Zuerst das Wichtigste: „Wir sind wohlauf, wir verhungern nicht“, betont Johann Renz am Telefon. „Es geht uns nur um das Futter für unsere Tiere. Mehr brauchen wir im Moment nicht.“ Eigentlich hätte der Zirkus Renz längst in die Frühjahrssaison starten sollen, aber die Corona-Krise hat der siebenköpfigen Zirkusfamilie und ihren 22 Tieren einen Strich durch die Rechnung gemacht.

An Auftritte ist nicht zu denken. Stattdessen bleibt der Wanderzirkus erst einmal, wo er ist – in seinem Winterquartier in Engen-Welschingen.

Direktor will sich nicht beklagen

Beschweren will sich der Zirkusdirektor nicht: „Das ist ja eine weltweite Pandemie – von der sind wir alle gleichermaßen betroffen“, sagt Johann Renz. Wichtig ist ihm auch: „Wir sind nicht gestrandet – wir sind hier nur länger zu Gast als geplant.“

Bild: Dieter Albrecht

Seit mehr als fünf Jahren schlage der Zirkus Renz bereits sein Winterquartier auf einer Wiese nahe des Welschinger Gewerbegebiets auf, erzählt er. Aber – auch wenn der Direktor noch so optimistisch bleibt – in den vergangenen Jahren war die Familie wohl noch nie so sehr auf Unterstützung angewiesen wie jetzt.

Den Mitarbeitern des Familienunternehmens habe die Arbeitsagentur zwar bereits Unterstützung für die Krisenzeit zugesichert. Noch sei aber unklar, ob man zusätzliche Finanzmittel erhält, die der Familie Renz helfen würden, die Versorgung ihrer Lamas, Kamele und Pferde, ihres zahmen Wasserbüffel und der zwei Hunde sicherzustellen. "100 Euro in der Woche kostet alleine das Futter", berichtet der Zirkusdirektor.

Unerwartete Hilfe

Deshalb ist er froh, dass er in den vergangenen Tagen Unterstützer gefunden hat. Da ist zum Beispiel Ulla Bach aus Gailingen, die zusammen mit ihren Nachbarn ein Auto mit Lebensmitteln vollpackte, um den Zirkusleuten aus der Patsche zu helfen. „Der Zirkus hat ein Riesenproblem, jetzt da er keine Vorstellungen geben kann“, sagt sie beim Telefonat mit dem SÜDKURIER. 

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„Die Damen aus Gailingen haben uns sogar Heu bezahlt, dass wir bei einem Bauer in Gottmadingen abholen können“, berichtet Johann Renz erfreut. Dass man am Hochrhein überhaupt auf die Misere der Zirkusleute aufmerksam wurde, hat mit Dieter Albrecht zu tun.

Zufallsbegegnung mit zwei Paarhufern

Er wohnt zehn Kilometer von Welschingen entfernt, im Immendinger Ortsteil Mauenheim und stieß zufällig beim Spaziergang auf den Zirkus Renz. Genauer gesagt auf dessen Kamele.

Bild: Dieter Albrecht

„Meine Partnerin hat die Tiere aus der Entfernung entdeckt und war ganz fasziniert“, erzählt er. „Da wir aber nicht wussten, ob es erlaubt ist, die Kamele zu streicheln, sind wir zum Zirkus und haben nachgefragt.“ Es ergab sich ein munteres Gespräch. „Johann Renz hat uns nicht nur durch die Ställe geführt, er hat uns auch die Geschichte des Zirkus näher gebracht. Der Mann ist ein lebendes Buch“, sagt Dieter Albrecht und schmunzelt.

Bild: Dieter Albrecht

Aber nicht nur der Direktor beeindruckte ihn: „Auch die Sauberkeit und die Ordnung. Alles macht einen sehr friedlichen Eindruck. Den Tieren geht es vermutlich sogar besser als bei so manchem Bauer, den ich kenne“, mutmaßt er.

Über Social Media Helfer mobilisiert

Dieter Albrecht entschloss sich, in den sozialen Netzwerken einen Hilfeaufruf für den Zirkus und speziell für die Versorgung seiner Tiere zu starten. „Es wäre grausam, wenn dieser Zirkus pleite geht“, betont er. „Nicht nur, weil dadurch ein echtes kulturelles Kleinod verloren gehen würde.“ Albrecht befürchtet, dass im schlimmsten Fall die Tiere der Familie eingeschläfert werden müssten.

Bild: Dieter Albrecht

Ganz so pessimistisch bewertet Johann Renz die Situation derzeit nicht. Vielleicht auch, weil die von Dieter Albrecht initiierte Hilfskampagne bereits Wirkung zeigt.

Ebenfalls wegen Corona: Heuballen übrig

So wurde zum Beispiel Katharina Scheidel vom Reit- und Fahrverein Rottweil im Internet auf den Notruf aufmerksam. Glück im Unglück: Weil das von ihrem Verein geplante Reitturnier, ebenfalls aufgrund der Corona-Krise, abgesagt werden musste, hatte sie mehrere Ballen Heu übrig, die alsbald auf einem Anhänger nach Welschingen transportiert werden konnten.

Bild: Privat

„Tausend Dank, dass man diesen weiten Weg auf sich genommen hat, um uns zu helfen“, richtet Johann Renz seinen Dank an die Beteiligten.

Überhaupt möchte sich der Zirkusdirektor bei allen bedanken, die seiner Familie in den vergangenen Tagen zur Seite gestanden sind. „Ich finde es klasse, was die Leute machen.“

Familie kommt gerne vorbei

Auch in den kommenden Wochen wird der Wanderzirkus wahrscheinlich noch auf Hilfe angewiesen sein. „Man kann uns Heu, Hafer und Stroh bringen, solange es nicht verschimmelt ist“, sagt Johann Renz. „Wenn man uns anruft, kommen wir aber auch gerne vorbei und holen es ab – natürlich mit dem nötigen Sicherheitsabstand.“

Wer Futter übrig hat und die Zirkusfamilie unterstützen möchte, kann unter Telefon (0176) 51656140 Kontakt zu Johann Renz aufnehmen.

 

 

 

 

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