Kreis Konstanz Kreis Konstanz (7): Warum der Job "Landarzt" eine Berufung sein kann

Heimatcheck, Teil 7: Rund um die Uhr im Einsatz für die Menschen aus der näheren Umgebung. Ein Landarzt hat nicht seinen Beruf, sondern seine Bestimmung gefunden. Eine Reportage über eine aussterbende Spezies.

Michael Psczolla merkt man in jeder Sekunde mit jeder Faser seines Körpers an, wie sehr er seinen Beruf liebt. Er spricht mit Hochachtung und Respekt von seinen Patienten. Er erzählt emotional und mit blumiger Sprache, was ihn so fasziniert an seinem Dasein als Landarzt. "Wissen Sie", sagt der 65-Jährige. "Es gibt nichts Faszinierenderes als Menschen. Und ich arbeite mit Menschen zusammen, begleite sie über Jahrzehnte auf ihrem Lebensweg. Ich könnte niemals Klinikarzt sein, denn da müsste ich die Patienten nach einer Behandlung wieder abgeben." Das sei nichts für ihn, "denn dieser direkte Kontakt gibt mir sehr viel. Als Landarzt hole ich die Menschen dort ab, wo sie stehen."

Michael Psczolla verstaut die Arzttasche. Hausbesuch steht an. <sup></sup><em>Bild: Sabine Tesche</em>
Michael Psczolla: "Ich könnte niemals Klinikarzt sein." | Bild: Sabine Tesche

Landärzte sterben aus

Die Spezies Landarzt ist im Begriffe auszusterben. Spezialisierungen gehörten lange zur Selbstverständlichkeit in der Ausbildung. Studium und Praxis sind erst seit wenigen Jahren wieder universell geprägt – es wird noch weitere Jahre dauern, ehe Akademiker mit fundiertem Allgemeinwissen die Unis verlassen werden. "Du musst den Patienten als Menschen erkennen, nicht als Ware", sagt Michael Psczolla. "Alleine der Händedruck zur Begrüßung ist für mich die erste wichtige Information: Schwitzt der Patient? Zittert er? Ist der Handschlag fest? Diese Diagnostik geht immer mehr verloren."

Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden Württemberg, beschäftigt sich mit der schrumpfenden Zahl der Landärzte: "Es ist faktisch so, dass wir mehr Ärzte haben, die ihre Praxis abgeben wollen, als Ärzte, die übernehmen wollen." Der Hauptgrund in seinen Augen, wie er in vielen begleitenden Übernahmegesprächen gelernt hat: "Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich geändert. Wer will denn heute noch 24 Stunden für seine Patienten da sein?" Er möchte diese Aussage nicht wertend verstanden wissen, "es bleibt ja jedem überlassen, wie er sein Leben gestaltet. Es ist aber auch Fakt, dass der Beruf des Landarztes heute nicht mehr so attraktiv erscheint wie vor 30, 40 Jahren." An der Bezahlung könne das nicht liegen: "Ein Allgemeinarzt auf dem Land verdient genauso viel wie ein Allgemeinarzt in der Stadt." Teilzeit, Tätigkeit als Angestellter, flexible Arbeitszeit – diese Wünsche seien nicht mehr vereinbar mit den Anforderungen eines Landarztes. Kein Wunder, dass die Beziehung zum Menschen verloren geht.

Für Michael Psczolla auch ein gesellschaftliches Problem, das sich hier widerspiegelt: Der Hintergrund der Patienten müsse immer berücksichtigt werden, sprich: Lebt der Mensch einsam und alleine? Ist er frustriert am Arbeitsplatz? "Es ist erstaunlich, wie manche Arbeitgeber mit ihren Arbeitnehmern umgehen", erklärt Michael Psczolla. "Dabei ist Motivation so einfach, und ein motivierter Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter." Gespräche über das Privatleben sind in der Behandlung inbegriffen. Manchmal ist es dieses Händchenhalten und das offene Ohr, das den ersten Schritt zur Besserung darstellt.

"Wir Landärzte haben längst die Aufgaben eines Pfarrers übernommen", sagt der Gailinger. Rund 20 Hausbesuche macht er pro Woche. Wenn ein Patient nicht in der Lage ist, zu ihm zu kommen, dann kommt er eben zum Patienten. "Vor allem in einem Ort wie Gailingen ist das eine sehr wichtige Tätigkeit", sagt der Landarzt. "Hier zu leben ist wundervoll und nicht mit Geld zu bezahlen, es gibt nicht viele schönere Orte. Jedoch ist man ohne Auto aufgeschmissen."

Michael Psczolla verstaut die Arzttasche. Hausbesuch steht an. Bild: Sabine Tesche
Michael Psczolla verstaut die Arzttasche. Hausbesuch steht an. | Bild: Sabine Tesche

"Ich bin Rund um die Uhr da"

Ortswechsel. Vierzehn Kilometer nordöstlich von Gailingen liegt der Singener Teilort Bohlingen. Georges Dubouis ist hier der einzige Landarzt – seit 37 Jahren führt er seine Praxis. Der Frage nach den Sprechstunden entgegnet er lächelnd: "Ich wohne im Haus, in dem auch meine Praxis ist. Die Leute haben meine Telefonnummer – ich bin rund um die Uhr für sie da." Er betrachtet seinen Beruf als Berufung. "Wenn ich morgens nicht mit Vorfreude aufstehen und mich auf meine Patienten freuen würde, hätte ich den falschen Job gewählt", sagt er. "Das Problem ist, dass es immer weniger Ärzte gibt, die so denken."

Georges Dubouis, Landarzt. | Bild: Sabine Tesche

70 Jahre ist er alt. Auch wenn er noch großen Spaß an den unzähligen langjährigen persönlichen Kontakten zu seinen Patienten und den regelmäßigen Hausbesuchen hat, weiß auch er: Der Tag, an dem er aufhören wird, ist nicht mehr weit weg. "Einen Nachfolger findet man heute nicht mehr so leicht", erzählt Georges Dubouis. "Junge Ärzte wollen wenig arbeiten, aber dafür viel Geld erhalten. Bei uns ist die Realität anders."

Er kenne Kollegen, die ihre Praxis verschenkt hätten, damit die Lizenz nicht verfällt. "Außerdem bin ich mit den Menschen Bohlingens befreundet und fühle mich ihnen gegenüber verpflichtet. Da möchte ich, dass mein Nachfolger fachlich und menschlich passt. Bohlingen gehört in gute Hände." Passender hätte man das Selbstverständnis eines Landarztes kaum ausdrücken können.
 

Georges Dubouis im Sprechzimmer seiner Praxis in Singen-Bohlingen. Der 70-jährige Landarzt befürchtet große Probleme in der Zukunft seines Tätigkeitsbereiches. "Ich wohne im Haus, in dem auch meine Praxis ist. Die Leute haben meine Telefonnummer – ich bin rund um die Uhr für sie da. Welcher junger Arzt will das heute noch?" | Bild: Sabine Tesche

Noch stimmt die Relation

Ex-Gesundheitsminister Horst Seehofer beschränkte 1993 die Zahl der Allgemeinärzte. Zunächst wurde das Arzt-Anwohnerverhältnis ausgewiesen, das bundesweit als ausreichend gelten sollte: Demnach muss auf 1671 Bewohner ein Hausarzt kommen. Im Landkreis Konstanz gelten Konstanz, Radolfzell, Stockach und Singen rechnerisch als überversorgt und sind für Neuzulassungen gesperrt. Die Systematik von 1993, die auf Landkreisebene angelegt wurde, wurde 2013 überarbeitet und bezieht sich heute auf Mittelbereichsebene. Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden Württemberg, spricht von einer Tendenz: "Ein neuer Arzt versorgt stets weniger Patienten als sein Vorgänger. Außerdem haben wir mehr alte Ärzte, die ihre Praxis abgeben wollen, als junge Ärzte, die nachrücken. Je ländlicher die Region, desto schwieriger die Übergabe. Bis 2020 werden 500 Hausarztpraxen nicht nachbesetzt werden können. Heute will ein junger Arzt erst einmal den Nobelpreis gewinnen – mindestens. Kaum jemand ist mehr bereit, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Es herrscht der Wunsch nach Festanstellung, Freizeit sowie regelmäßigem Arbeitsplatzwechsel." (aks)

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