Der Riesenturm von Rottweil gilt als architektonische Meisterleistung. Schon der Anblick des 246 Meter hohen Spargels, der Orkanböen ebenso trotzen muss wie einem Beben der Erde, lässt den Betrachter staunen. Während die Rottweiler noch auf die komplette Hülle um die nackte Betonsäule warten, laufen im Innern bereits die Arbeiten an den Hightech-Aufzügen der Zukunft an.

Multi heißt das bei ThyssenKrupp entwickelte Aufzugssystem, das auch in Wolkenkratzern künftig schweben soll: auf- und seitwärts. In Rottweil tüfteln Ingenieure zurzeit in drei der zwölf Röhren mit den Fahrkammern der Zukunft. Anfang Oktober soll der Turm mit Aussichtsplattform eröffnet werden.

Wenn es nach ThyssenKrupp geht, so wird das System die Personenbeförderung in Hochhäusern revolutionieren. Der Aufzugshersteller nutzt dabei die Transrapid-Technik, die einst Hoffnungsträger in Deutschland war. Die Magnetschwebebahn für Hochgeschwindigkeitszüge wurde von Siemens und ThyssenKrupp entwickelt.

Die einzige Strecke gibt es heute nur im chinesischen Shanghai. In Deutschland wurden die Projekte zwischen Berlin und Hamburg sowie in München zum Flughafen eingestellt. Zu den Vorzügen gehörte eine rasante Beschleunigung – binnen 60 Sekunden auf 200 Stundenkilometer. Die Vorteile dieser Technik nutzt nun auch der Hightech-Fahrstuhl in Rottweil, wie Elisabeth Vogt von der Agentur FleishmanHillard erläutert.

Denkbar wären demnach Geschwindigkeiten von 18 Metern pro Sekunde, die jedoch für den Menschen bei Weitem zu hoch wären. „Aufzüge sollten nicht unendlich schnell fahren“, erklärt Vogt auf Nachfrage und verweist auf den entstehenden Druck. Möglich wären gerade einmal 5 Meter pro Sekunde, was auch schon rasant ist.

Eine Kabine des neuen Augzufssystems "Multi" von Thyssenkrupp Elevator m Testturm.
Eine Kabine des neuen Augzufssystems "Multi" von Thyssenkrupp Elevator m Testturm. | Bild: Patrick Seeger

Ein weiterer Vorteil bestehe in der Bestückung der Schächte mit mehreren Aufzügen in einem System, das ähnlich dem Paternoster-Prinzip zirkuliert. Damit kann der neue Aufzug nicht nur in die Höhe, sondern auch seitwärts fahren, hängt sozusagen an der Wand und gleitet entlang der Magnetspuren. Und er ist, da er keine Seile braucht, auch in der Lage, weit höher hinaufzufahren. So ist die Rede von Wolkenkratzern mit über 1000 Metern. Noch ein Vorteil: Der Multi brauche nicht zuletzt wegen seines geringen Gewichts weniger Energie und auch weniger Platz. Bisher werden bis zu 25 Prozent der Grundfläche eines Gebäudes für Aufzugsschächte benötigt, das soll durch die neue Technik wesentlich verringert werden.

Bei der Inbetriebnahme war kürzlich auch Antony Wood anwesend. Der Chef des CTBUH, einer Organisation, die sich mit der Entwicklung von Wolkenkratzern befasst, schwärmte von der neuen Fahrstuhltechnik. Traum der Aufzugsindustrie sei es, die seilgebundene Bewegung durch ein System abzulösen, das auch geneigte oder horizontale Fahrten ermöglicht. „Dies ist vielleicht die bedeutendste Entwicklung seit der Erfindung des Sicherheitsaufzugs vor 165 Jahren.“

Die vorgestellten neuartigen Aufzüge werden durch Magnetschwebetechnik transportiert.
Die vorgestellten neuartigen Aufzüge werden durch Magnetschwebetechnik transportiert. | Bild: Moni Marcel

Einen ersten Käufer für die neue Aufzugstechnik gibt es auch schon: Der niederländische Unternehmer Coen van Oostrom, bekannt geworden unter anderem durch „The Edge“, dem weltweit wohl nachhaltigsten Bürogebäude, plant in Berlin-Friedrichshain gerade ein 140 Meter hohes Bürogebäude, den East Side Tower, mit eingebautem Multi.

Wenn alles gut geht, sollen die ersten dieser Fahrstühle in zwei Jahren ausgeliefert werden, wenn auch der Tüv seinen Stempel draufgesetzt hat. Solange heißt es in Rottweil aber noch experimentieren. Wie es sich anfühlt, wie es sich anhört, wenn der Multi anfängt zu schweben, ist derweil noch nicht bekannt. Denn die Kabinen heben in Rottweil noch ohne Menschen ab.

 

Der Turm öffnet

Die Eröffnung des Testturms wird vom 6. bis 8. Oktober groß gefeiert, und zwar am Turm selbst und in Rottweils Innenstadt. Bis dahin soll auch die Hülle an angebracht sein. Die Öffentlichkeit darf am 7. Oktober erstmals auf die Besucherplattform auf 232 Metern Höhe, das ist bekanntlich Deutschlands höchste Aussichtsplattform. Bei schönem Wetter kann man von hier aus das ganze Alpenpanorama sehen. Eine zusätzliche Bühne bietet aus 50 Metern Höhe von der Hauptkreuzung aus den Blick auf den Turm, dazu werden Speisen angeboten, es gibt ein Kinderprogramm. „Wir rechnen mit 20 000 Besuchern“, sagt Veranstalter Thomas Wenger von der Trendfactory. Tickets für die Besucherplattform soll es nach der Eröffnung an der Tageskasse geben. Die Eintrittspreise liegen im einstelligen Bereich. Die Besucherplattform wird von Freitag bis Sonntag für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Öffnungszeiten sind Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 20 Uhr, Sonn-und Feiertag 10 bis 17 Uhr. (mm)