt es vor, dass der Oberbürgermeister nur für Gutverdiener Politik macht! Und nun wird vom Platz- und Alkoholverbot gesprochen! Schändlich!“, so ihr Urteil.

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Andreas Hennemann sagt, dass er kein Verbot will, sondern Präsenz von Polizei und Sozialarbeitern. Und auf lange Sicht viel mehr Orte für die Jugendlichen. Die will er zusammen mit ihnen entwickeln. „Wer fühlt: ‚Das ist unser Platz‘, der übernimmt auch Verantwortung dafür.“

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