Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich Gemeinderäte als Stadtplaner betätigen dürfen. In Gottmadingen ist der Kreis der Planer indirekt sogar noch erweitert. Das liegt an dem im Dorf häufig angewandten Instrument der Bürgerbeteiligung. Immer, wenn es um große Projekte geht, eröffnet die Verwaltung eine Bürgerwerkstatt. Dort können die Menschen ihre Ideen und Wünsche einbringen. Der offene Beteiligungsprozess soll die Bedürfnisse in der Kommune ermitteln und späterer Frustration vorbeugen.

So bürgernah dieser Prozess ist, so herausfordernd ist anschließend die Umsetzung. Denn eines ist von Anfang an klar: Aus der Fülle der Wünsche und Anregungen muss herausgefiltert werden, was tatsächlich zu der Gemeinde passt und was sich überhaupt praktisch umsetzen lässt. Solange es um die Wunschliste geht, handelt es sich meist um Maximalforderungen. So ist das auch beim Quartier 2020, das sich nach dem Umzug der Eichendorff-Realschule zum neuen Schuljahr in ein völlig neues Wohnquartier verwandeln soll.

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Jetzt müssen viele Grundsatzfragen geklärt werden

Die Phase des Wünschens ist längst vorbei. Jetzt muss aus der Vielfalt ein Konzept gestrickt werden. Das ist für die Gemeinderäte eine Herkulesaufgabe. Schon alleine die Frage, ob das Gelände zur Realisierung aufgeteilt und an verschiedene Bauträger vergeben oder als Ganzes ausgeschrieben werden soll, ist bisher ungelöst. In kleinen Schritten versuchen Verwaltung und Gemeinderat, sogenannte Leitplanken zu ziehen, anhand derer ein Pflichtenheft für mögliche Investoren erarbeitet wird.

Mit diesem Plakat warb die Gemeinde Gottmadingen bei den Bürgern um die Beteiligung an der Bürgerwerkstatt zum Quartier 2020.
Mit diesem Plakat warb die Gemeinde Gottmadingen bei den Bürgern um die Beteiligung an der Bürgerwerkstatt zum Quartier 2020. | Bild: Trautmann, Gudrun

Zu viel sozialer Wohnungsbau kann Investoren abschrecken

Zuletzt ging es um die Frage, wie sich Eigentumswohnungen und Mietwohnungen anteilig im Gelände aufteilen sollen. Schnell war man sich einig, 50 Prozent der neuen Geschossflächen als Mietwohnungen zu planen. Doch dann ging es um die Frage, wie viele dieser Wohnungen preisgebunden für sozial schwächere Familien zur Verfügung gestellt werden sollen.

Die SPD/UL pokerte hoch und wollte einen künftigen Investor dazu verpflichten, die Hälfte der Mietwohnungen sozialverträglich zu bauen. Das würde aber bedeuten, dass die Mieteinnahmen 33 Prozent unter der ortsüblichen Miete liegen müsste. Und das bei einer Bindung auf 25 bis 30 Jahre. Bürgermeister Michael Klinger warnt vor einem so starken Eingriff, weil er davon ausgeht, dass mögliche Investoren von der Preisbindung abgeschreckt werden könnten.

Ziele mit einer gewissen Flexibilität vereinbart

Fraktionssprecher Eberhard Koch (FW) hält das ebenfalls für ein sehr ehrgeiziges Ziel, das man ansteuern könnte. Allerdings nur mit einer eingebauten Rückzugsmöglichkeit, falls sich kein Investor für dieses Modell erwärmen würde. Und Bernd Schöffling (CDU) warnte überhaupt davor, dass man sich durch zu enge Vorgaben andere Möglichkeiten verbaut. Er plädierte für einen Mietwohnungsanteil zwischen 30 und 50 Prozent. Davon sollten Null bis 30 Prozent als Sozialwohnungen gefördert werden.

Bernhard Gassner (SPD/UL) erinnerte: „50 Prozent Mietwohnungen, das bezieht sich nur auf den Geschosswohnungsbau. Wir sollten nicht zu viele Einschränkungen machen. Was gebaut werden soll, hängt von einem guten städtebaulichen Entwurf ab.“

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Investoren-Ideen sollen auch gewichtet werden

Einig ist man sich mit dem Rathauschef, dass eine bunte Mischung gewünscht ist. Nur wie die aussehen soll, darüber gibt es viele Meinungen. Klinger will bei der späteren Vergabe auch berücksichtigen, was ein Investor sonst noch an Ideen mitbringt. Da kann es zum Beispiel eine Alters-Wohngemeinschaft oder Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderungen gehen, wie sie die Caritas in dem Gelände plant.

Die Umgebung der Eichendorff-Realschule in Gottmadingen ist geprägt von Einfamlienhäusern. Von hier muss ein harmonischer Übergang zum künftigen Geschosswohnungsbau geplant werden.
Die Umgebung der Eichendorff-Realschule in Gottmadingen ist geprägt von Einfamlienhäusern. Von hier muss ein harmonischer Übergang zum künftigen Geschosswohnungsbau geplant werden. | Bild: Trautmann, Gudrun

Jetzt ist auch die Gottmadinger Stadtplanung in der Pflicht

Bernd Gassner bringt das Problem der Räte auf den Punkt: „Mit 1,5 Hektar ist das Gelände nicht groß.“ Gesellschaften wie die Hausgenossenschaft Ökogeno oder das Siedlungswerk, mit denen die Gemeinde im Gespräch ist, würden solche Quartiere in größeren Städten problemlos alleine bebauen. „Es ist Aufgabe der Gemeinde ein Pflichtenheft für den Investor zu erstellen“, sagt Gassner. „Wenn wir Abschnitte bilden wollen, müssen wir einen Plan mit Vorgaben liefern.“ Das sei Aufgabe der Stadtplanung, erinnerte Eberhard Koch.

Konsens in der Debatte über Mietwohnungen gefunden

Am Ende fanden die Räte doch noch einen Konsens. Danach sollen 50 Prozent der neuen Geschossflächen als Mietwohnungen gebaut werden. Für die geförderten Sozialwohnungen will man sich einen Korridor zwischen 20 und 50 Prozent bezogen auf den gesamten Mietwohnungsbau offen lassen, um flexibel zu bleiben. Andere Themen wie altersgerechte Wohnformen oder multifunktionale Räume sollen bei der Vergabe an einen Investor berücksichtigt werden. Mit dieser Einigung zeigt sich Michael Klinger hochzufrieden.

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