1700 Mitglieder hat die Luthergemeinde in Gottmadingen. Zu der kleinen schmucken Kirche gehören ein heller Wintergarten und ein schöner Innenhof. Doch alles liegt derzeit brach. Keine Präsenzgottesdienste, keine Gemeindeversammlungen, keine Feste, einfach nichts. „Im Dezember haben wir im Pfarrgemeinderat entschieden, die Gottesdienste komplett auszusetzen“, sagt Pfarrer Bernd Stockburger. „Wir wollten im Sinne der Corona-Verordnung ganz sicher gehen, dass sich in der Gemeinde niemand ansteckt.“ Als Klinikseelsorger habe er gesehen, wie die Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenze kamen.

Aus Angst vor Corona blieben Kirchgänger weg

Der letzte Präsenzgottesdienst in der Kirche fand vor dem dritten Advent statt. An Heilig Abend gab es noch zwei Feiern im Hof. Doch seither herrscht Stille. Auf Dauer sei das schwierig, sagt Stockburger. Ihm fehlen die Gottesdienste mit der Gemeinde, die Samstage mit den Konfirmanden und die Kindergottesdienste. In einer Befragung bekam er von den Gemeindemitgliedern ganz ähnliche Rückmeldungen. Von den etwa 70 regelmäßigen Kirchgängern hätten sich aus Angst vor Corona viele mit dem Besuch der Kirche zurückgehalten. Stockburger ist dann zuerst dazu übergegangen, Grußbotschaften auf Karten zu schreiben und diese an die Gemeindemitglieder zu verteilen.

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Warum nicht eine Sofa-Predigt mit einer Tasse Kaffee?

Doch nun hat er auf Video-Gottesdienste umgestellt und bekommt Unterstützung von Kirchengemeinderäten. Das ist eine ganz neue Erfahrung. „Es fällt mir noch schwer, mir in der leeren Kirche hinter der Kamera die Gemeinde vorzustellen“, sagt Stockburger. So stellt sich ihm die Frage: „Wäre es nicht konsequent, wenn wir einen Wohnzimmer-Gottesdienst ins Netz stellen würden mit Sofa-Predigt und einer Tasse Kaffee?“

Pfarrer Bernd Stockburger links sucht im Altarraum der Lutherkirche die richtige Position für seine Predigt, die von Hans-Peter Barth aufgezeichnet werden soll. Jürgen Hermann (Mitte) hat die Aufgabe übernommen, die einzelnen Sequenzen am Schneidepult für das Video zusammenzufügen.
Pfarrer Bernd Stockburger links sucht im Altarraum der Lutherkirche die richtige Position für seine Predigt, die von Hans-Peter Barth aufgezeichnet werden soll. Jürgen Hermann (Mitte) hat die Aufgabe übernommen, die einzelnen Sequenzen am Schneidepult für das Video zusammenzufügen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Gemeindemitglieder werden zu You-Tubern

Noch ist es nicht so weit. Noch finden die Videoaufzeichnungen in der Kirche statt. Diesmal spielt die Leiterin des Pop- und Gospelchors Birgit Mehlich schmissige Kirchenlieder auf der Orgel. Der Wortgottesdienst wird am nächsten Tag im Altarraum aufgenommen. Hans-Peter Barth hat seine Kamera auf ein Stativ gestellt. Das aufgesteckte Mikrofon ist eine Lehre aus dem ersten Video. Man hatte nicht mit der Lautstärkediskrepanz von Musik und gesprochenem Wort gerechnet. Das Zusammensetzen des Puzzles kostete Jürgen Hermann viele ehrenamtliche Stunden Computerarbeit. Von 13 Uhr am Samstag bis 5 Uhr früh setzte er die Fragmente zusammen, bis der digitale Gottesdienst stand. Daraus haben alle gelernt. Die Corona-Zeit biete auch Chancen, sagt Bernd Stockburger und meint damit auch das Nachdenken über neue Angebote der Kirche. Zu den Gottesdiensten gelangt man im Internet: http://evang-gottmadingen.de

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