Herr Psczolla, sind Sie ein gottesgläubiger Mensch?

Ich komme aus einer gläubigen Familie. Mein Vater war Pfarrer und Schulleiter für ein Kindergärtnerinnen-Seminar. Er vertrat die Lehren des Pfarrers und Sozialreformers Oberlin. Meine Mutter war streng gläubig. Eine zeitlang wollte ich davon überhaupt nichts mehr wissen. In meiner Abiturklausur habe ich ein emotionales Traktat zur These von Karl Marx „Ist Religion Opium fürs Volk?“ geschrieben. Das war wie ein Befreiungsschlag. Aber mit der Zeit habe ich zum Glauben zurückgefunden. Heute schöpfe ich sehr viel Kraft aus dem Glauben.

Der Arzt hat zum Glauben zurückgefunden

Was ist passiert, dass es zu dieser Umkehr kam?

Das liegt wohl auch mit an der Medizin, die uns immer wieder zeigt, dass wir längst nicht alles wissen und erklären können. Als Arzt stößt man immer wieder an Schranken und Grenzen. Und dann ist es gut, ein wenig Demut gegenüber der Schöpfung und eine Instanz zu haben, der wir vertrauen und an die wir auch etwas abgeben können.

Ist das auch der Grund für Ihr Engagement in der Bergkirche?

Neben der Arbeit als Arzt ist die Bergkirche mit ihrer über 1000 Jahre alten Geschichte für mich ein Geschenk. Als ich in die Region kam, bin ich immer wieder hier vorbeigefahren. Ich habe dann so langsam das Kirchlein in seiner brutalen Schlichtheit schätzen und lieben gelernt. Ich sagte mir: Hier könnte und sollte man was machen.

Sie meinen musikalisch?

Ja auch. Aber zunächst einmal habe ich mich als Kirchengemeinderat und später als dessen Vorsitzender zur Verfügung gestellt. Für meine Idee, in der Bergkirche Konzerte zu veranstalten, konnte ich den Soloklarinettisten der Württembergischen Philharmonie, Uwe Stoffel, als künstlerischen Leiter gewinnen. Nach ersten Probekonzerten 1991/92 haben wir 1993 die Kammerkonzerte professionalisiert und einen Verein gegründet. Seither finden immer am letzten vollen Wochenende im August die Kammermusiktage Bergkirche Büsingen mit jeweils fünf Konzerten an drei Tagen statt. In diesem Jahr veranstalten wir die 27. Ausgabe vom 23. bis 25. August.

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Mittlerweile haben diese Konzerte ja bundesweite und grenzüberschreitende Beachtung gefunden. Stellen Sie auch das Programm zusammen?

Nein, da vertraue ich den Fachleuten. Über viele Jahre war das Uwe Stoffel. Seit 2013 hat der in Zürich lebende Cellist Christian Poltéra diese Aufgabe übernommen. Diese Musiker haben ihr kammermusikalisches Netzwerk und somit beste Kontakte. So können wir in der Bergkirche sehr hochkarätige Künstler und Überraschungen erleben. In diesem Jahr wird unter anderem ein Percussionsensemble mit Marimbaphon zu hören sein.

Chorsänger überlässt die Auswahl Experten

Spielen Sie selbst auch ein Instrument?

Ich spiele zwar Geige, Flöte und Bratsche, mache davon aber kaum noch Gebrauch. Jetzt bin ich nur noch mit großer Freude als Chorsänger aktiv.

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Die Bergkirche hat viele Unterstützer: Die Vereinigung für die Büsinger Bergkirche, die Bürgerstiftung für die Erhaltung der Bergkirche St. Michael zu Büsingen und seit 2002 auch noch die Freunde der Bergkirche zu Büsingen, deren Vorsitzender Sie sind. Warum war das auch noch nötig?

Wir haben den Verein gegründet, um die Bergkirche unabhängig von der evangelischen Kirchengemeinde zu machen. Die Landeskirche hatte signalisiert, für die Erhaltung der baulichen Substanz kein Geld mehr beisteuern zu können. Deshalb hat der Verein diese Aufgabe übernommen mit dem Ziel, dieses Kleinod zu pflegen und vielen Menschen zugänglich zu machen. Der Verein ist verantwortlich für die Organisation und Koordination aller Aktivitäten im Bergkirchen-Areal. Dabei arbeitet ein großes Helferteam sehr gut zusammen. Was die bauliche Erhaltung angeht, arbeiten wir eng mit der Vereinigung zusammen, die diese Aufgabe seit bereits 60 Jahren federführend übernommen hat. Als Freunde der Bergkirche kümmern wir uns neben den Aktivitäten auch um Spenden, die nur für die Erhaltung der Kirche bestimmt sind. Ebenso bitten wir um Erbüberlassungen.

2020 steht viel Arbeit an

Die Erhaltung eines so alten Gebäudes verschlingt doch sicher Unsummen an Geld. Was ist die nächste größere Investition?

2020 müssen wir das Dach erneuern, ebenso die gesamte Fassade. Im Innenraum wird das Chorgestühl restauriert. Die Außenanlagen werden mit sehr viel Liebe von der Familie Chirillo aus Gailingen gepflegt. Die Resonanz der Besucher ist sehr gut.

Die Kirche ist eigentlich immer offen, und es kommen regelmäßig Besucher. Das Gästebuch ist der Beweis dafür.

Ja, das Gästebuch ist ein echter Schatz. Es lohnt sich, darin zu blättern. Seit dem Jahr 2000 haben wir die neue Orgel aus der Dresdener Werkstatt von Kristian Wegscheider, wurden aber erst kürzlich in das Kulturnetzwerk „Deutsche Orgelstraße“ aufgenommen. Im Sommer gibt es fast jeden Sonntag ein Konzert, von Orgel über Jazz bis Tango Agentin. Auch beim Advents- und Weihnachtssingen kommen die Leute zuhauf. Oft ist die Empore voll besetzt. Maximal 220 Menschen passen hier rein. Außerdem wird in der Bergkirche sehr gerne geheiratet. Unsere Kirche gewinnt mehr und mehr an Bekanntheit.

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Die besondere Atmosphäre verdankt der sakrale Raum seiner romanischen Schlichtheit. War das immer so?

Die Kirche war mal viel bunter und hatte einen Hochaltar. Doch in der Reformation musste das alles verschwinden. Ein Fenster wurde allerdings nachträglich eingebaut, um die Kanzel zu beleuchten.

Wenn Sie so erzählen, wird Ihre Leidenschaft für diese kleine Kirche spürbar. Wie viel Ihrer Lebenszeit steckt in diesem Hobby?

Das kann ich so genau gar nicht sagen, es ist aber eine sehr erfüllende Tätigkeit. Meine Frau sagt manchmal so im Spaß: Schon wieder die Bergkirche.

Fragen: Gudrun Trautmann

Zur Person und Büsinger Bergkriche

  • Michael Psczolla (66) ist Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde in Gailingen. Er wurde in Darmstadt in eine Pfarrersfamilie hinein geboren. In Darmstadt ging er auch zur Schule. In neun Monaten als Schiffsarzt lernte er nach eigenen Angaben die Qualität von sozialen Bindungen schätzen. Den Kontakt mit Menschen liebt er besonders an seiner Arbeit als Landarzt. Er sieht sich als Dienstleister für seine Patienten, oft aber auch als Seelsorger. Seit 1987 betreibt er seine Praxis in Gailingen. Michael Psczolla ist seit 36 Jahren mit einer Radolfzellerin verheiratet. In Radolfzell möchte sich das Paar eines Tages zur Ruhe setzen. (gtr)
  • Die Bergkirche St. Michael, östlich von Büsingen auf einem Hügel gelegen, ist mit ihrer über 1000-jährigen Geschichte nicht nur ein herausragendes Kulturgut der Region, sondern hat als spiritueller Kraftort eine faszinierende Ausstrahlung, wird auf der Internet-Seite des Vereins Freunde der Bergkirche Büsingen beschrieben. Viele Menschen fühlen sich von dem idyllisch gelegenen Kirchen-Ensemble angezogen und suchen in dieser heimeligen romanischen Kirche Ruhe, Inspiration und die Nähe zu Gott. Der Verein Freunde der Bergkirche zu Büsingen wurde gegründet, um die Büsinger Bergkirche zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Verein ist verantwortlich für die Organisation und Koordinierung aller Aktivitäten im Bergkirchen-Areal. Der Schaffhauser Verein „Vereinigung für die Büsinger Bergkirche“ hat sich außerdem zum Ziel gesetzt, Büsingens Wahrzeichen in einem guten baulichen Zustand zu erhalten.

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