Ehe man sich versieht, ist er auch schon drin. Zwei, drei schnelle Schritte, dann steht Alexander Lacey in der Mitte des Käfigs. „Hallo Cashmere!“ Der Tiger, der hier bis eben auf dem Boden lag, erblickt den muskulösen Mann im schwarzen Shirt und springt auf – Lacey entgegen. Aber statt sich auf ihn zu stürzen, holt sich die Raubkatze einen Klaps auf den Bauch ab.

Als Cashmere noch klein war, habe er bei der Familie Lacey im Wohnwagen übernachtet, erzählt der Dompteur.
Als Cashmere noch klein war, habe er bei der Familie Lacey im Wohnwagen übernachtet, erzählt der Dompteur. | Bild: Tesche, Sabine

Cashmere schmiegt sich an seinen Besitzer, der den gewaltigen Kopf des Tigers in beide Hände nimmt. „Guter Junge“, flüstert Alexander Lacey und gibt Cashmere einen Schmatzer auf die Schnauze. Tiger schmusen in Hilzingen. Für Außenstehende mag die Szene surreal anmuten. Für Alexander Lacey ist sie Teil eines ganz normalen Arbeitstags, als einer von 100 Angestellten des Zirkus Charles Knie.

Neben den 13 Löwen und Tigern – der Hauptattraktion während der achtmonatigen Deutschlandtournee – pflegt der 43-Jährige auch die Beziehungen zur örtlichen Presse.

Bei Charles Knie gibt es nicht nur Wildtiere: Die Motorradgruppe Diorios, Clown Gino und die Knie-Ballet-Dancers posieren für die Kamera.
Bei Charles Knie gibt es nicht nur Wildtiere: Die Motorradgruppe Diorios, Clown Gino und die Knie-Ballet-Dancers posieren für die Kamera. | Bild: Tesche, Sabine

Transparenz lautet das Zauberwort. Auch beim zweitägigen Gastspiel im Hegau. „Wir haben nichts zu verbergen“, meint Lacey beim Verlassen des Käfigs. Mit einem Streichelzoo will er seinen Arbeitsplatz trotzdem nicht verwechselt wissen. „Die Zuschauer vergessen das während der Aufführung schnell, aber es handelt sich immer noch um wilde Tiere.“

Vorsicht vor Konkurrenzkämpfen

Wie zum Beweis fangen zwei der Tiger zu fauchen an und springen unter wildem Getöse aneinander hoch. „Das ist nur Spiel“, beschwichtigt Lacey und lächelt. Anders würde die Situation zur Fütterungszeit aussehen, sagt der Engländer. Oder schlimmer noch: Wenn eines der weiblichen Tiere rollig ist. „Die Männchen riechen das sofort.“ Damit es nicht zu Konkurrenzkämpfen kommt, würde er die Weibchen an solchen Tagen gar nicht erst mit in die Manege nehmen.

Bild: Müller, Jürgen

„Das Gleiche gilt, wenn eines der Tiere einen schlechten Tag hat. Massai zum Beispiel wiegt mehr als 200 Kilo“, erklärt Lacey und deutet auf den größten seiner Löwen. „Ein solches Tier kann ich zu nichts zwingen.“

Lehrer, Freund und Putzkraft

Und doch nimmt der preisgekrönte Dompteur eine Führungsrolle in dem gemischten Raubkatzenrudel ein. „Ich bin Lehrer und Freund. Ich füttere die Tiere, gebe ihnen zu trinken, miste die Gehege aus und bin 24 Stunden am Tag verfügbar, falls sie mich brauchen.“ Am Festplatz Mühlebach steht der Wohnwagen, den Lacey mit seiner Frau Elaine und Tochter Katrina bewohnt, deshalb direkt gegenüber der Käfige, in denen die Raubkatzen pärchenweise untergebracht sind.

„Manche verstehen sich besser, andere können sich nicht riechen“, erklärt er die Aufteilung der Raubtier-WGs. Wo bei den Löwen eine von ranghohen Männchen dominierte Hackordnung herrsche, könne es bei den Tigern durchaus vorkommen, dass kleinere Weibchen das Sagen haben.

Angst vor Giftködern

Noch unscheinbarer sind ausgerechnet die Tiere, die für den Schutz des Rudels verantwortlich sind: eine kleine Gruppe Rhodesian Ridgebacks. Auch während des Aufenthalts in Hilzingen sollen die schlanken Wachhunde dafür sorgen, dass sich keine ungebetenen Gäste Zugang zu den Käfigen verschaffen. „Wir hatten bereits Fälle, in denen millitante ‚Tierschützer‘ versucht haben, Giftköder in die Gehege zu werfen“, erzählt Lacey.

Das könnte Sie auch interessieren

Alexander Laceys Chef, Zirkusdirektor Sascha Melnjak, bestätigt, dass man sich immer wieder mit Kritikern auseinandersetzen müsse, die zu teils drastischen Maßnahmen greifen. „Am Sonntag waren wir noch in Villingen-Schwenningen – dort hat man zum Beispiel einen Großteil unserer Plakate beschmiert.“ Die Gegner seien eine vergleichsweise kleine, aber extrem gut vernetzt Gruppe, berichtet der Schwabe, der den Zirkus seit zwölf Jahren leitet.

Das könnte Sie auch interessieren

„Leider haben es diese Leute geschafft, dass man beim Thema Zirkus nur noch über Wildtiere spricht.“ Melnjak will sich trotzdem nichts vorwerfen lassen, wenn es um die Haltung der 100 Zirkustiere geht. „Wir werden ständig kontrolliert.“ Erst vor ein paar Tagen habe das Veterinäramt im Schwarzwald zur Inspektion vorbeigeschaut, auch in Hilzingen werde es wieder Kontrollen geben.

Am Mittwochabend endet das Gastspiel von Charles Knie in Hilzingen. Dann geht es für die 100 Mitarbeiter aus 13 Nationen und ihre 100 Zirkustiere weiter nach Stockach.
Am Mittwochabend endet das Gastspiel von Charles Knie in Hilzingen. Dann geht es für die 100 Mitarbeiter aus 13 Nationen und ihre 100 Zirkustiere weiter nach Stockach. | Bild: Hans-Juergen Goetz

Warum er trotz der Auflagen und der Kritiker in den Medien und im Internet weiter auf eine Raubtiernummer setzt? „Der Erfolg gibt uns recht. Die Mehrheit der Menschen hat kein Problem damit und die können wir mit der Darbietung glücklich machen.“

Wer etwas erlebt, kann es lieben

In Melnjaks Augen unterstützt sein Zirkus sogar den Tierschutz. „Nur wer etwas sieht und erlebt, kann es auch lieben und sich dafür einsetzen.“ Ihm sei es deshalb ein Anliegen, dass gerade Kinder Alexander Laceys beeindruckende Raubkatzen zu Gesicht bekommen.

Zirkusdirektor Sascha Melnjak in Hilzingen.
Zirkusdirektor Sascha Melnjak in Hilzingen. | Bild: Tesche, Sabine

Der Dompteur geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die Wildnis gibt es nicht mehr“, ist Lacey überzeugt. „Die Menschen haben den Lebensraum dieser Tiere zerstört.“ Es brauche gute Zirkusse, Zoos und Wildparks, damit seltene Spezies überhaupt noch eine Überlebenschance hätten.

Im Zirkus groß geworden

Laceys Tiger und Löwen wurden bereits im Zirkus geboren. „Im Moment trainieren wir die elfte Generation Löwen und die neunte Tigergeneration.“ Ein Vollzeitjob, wie Lacey sagt. Urlaub könne er sich maximal zehn Tage am Stück erlauben. „In dieser Zeit kümmern sich zwei Tierpfleger und meine Mutter um die Tiere.“ Und wie verhalten sich die Löwen und Tiger, wenn sie abends nicht in die Manege müssen? „Die erste Woche ruhen sie sich aus und erholen sich. Aber schon in der zweiten werden sie unruhig und wollen wieder etwas erleben“, sagt Alexander Lacey. „Mir geht das übrigens ganz genauso.“

Eine Tournee als Stresstest: Das werfen die Tierschützer von Peta dem Zirkus vor

  • Nicht artgerecht: Die Tierschutzorganisation Peta wirft dem Zirkus Charles Knie vor, seine Tiere einer „regelrechten Stresstournee“ auszusetzen. Bei der aktuellen Tour verbringe Charles Knie im Schnitt lediglich vier Tage an einem Ort – mit nur einem Tag Pause zwischen den Gastspielen. Da europaweit immer mehr Länder Zirkus-Wildtierverbote aussprächen und sich diese Entwicklung auch in Deutschland abzeichne, appelliert Peta an das Zirkusunternehmen, mit der Zeit zu gehen. „Es ist unerhört, dass im Jahr 2019 noch Tiger und Löwen in engen Käfigen von Stadt zu Stadt transportiert und mit der Peitsche dressiert werden“, so Yvonne Würz, Biologin und Fachreferentin für Tiere in der Unterhaltungsbranche bei Peta. „Wir hoffen, dass diese Tierquälerei endlich auch in Deutschland untersagt wird.“
  • Kritik an Lacey: Harsche Worte hat die Organisation für Raubtierdompteur Alexander Lacey übrig. Peta verweist darauf, dass einer seiner Tiger 2017 während eines Transports in den USA entkommen, anschließend durch bewohnte Siedlungen gestreift und schließlich von der Polizei erschossen worden sei. Berichte über den Vorfall, der sich in Atlanta, Georgia, abspielte, finden sich in mehreren US-Zeitungen, unter anderem der Washington Post. Alexander Lacey sagt, dass damals eine Spezialfirma mit dem Transport der Tiere beauftragt war. Er hätte diesen begleitet, sei während einer Pause allerdings ungefähr eine Stunde nicht anwesend gewesen. In dieser Zeit sei das Tier entwichen. Peta schreibt in der Pressemitteilung weiter, dass Lacey im Frühjahr 2018 während einer Show in Stendal von einer Löwin angegriffen und so schwer verletzt worden, dass er mehrere Tage im Krankenhaus verbringen musste. Gegenüber dem SÜDKURIER sagt Lacey allerdings, dass er sich lediglich einen Kratzer eingefangen habe. „Es passierte während der ersten Minute des Auftritts.“ Er habe die Vorführung zu Ende bringen können und glaube nicht, dass das Publikum mehrheitlich wahrgenommen habe, dass etwas Ungeplantes vorgefallen war.
  • Politische Dimension: Peta weist darauf hin, dass der Bundesrat bereits ein Zirkusverbot für Wildtiere eingebracht habe, dem die Bundesregierung bislang nicht nachgekommen sei. Bezüglich exotischer Wildtierarten würden sich die Bundestierärztekammer und die Agrarminister der Länder für ein Verbot aussprechen. Bundesweit hätten schon 100 Städte und Kommunalvertretungen kommunale Zirkus-Wildtierverbote beschlossen.