Als Mustafa Sacak seine Tochter Fatma das erste Mal sieht, ist sie schon seit fünf Stunden auf der Welt. Es ist sechs Uhr an einem Morgen Ende August, als der 44-Jährige die Station 11 des Schwarzwald-Baar-Klinikums betritt. „Kinderintensivstation“ steht an der Tür, wer hier hinein möchte, muss klingeln.

Zehn Beatmungsplätze

22 Betten mit zehn Beatmungsplätzen gibt es. Früh- und Neugeborene, aber auch Kinder und Jugendliche bis zum 18. Geburtstag werden hier betreut. Rund 30 pro Jahr sind Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm – wie Fatma.

Ein Leben am Überwachungsmonitor

800 Gramm Leben liegen in dem Inkubator vor Mustafa Sacak, angeschlossen an Überwachungskabel und Magensonde. Winzige Händchen, dünne Haut – Fatma gehört zu den Frühgeborenen mit extrem niedrigem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm. In der Regel werden diese Kinder vor der 29. Schwangerschaftswoche geboren.

Gülsen und Mustafa Sazak und die zweijährige Ezmira mit Nesthäkchen Fatma. Ende August kam das Mädchen mit 800 Gramm zwölf Wochen zu früh zur Welt. Inzwischen ist die Kleine zu Hause: Sie wurde mit 2200 Gramm entlassen.
Gülsen und Mustafa Sazak und die zweijährige Ezmira mit Nesthäkchen Fatma. Ende August kam das Mädchen mit 800 Gramm zwölf Wochen zu früh zur Welt. Inzwischen ist die Kleine zu Hause: Sie wurde mit 2200 Gramm entlassen. | Bild: Nathalie Göbel

Fatma hat diesen Stichtag gerade so noch erreicht: Nach genau 28 Schwangerschaftswochen und null Tagen kommt das kleine Mädchen zur Welt. Glücksmomente im Kreißsaal, gemütliches Kennenlernen zu Hause – diese Erfahrungen dürfen Gülsen und Mustafa Sacak nicht machen: Weil sich die Werte drastisch verschlechtert haben, wird Fatma nachts per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt.

Klein, nicht immer krank

Wäre das kleine Mädchen vor 50 Jahren zur Welt gekommen, hätte sie so gut wie keine Chance gehabt. Heute ist das anders, und auch die Sicht der Mediziner auf die winzigen Kinder ist eine andere. „Früher ging man davon aus, dass Frühgeborene ‚krank‘ sind“, sagt Matthias Henschen, Chefarzt der Kinderklinik am Schwarzwald-Baar-Klinikum.

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Heute sehe man die Kinder in erster Linie als das, was sie sind: Kleine Menschen mit der Lebenskraft und dem Entwicklungsstand der jeweiligen Schwangerschaftswoche, die auf dem Weg zum Großwerden Hilfe brauchen.

Meilenstein Surfactant

Ein Meilenstein in der Frühchenmedizin ist die Gabe von gentechnisch hergestelltem Surfactant seit den frühen 90er Jahren: Die Substanz überzieht die Lungenbläschen und verhindert, dass diese bei der Ausatmung zusammenfallen und verkleben. Weil Frühgeborene Surfactant noch nicht in ausreichender Menge bilden können, wird es ihnen über einen kleinen Schlauch verabreicht. Als Fatma zur Welt kommt, liegt ihre Mutter Gülsen schon seit zwei Tagen im Klinikum und wird engmaschig überwacht.

Chefarzt Matthias Henschen und sein Team betreuen jährlich etwa 30 Frühgeborene, die weniger als 1250 Gramm wiegen.
Chefarzt Matthias Henschen und sein Team betreuen jährlich etwa 30 Frühgeborene, die weniger als 1250 Gramm wiegen. | Bild: Nathalie Göbel

Schon Fatmas Schwester Ezmira kam im September 2017 als Frühchen zur Welt, nach genau 27 Schwangerschaftswochen und vier Tagen. In diesen Wochen zählt jeder Tag im Bauch der Mutter, jeder Tag, an dem sich das Baby weiter entwickeln kann.

800 statt 3400 Gramm

Auch Ezmira war Patientin der Kinderintensivstation, 31 Zentimeter klein und 800 Gramm leicht. Zum Vergleich: Ein reif geborenes Kind wiegt durchschnittlich 3400 Gramm. Inzwischen ist Ezmira eine muntere Zweijährige, die ihren Frühstart ohne Probleme überstanden hat und die demnächst den Kindergarten besuchen wird.

Zwei Mal Schwangerschaftsvergiftung

Gülsen Sacak hatte bei beiden Kindern eine Schwangerschaftsvergiftung, die zur lebensbedrohlichen Komplikation für Mutter und Kind werden kann. Bluthochdruck ist typisch, ebenso Wassereinlagerungen. In ihrer zweiten Schwangerschaft misst die Altenpflegerin deshalb täglich mehrfach ihren Blutdruck und nimmt blutverdünnende Medikamente ein.

Blutdruckwert von 210 zu 110

Zwei Tage vor Fatmas Geburt zeigt das Gerät einen Blutdruckwert von 210 zu 110 an – normal wäre 120 zu 80. „Dabei ging es mir gut“, erinnert sich die 40-Jährige, „ich hatte keinerlei Beschwerden, nicht mal Kopfweh.“ Ihr Mann drängt sie zur Fahrt ins Klinikum. „Ich wollte erst nicht“, sagt Gülsen Sacak. „Ich wusste: Wenn wir ins Krankenhaus fahren, wird Fatma bald geholt.“

Die Medikamentengabe wird automatisch von Spritzenpumpen gesteuert.
Die Medikamentengabe wird automatisch von Spritzenpumpen gesteuert. | Bild: Nathalie Göbel

Auch wenn die Überlebenschancen Frühgeborener heute weitaus besser sind als noch vor 30 Jahren: Angst und Sorgen der Eltern sind immer groß. Einen entscheidenden Anteil daran, dass die Kinder gute Fortschritte machen, haben die Pflegekräfte – und die Eltern. Sie werden schon bei den kleinsten Frühgeborenen so weit wie möglich eingebunden, dürfen Windeln wechseln oder über die Magensonde Muttermilch verabreichen.

Empathische Pflegekräfte

„Wir haben unheimlich engagierte Pflegekräfte“, lobt Matthias Henschen sein Team. „Ich kenne keinen Ort, an dem die Pflege so empathisch ist.“ Das erleben auch die Sacaks so. „Alle hier sind so lieb und hilfsbereit, egal ob Ärzte oder Schwestern. Wir sind sehr, sehr zufrieden“, sagt Mustafa Sacak.

Känguruhen tut allen gut

Nach drei Tagen darf er mit Fatma das erste Mal „känguruhen“: Dabei wird das Baby, nur mit einer Windel bekleidet, auf die nackte Haut von Vater oder Mutter gelegt. Bindung, Nähe, Wärme, der Herzschlag der Eltern – längst haben wissenschaftliche Untersuchungen belegt, dass die Kleinen auf vielfältige Weise vom Körperkontakt profitieren.

Perinatalzentrum der höchsten Stufe

Das Schwarzwald-Baar-Klinikum darf als Perinatalzentrum Level 1 auch kleinste Frühchen versorgen. Etwa 400 Gramm wiegen mitunter die Babys, die auf der Station 11 liegen und deren lebenswichtige Organe wie Gehirn oder Lunge für ein Leben außerhalb der Gebärmutter eigentlich noch lange nicht bereit sind.

Ab der 24. Woche steigen die Chancen

Die Sterblichkeit sehr unreifer Frühgeborener ist dank medizinischer Fortschritte rückläufig. Dennoch: Fünf bis zehn Kinder pro Jahr sterben auf der Station, sagt Henschen. Das Gesetz sieht vor, dass Frühchen ab Beginn der 23. Schwangerschaftswoche intensivmedizinisch geholfen wird. Zu diesem Zeitpunkt wiegen die Kinder etwa 500 Gramm und sind knapp 30 Zentimeter groß. „Ab der 24. Woche sehen wir reelle Chancen“, sagt der Chefarzt. Ab der 25. Woche sind die Mediziner verpflichtet, alles zu tun, um das Leben des Babys zu retten.

Grenzsituationen

Grenzsituationen, die für Eltern nur schwer zu ertragen sind und dem Team viel Feingefühl abverlangen. In der 23. und 24. Woche versorgt die Klinik die Kinder nur in Absprache mit den Eltern. Zeichnet sich ab, dass der Kampf aussichtslos ist, empfehlen die Ärzte, von weiteren intensivmedizinischen Maßnahmen abzusehen.

Manchmal ist der Tod Erlösung

„Der Tod“, sagt Matthias Henschen, „kann auch irgendwann okay sein.“ Dann, wenn zu viele Stellen in einem kleinen Körper nicht funktionieren, dann, wenn schwerste Behinderungen drohen, weil es zu Komplikationen wie Hirnblutungen gekommen ist.

Würdevoll Abschied nehmen

Mit dem „Raum der Stille“ wurde im Herbst 2017 mit Hilfe zahlreicher Spender ein würdevoller Abschiedsraum auf der Kinderintensivstation geschaffen. „Jedes einzelne Kind ist uns ganz wichtig“, sagt der Chefarzt. Fast immer wird sein Team zur Beerdigung eingeladen.

Fatma auf dem Arm ihrer Mutter Gülsen: Aus 800 Gramm sind 2200 Gramm geworden. Wenige Tage, nachdem dieses Bild entstanden ist, dürfen die Sacaks ihre kleine Tochter mit nach Hause nehmen.
Fatma auf dem Arm ihrer Mutter Gülsen: Aus 800 Gramm sind 2200 Gramm geworden. Wenige Tage, nachdem dieses Bild entstanden ist, dürfen die Sacaks ihre kleine Tochter mit nach Hause nehmen. | Bild: Nathalie Göbel

Und fast immer erhält die Station irgendwann Post von Kindern, die nach Tagen, Wochen oder Monaten entlassen wurden. Eine ganze Pinnwand hängt voll mit Dankeskarten und Fotos. Eine der nächsten Karten kommt womöglich von Familie Sacak: Mit 2200 Gramm durfte Fatma nach zwölf Wochen Klinikaufenthalt nach Hause.