Kaum hat Herbert Buchholz damit begonnen, das Angebot der Nachbarschaftshilfe zu erklären, steht ein Mann in den Büroräumen an der Bahnhofstraße in Gottmadingen und fragt, wer seine Mutter am nächsten Tag zum Arzt fahren kann. Der Vater ist pflegebedürftig und während er selbst bei ihm bleibt, brauche er einen Fahrer, der die Mutter begleite. „Morgen ist ein bisschen kurzfristig“, überlegt Herbert Buchholz laut. Neben ihm sitzt Beate Bergmann und fragt, um welche Strecke und Zeit es geht. „Der Termin ist 10.15 Uhr, sie müsste von Bietingen nach Gottmadingen„, erklärt der Mann. „Kein Problem, ich fahre Sie“, sagt Bergmann. So sieht Nachbarschaftshilfe aus.

Bisher konnten sie (fast) jeden Wunsch erfüllen

Ein solches Angebot hat Herbert Buchholz in Gottmadingen in der Vergangenheit vermisst. Der ehemalige Gemeinderat sieht sich als Motor für die Nachbarschaftshilfe Gottmadingen, die in ihren ersten vier Monaten gut angenommen wurde: Inzwischen haben sich 20 bis 25 Helfer gemeldet, allein im März haben sie 34 Stunden und rund 500 Kilometer geleistet. Fahrdienste machen laut Buchholz zwei Drittel der Anfragen aus, das zeige die teils schwierige Verbindung besonders von den Ortsteilen zu Fachärzten in Singen. Außerdem bietet die Nachbarschaftshilfe Unterstützung beim Einkaufen, im Garten oder Haushalt. Nicht jede Hilfe sei bisher gefragt: Ein Helfer biete beispielsweise an, für einen älteren Menschen zu kochen, doch da habe noch niemand Bedarf gemeldet. Wenn jemand Hilfe suchte, hätten sie jeden Wunsch erfüllen können. Nur selten müssten sie nein sagen: Als eine jüngere Frau danach fragte, ob ihr jemand ein Zimmer streichen könne, verwies Buchholz an einen Malerbetrieb. Denn das Angebot richtet sich besonders an ältere Menschen, die Hilfe im Alltag brauchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Zahl der Anfragen steigt langsam und das sei auch gut so.

„Wir müssen ja auch Helfer haben und die Administration in den Griff kriegen“, sagt Herbert Buchholz. Dabei gebe es seit eineinhalb Jahren keinen Tag, an dem er sich nicht mit der Nachbarschaftshilfe beschäftigt habe – auch wenn sie erst zum Januar gestartet ist. Zuvor habe er sich bei anderen Initiativen umgesehen. Auch dort sei die Nachfrage langsam gestiegen – auf bis zu 17 000 Einsatzstunden pro Jahr auf der Höri.

„Für einen neuen Verein sind die Hürden extrem hoch“

Bis sie eine so große Unterstützung leisten könnten, muss die Nachbarschaftshilfe Gottmadingen noch einige Probleme lösen. „Für einen neuen Verein sind die Hürden extrem hoch“, beklagt Buchholz. Und dabei geht es besonders ums Geld. Dank einer Spende des Krankenpflegevereins in Höhe von 6000 Euro seien die Kosten in diesem Jahr gedeckt – die Spende war 2018 ein Auslöser dafür, die langjährige Idee einer Nachbarschaftshilfe in die Tat umzusetzen. Doch für 2020 seien sie auf Unterstützung angewiesen. Buchholz bereitet einen Antrag an die Anneliese-Bilger-Stiftung vor und sagt: „Ohne das wird es nicht funktionieren.“ Er rechnet damit, dass 5000 Euro nötig sind.

Noch können sie nicht bei Pflegekassen abrechnen

In Arbeit sei derzeit auch noch die Anerkennung des Landratsamtes nach der sogenannten Unterstützungsangebote-Verordnung – nur wenn diese erfolgt ist, könne die Nachbarschaftshilfe ihre Arbeit bei Pflegekassen abrechnen. Doch Voraussetzung sei, dass jeder Helfer eine 30-stündige-Schulung absolviere. „Das ist eine sehr hohe Hürde“, sagt Buchholz. Bisher hätten nur einige von ihnen an einer solchen Schulung teilgenommen. Ebenfalls eine Herausforderung ist eine Forderung der Berufsgenossenschaft, bei der die Helfer für die Zeit ihrer Einsätze angemeldet sind. Denn die verlange eine pauschale Bezahlung der Helfer – pro Monat, nicht pro Stunde oder Einsatz. Noch sei für ihn aber nicht absehbar, wie sich die Zahl von Kunden und Einsätzen entwickle, sagt Buchholz, und wie häufig die Helfer im Einsatz sind.

Das könnte Sie auch interessieren

„Es wird uns nicht leicht gemacht“, fasst der ehemalige Gemeinderat zusammen. Dabei sei unstrittig, dass der Bedarf groß sei – „manche alten Leute haben niemanden mehr“, die Gesellschaft habe sich verändert. „Aber wenn man als Nachbarschaftshilfe daran etwas ändern möchte, ist der bürokratische Aufwand gewaltig.“ Davon will sich Herbert Buchholz aber nicht unterkriegen lassen. Dabei kann auch er sich auf die Unterstützung anderer verlassen: In Gottmadingen würden fünf bis sechs Ehrenamtliche das Projekt maßgeblich vorantreiben, in der Region gebe es außerdem einen guten Austausch unter den Nachbarschaftshilfen. Damit auch Helfer auf eine helfende Hand zählen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie Nachbarschaftshilfe funktioniert und wo es eine gibt

  • So funktioniert die Hilfe: Wer Hilfe für sich selbst oder andere benötigt, wendet sich an Beate Bergmann oder Ursula Niemczyk im Büro. Das Angebot richtet sich besonders an ältere Menschen, damit sie so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Auch Hilfe suchende Familien und pflegende Angehörige sollen entlastet werden. Dabei übernimmt die Nachbarschaftshilfe aber keine Pflegetätigkeiten – sie will die Angebote sozialer Einrichtungen ergänzen, aber nicht ersetzen, wie Herbert Buchholz betont. Das Büro ist montags von 10 bis 12 Uhr und mittwochs von 16 bis 18 Uhr geöffnet (Bahnhofstraße 8/1 in Gottmadingen). Vera Hilpert kümmert sich um die Einsatzleitung. Wenn es um einen Hilfsdienst zuhause geht, kommt sie vorab zu einem Erstgespräch vorbei und klärt den Bedarf, um anschließend den passenden Helfer anzufragen. Die Arbeitsstunde eines Helfers kostet zwölf Euro, dazu kommen bei Fahrten 0,30 Euro pro Kilometer. Die Nachbarschaftshilfe für Gottmadingen und seine Ortsteile ist ein Angebot des Sozialkreises. Sozialkreis-Mitglieder bezahlen elf Euro pro Einsatzstunde eines Helfers.
  • Weitere Angebote: Der Landkreis Konstanz listet verschiedene Einrichtungen, Vereine und Initiativen der Nachbarschaftshilfe für den Hegau. In Engen, Steißlingen, Singen oder Rielasingen-Worblingen ist demnach die jeweilige Sozialstation ansprechbar. In Tengen gibt es den Initiativkreis „Gut leben“ für Watterdingen und Weil. In Singen gibt es außerdem die Johanniter-Unfall-Hilfe sowie seit Jahresbeginn den Verein „Nachbarn helfen“, der sich auf Stadtteile wie Hausen und Beuren konzentriert. Vorreiter in der Region ist das soziale Netzwerk Aach, wo auch Mitglieder der Nachbarschaftshilfe Gottmadingen erste Erfahrungen sammelten. Die Nachbarschaftshilfe in Aach gibt es seit neun Jahren, der Verein meldete für 2018 1736 Einsatzstunden und über 10 000 Kilometer für Einsatzfahrten.