Sicherlich zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor nunmehr zehn Jahren sah sich Bürgermeister Martin Ragg in einer Gemeinderatssitzung einer regelrecht aufgebrachten, zornigen Bürgerschaft gegenüber. Der Grund für die Zwischenrufe und Einwände während der Diskussion und lautstarkem Beifall für die teils ziemlich echauffierten Beiträge der Bürger, die sich in der Fragestunde in der Eschachhalle das Mikrophon weiterreichten, waren der Neubau von zwei Mehrfamilienhäuser.

Insgesamt vier größere Wohnprojekte

In der Villinger Straße 16 und 18 soll ein Projekt mit elf beziehungsweise zwölf Wohnungen und Tiefgarage entstehen. Bei einem weiteren Bauvorhaben auf dem bisherigen Areal der Reinigungsfirma Picobello sollen zwei Mehrfamilienwohnhäusern mit 42 Wohneinheiten, 37 Tiefgaragenstellplätze und 23 oberirdischen Stellplätze entstehen.

„Ein Bunker nach dem anderen“

Als betroffener Anlieger eröffnete Fabian Fritschi die Fragestunde mit der Feststellung, dass momentan in der Gemeinde ein „Bunker nach dem anderen“ entsteht. Er wollte wissen, ob es seitens der Gemeinde und des Gemeinderates eine Entwicklungsstrategie gebe, oder ob es nur darum gehe, einfach nur ungebremst zu wachsen. Weil es die Gemeinde verpasst habe, für diese Innenbereiche Bebauungspläne zu entwickeln, würden diese Blöcke jetzt eben überall dort hingesetzt, wo sich noch freie Flächen auftun. Auch wie man mit betroffenen Nachbarn umgeht, und dass nicht alle informiert worden seien, störte ihn. Bei solch einem „Riesengeschoss„ müssten doch auch die entsprechenden Nachbarschaftsabstände gewahrt werden, meinte er.

Noch schaut Fabian Fritschi von seinem Anwesen aus in eine grüne Idylle entlang der Eschach. Er befürchtet durch den Bau eines Mehrfamilienhauses eine triste Betonlandschaft mit bis zu zwölf Metern Höhe.
Noch schaut Fabian Fritschi von seinem Anwesen aus in eine grüne Idylle entlang der Eschach. Er befürchtet durch den Bau eines Mehrfamilienhauses eine triste Betonlandschaft mit bis zu zwölf Metern Höhe. | Bild: Gerd Jerger

Sorge um Baumbestand an der Eschach

Bürgermeister Martin Ragg antwortete, er habe seine Fragen notiert, und er werde beim entsprechenden Tagesordnungspunkt das Thema aufgreifen. Weitere Anwohner machten deutlich, dass das Grundstück, auf dem die Wohnblöcke gebaut werden, zweieinhalb Meter höher als das ihrige liege, was bedeute, sollten diese Objekte dorthin gebaut werden, sie eine Höhe von zehn bis zwölf Meter unmittelbar jenseits der Eschach in Kauf nehmen müssten. Lediglich der Bach sei da noch dazwischen. Wenn tatsächlich gebaut werde, würden die gesamten Baumbestände abgeholzt und das Gelände mit dem Bagger platt gemacht, befürchteten sie. Da frage man sich doch, wie es in Niedereschach um den Naturschutz stehe.

Naturschützer für Flächenverdichtung

Rüdiger Krachenfels, selbst eingefleischter Naturschützer im Naturschutzverein, vertrat in der darauffolgenden Diskussion die Meinung, dass er unter Berücksichtigung des Flächenfraßes in der Peripherie doch lieber auf eine Verdichtung des Innenbereichs setze, also viel Wohnfläche auf wenig Grundfläche, mit entsprechenden Vorteilen auch für die Infrastruktur. Dass sich das geplante Gebäude nicht in das Ortsensemble einfüge, könne er nicht einsehen. Wenn die Gebäude entsprechen gestaltet werden, könne das Ortsbild sogar gewinnen.

„Bunker und Kasernen sind nicht erwünscht“

Die Infrastruktur in der Villinger Straße, die für ein solches Bauvorhaben überhaupt nicht geeignet sei, „eine Unzumutbarkeit und eine Verletzung des Gebots der Rücksichtnahme“ waren weitere Einwände aus den Reihen der Besucher wie das Argument, eine solch groß dimensionierte Bebauung sei für Niedereschach einfach übertrieben, „Bunker und Kasernen sind in Niedereschach nicht erwünscht“. Die vielen Stellplätze an der vielbefahrenen Villinger Straße und 18 Balkone in Richtung der bestehenden Wohnbebauung machten die gesamte positive Infrastruktur kaputt, befürchten die Kritiker.

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Das Beispiel Dauchingen wurde vorgebracht, wo der Bürgermeister den „Geschosswohnungsbau“ komplett verbieten möchte, um ein „klares kommunalpolitisches Signal an alle Bauträger und Investoren“ zu senden. Das Gegenteil passiere in Niedereschach, die Investoren kommen hier rein, machen eine Riesenrendite und alles nur aus ihren finanziellen Interessen heraus. Die ganze Bebauung entlang der Villinger Straße sei „ein Wahnsinn“. Die Gemeinde müsse da einen Riegel vorschieben.

Bürgermeister froh über Investoren

Dem allem entgegnete Bürgermeister Martin Ragg, dass die geplanten Bauvorhaben mit den Vorgaben der Landesregierung vereinbar seien mit dem Ziel, mit der Hilfe von Bauträgern den Innenbereich zu verdichten und möglichst wenig Außenflächen zu verbrauchen. Er sei froh, dass es Bauträger gebe, die bereit sind, in Niedereschach zu investieren, weil es einfach zu wenig Wohnraum gibt. Das Projekt komme letztlich auch der Infrastruktur der Gemeinde zu Gute.

Votum fällt einstimmig aus

Einstimmig sprach der Gemeinderat letztlich sein Einvernehmen für das Bauvorhaben von zwei Mehrfamilienhäuser mit elf beziehungsweise 12 Wohnungen und Tiefgarage in der Villinger Straße aus. Drei Gegenstimmen und drei Enthaltungen gab es für den Neubau von zwei Mehrfamilienwohnhäusern auf dem bisherigen Areal der Reinigungsfirma Picobello.