Kirchen, Caritas und Diakonie hatten die sechs OB-Kandidaten zu einer Vorstellungsrunde eingeladen, bei der es schwerpunktmäßig um soziale Themen ging. Außer Cem Yazici waren alle Kandidaten am Donnerstagabend im Münsterzentrum auf dem Podium. Dekan Wolfgang Rüter-Ebel moderierte die Veranstaltung, die rund 250 Besucher anlockte.

Wolfgang Rüter-Ebel begrüßt alle Kandidaten auf der Bühne, außer Cem Yazici sind alle gekommen.
Wolfgang Rüter-Ebel begrüßt alle Kandidaten auf der Bühne, außer Cem Yazici sind alle gekommen. | Bild: Hans-Juergen Goetz
  • Die Themen: Die Organisatoren hatten sich sieben Themenblöcke überlegt, die Kandidaten durften sich bis zu vier dieser Themen aussuchen und dann ihre maximal zwei Minuten lange Stellungnahme dazu abgeben. Wolfgang Rüter-Ebel stellte die Themen vor: Wohnen; Migration und Integration; Kinder, Familie und Beruf; Leben im Quartier; Jugendliche in der Stadt; Alt werden und Pflege; Leben mit Behinderung, Inklusion und Barrierefreiheit. Als Einstieg durften die Kandidaten Bauklötze beschriften und daraus die Stadt bauen, wie sie ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussieht.
Marina Kloiber-Jung und Gaetano Cristilli bauen die Stadt ihrer Zukunft.<br /><br />
Marina Kloiber-Jung und Gaetano Cristilli bauen die Stadt ihrer Zukunft. | Bild: Hans-Juergen Goetz
  • Wohnen: Für Marina Kloiber-Jung ist klar, dass die Stadt eine Quote für den sozialen Wohnungsbau braucht. Wenn die Stadt eigene Grundstücke verkaufe, habe sie auch ein Mitspracherecht, was darauf gebaut werde. Jürgen Roth will auch Vermieter, die aufgrund schlechter Erfahrungen nicht mehr am Markt sind, wieder davon überzeugen, ihre Wohnungen anzubieten. Neckar- und Sperberfair haben für ihn Modellcharakter. Natürlich müsse auch neuer Wohnraum geschaffen werden. Jörg Röber erklärt, dass die Doppelstadt in den letzten Jahren um 5000 Einwohner gewachsen sei und auch die Haushaltsgrößen sich verändert haben. Das zusammen sorge für eine hohe Nachfrage nach Wohnungen. Seiner Meinung nach müsse man Anreize für private Investoren schaffen und auch Dinge wie Gebühren nachlassen oder bei Grundstücksverkäufen Bedingungen vorschreiben.
Jörg Röber setzt seine Vision mit bunten Bausteinen um.
Jörg Röber setzt seine Vision mit bunten Bausteinen um. | Bild: Hans-Juergen Goetz
  • Migration und Integration: Hier verwies Gaetano Cristilli auf seine eigenen Erfahrungen: "Meine Eltern waren auch Migranten, sie sind 1958 hierher gekommen, ohne Sprachkenntnisse." Auch beim FC 08 habe man Anstrengungen unternommen, um Flüchtlingskinder zu integrieren. Cristilli möchte die Integration in Zusammenarbeit mit den Trägern DRK, Caritas und Diakonie forcieren. Fridi Miller fordert, alle Menschen zu akzeptieren und zu tolerieren. Niemand würde freiwillig seine Familie verlassen, wenn es ihm nicht wirklich schlecht gehen würde.
Fridi Miller berichtet viel von ihren Erfahrungen in anderen Städten.
Fridi Miller berichtet viel von ihren Erfahrungen in anderen Städten. | Bild: Hans-Juergen Goetz
  • Kinder, Familie und Beruf: Für Jürgen Roth ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz wichtig, auch um dem Fachkräftemangel zu reduzieren. Die 400 in der Doppelstadt fehlenden Kindergartenplätze seien ein "hausgemachtes Problem". Man habe nicht reagiert, jetzt müsse man schnell die Plätze schaffen. Um Personal zu gewinnen und zu halten habe er "einiges in seinem Baukasten". "Es ist fünf vor zwölf, da können wir nicht warten", so Roth.
Jürgen Roth erläutert seine Vorstellung der Zukunftsstadt.
Jürgen Roth erläutert seine Vorstellung der Zukunftsstadt. | Bild: Hans-Juergen Goetz

  • Fridi Miller setzt auf alternative Lösungen und will Großeltern-Projekte einführen. Auch ein Containerkindergarten sei denkbar. Jörg Röber wies darauf hin, dass die Stadt bereits Millionen in Kindergärten investiert. Um Fachkräfte zu gewinnen, müsse man ein glaubhaftes Angebot machen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So sei es nicht verkehrt, wenn die Stadt in einen Betriebskindergarten investiert. Das beste Personalhalte-Konzept seien zufriedene Mitarbeiter. Für Röber ist eine wohnraumnahe Betreuung für Kinder- auch im Übergang von Kita zur Schule – wichtig.
    Marina Kloiber Jung will prüfen, in welchen Kitas es noch Aufstockungsmöglichkeiten gibt. Auch müsse man leerstehende städtische Gebäude überprüfen, inwieweit man hier durch kurzfristige Investitionen Kindergartenplätze schaffen könne. In Sachen Mitarbeitern setzt Kloiber-Jung auf intensive Gespräche, um so eine gute Atmosphäre zu schaffen.
  • Leben im Quartier: Gaetano Cristilli will auf jeden Fall Menschen einbeziehen, das sei ein gutes Handlungskonzept für Sozialräume. Man brauche hier eine breite Unterstützung. Jürgen Roth will Probleme in Sozialräumen lösen, indem er alle an einen Tisch bringt. Die Stadt sei in der Verantwortung, die Sozialräume voranzubringen. "Wir brauchen Ehrenamtliche und wir müssen eine Wertschätzungs-Kultur, eine Dankeschön-Kultur und eine Willkommens-Kultur für neue bürgerschaftlich Engagierte kreieren."
Der Saal im Münsterzentrum ist voll besetzt, das Interesse an der Kandidatenvorstellung der Kirche ist groß.
Der Saal im Münsterzentrum ist voll besetzt, das Interesse an der Kandidatenvorstellung der Kirche ist groß. | Bild: Hans-Juergen Goetz
  • Jugend: Als Vater eines 14-jährigen Sohnes sei Röber mit vielen Problemen Heranwachsender vertraut. Das sind manchmal sehr profane Probleme, zum Beispiel ÖPNV. Jugendliche wollen schnell von A nach B kommen. In der Jugendsozialarbeit sieht Röber einen wichtigen Schwerpunkt, hier würden die Sozialverbände gut helfen und das wolle er stärken. In Sachen Jugendkulturarbeit sieht er Vereine am ehesten in der Lage, junge Menschen anzuleiten das Gebäude mit Leben zu füllen. Darum wäre seiner Meinung nach ein Festival hier sinnvoll. Marina Kloiber-Jung setzt auf Nachtbusse, nicht nur für Jugendliche, sondern für alle Bürger. Der Jugendgemeinderat müsste öfter gefragt und eingebunden werden, auch in Sachen Ehrenamt. Für sie ist eine aktive Mitbeteiligung wichtig. Gaetano Cristilli betont, dass es gute Angebote in der Stadt und den Vereinen gibt. Wichtig sei es, alle mitzunehmen und Jugendliche regelmäßig zu fragen, was sie wirklich wollen. Fridi Miller meint: "Jugendliche wissen selbst am besten, was sie wollen." Wenn es denen gut gehe, gehe es allen gut.
  • Alt werden und Pflege: Jürgen Roth will mehr alternative Wohnformen schaffen, zum Beispiel Wohngemeinschaften für Ältere oder Betreutes Wohnen Plus, wie es in St. Lioba angeboten werde. Der ÖPNV müsse so gestaltet werden, dass ältere Leute auch mit Rollator problemlos Bus fahren können. Es müsste vor allem bezahlbaren Wohnraum in diesem Bereich geben. Fachkräfte wie Altenpfleger müssen rechtzeitig ausgebildet werden.
  • Menschen mit Behinderung, Inklusion: Marina Kloiber-Jung ist für "Bauen für alle". Durch den Gemeinderat müsste verbindlich festgelegt werden, dass behindertengerecht gebaut wird. Hier müssten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Wenn beispielsweilse eine Straße gebaut wird, könnten unterschiedliche Beläge eingesetzt werden, auch könnten mobile Einheiten zum Einsatz kommen, um Gebäude barrierefrei zu erreichen. Die Stadt habe hier eine Vorbildfunktion. Gaetano Cristilli betonte, dass er sich in diesem Bereich auskenne, weil sein Bruder behindert ist und in einem Heim lebt. "Man braucht aber auf jeden Fall eine Familie, die sich um alles kümmert, so wie ich mich um meinen Bruder kümmere, und wenn diese nicht da ist, müssen Ehrenamtliche einspringen." Sonst sei das alles gar nicht zu bewältigen. Wichtig sei auch, dass in der Stadt die Barrierefreiheit überall forciert werde.