Herr Link, wie ist der aktuelle Sachstand bei der mehrfach im Rat debattierten Neuansiedlung von Aldi und Rossmann?

Seit der mehrheitlichen Ablehnung des Gemeinderats für den Standort südlich der Grundschule, was aus städtebaulichen Gründen nachvollziehbar ist, prüfen wir alternative Flächen, die genehmigungsfähig sind. Da die Gemeinde aber über keine eigenen geeigneten Grundstücke mehr verfügt, führen wir derzeit intensive Verhandlungen mit privaten Eigentümern. Deren Ergebnisse sind abzuwarten. Wir müssen angesichts des Kaufkraftabflusses von sieben Millionen Euro pro Jahr aber dringend mehr Frequenz in den Ort bringen. Das kann durch die Ansiedlung von Aldi und Rossmann gelingen!

Wie weit ist die Gemeinde mit dem Hotelprojekt auf der Kinderweide?

Der bisherige Projektentwickler konnte für das ambitionierte Vorhaben leider keinen Investor beziehungsweise Betreiber finden. Deshalb wird voraussichtlich eine neue Projektentwicklungsgesellschaft einsteigen. Ein solches Vorhaben auf einer Fläche von rund elf Hektar zu realisieren ist eine große Herausforderung im harten Standortwettbewerb. Wir sind nach wie vor überzeugt, dass es ein zukunftsorientiertes Projekt ist, das das bestehende Bettenangebot in Königsfeld für den Tourismus deutlich verbessern würde. Allerdings braucht man dafür einen langen Atem und Geduld.

Was soll mit dem leerstehenden Balint-Klinikgebäude geschehen?

Die Schließung einer der zehn größten psychosomatischen Fachkliniken in Baden-Württemberg ist ein herber Rückschlag für den Gesundheitsstandort Königsfeld. Der Leerstand in zentraler Lage am Kurpark wird nur schwer zu füllen sein, zumal die Neuansiedlung einer anderen Klinik angesichts der Konzentrationsprozesse im Gesundheitsmarkt eher schwierig ist. Auch der Denkmalschutz des Jugendstilgebäudes erschwert eine künftige Nutzung. Eine denkbare Alternative besteht darin, das Klinikgelände für eine Wohnbebauung zu öffnen, so wie es teilweise bereits für das daneben liegende Areal des „Hauses Doniswald“ geschehen ist. Zudem wird dort ein neues Hotel mit 140 Betten entstehen.

Wie sieht es allgemein mit Leerständen in der Gemeinde aus?

Noch haben wir in der Ortsmitte über 30 attraktive Einzelhändler und Dienstleister. Es gibt immer wieder Leerstand, so wie aktuell den seitherigen Treff-Markt, aber es eröffnen auch wieder neue Betreiber. Beim Treff-Markt ist die EDEKA gefordert, da sie dort noch über einen 20 Jahre laufenden Erbbaupachtvertrag verfügt. Alternativ müsste sie den Vertrag ablösen und der Eigentümerin eine Neuentwicklung des gesamten „Hauses Just“ ermöglichen, etwa mit kleineren Geschäften, Selbstvermarktern sowie Wohnungen im leerstehenden Obergeschoss.

Wie soll der Kurort in 2020 weiterentwickelt werden? Gibt es nach dem Zinzendorfplatz wieder ein großes Projekt?

Im Bereich der Stadtsanierung sind die Großprojekte abgeschlossen. Eine kleinere Maßnahme steht jetzt noch am Gebäude Friedrichstraße 5 mit der Sanierung der Klinkfassade an. Neben dem Neubau eines Hotels nebst Wohnanlage auf dem Areal „Haus Doniswald“ steht unter dem Thema „Innenentwicklung“ nördlich des Kurparks eine Änderung des Bebauungsplanes auf der Agenda. Es handelt sich um eine Fläche, die schon in den 70er Jahren zur Bebauung ausgewiesen wurde. Diese soll nun für fünf Mehrfamilien-Wohnhäuser mit Tiefgarage für alle Generationen erschlossen werden.

Was bedeutet die bundesweite Klimadebatte für Königsfeld? Ist der Ort so gut ans ÖPNV-Netz angeschlossen, dass Bürger aufs Auto verzichten können?

Königsfeld nimmt beim Umwelt- und Klimaschutz seit 20 Jahren eine Vorreiterrolle ein und wurde im November zum zweiten Mal als einzige Kommune im Landkreis mit dem European Energy Award ausgezeichnet. 53,5 Prozent unseres Strombedarfs werden regenerativ erzeugt. Wir sind außerdem dank Windkraft und Photovoltaik rechnerisch bereits energieautark. Bei der Mobilität ist die Umsetzung des Nahverkehrsplans des Kreises entscheidend für die notwendige Steigerung der Attraktivität des ÖPNV. Insoweit ist mit der Aufwertung des Busbahnhofs eine deutliche Verbesserung vorgesehen. Das wird uns jedoch bei der Umgestaltung zu barrierefreien Haltestellen größere Investitionen abverlangen. Die Absichtserklärung des Kreises für die Realisierung in den Jahren 2021/2022 liegt vor.

Wie viel Wohnraum steht in der Gemeinde für Vermietung zur Verfügung?

In den gemeindeeigenen Wohnungen sind überwiegend Flüchtlinge und sozial Schwächere untergebracht. Insgesamt verzeichnen wir in der Gesamtgemeinde rund 3000 Haushalte, die – wie im ländlichen Raum üblich – vorwiegend über Eigentum verfügen.

Welche Schwerpunkte werden 2020 in den einzelnen Teilorten gesetzt?

Die liegen jeweils in der baulichen Entwicklung: In Buchenberg haben wir den Bebauungsplan „Herrenacker-Ost“ in zentraler Ortslage auf den Weg gebracht. Die Erschließung für 18 Wohnhäuser ist für 2021 vorgesehen. In Burgberg sind wir mit dem Bebauungsplan „Winterberg-West“ ein Stück weiter. Der Satzungsbeschluss ist für Frühjahr 2020 vorgesehen, und dann kann es mit der Erschließung für 19 Bauplätze durch einen privaten Träger losgehen. In Erdmannsweiler wird derzeit ein Baugebiet im Bereich „Oberdorf“ mit sieben Grundstücken ebenfalls durch einen privaten Investor erschlossen. Das Gebiet wird ab Frühjahr 2020 bebaubar sein. Auch das Gewerbegebiet „Bildstockäcker“ in Erdmannsweiler soll erweitert werden. Im Ortsteil Neuhausen haben wir im Gewerbegebiet „Lotterwiesen“ die Voraussetzungen geschaffen, dass zwei neue Betriebe ansiedeln können und eine dort ansässige Firma erweitern kann. In Weiler sind im Baugebiet „Zinnet“ alle Bauplätze verkauft. Es wird die Aufgabe des Ortschaftsrats in den kommenden Jahren sein, ein neues Wohnbaugebiet vorzubereiten.

Wirtschaftsverbände und -experten reden immer wieder von einer eintrübenden Konjunktur. Welche Folgen hat das für Königsfeld, wenn sich das fortsetzt?

Eine florierende Wirtschaft mit Steuereinnahmen ist die finanzielle Grundlage für alle Kommunen. Wenn die Gewerbesteuereinnahmen zurückgehen, hat das wesentlichen Einfluss auf die Handlungsfähigkeit einer Gemeinde. Wir als finanzschwache Kommune sind stark vom Finanzausgleich abhängig. Wenn da weniger Geld zur Verfügung steht, sinken auch unsere Einnahmen bei den Schlüsselzuweisungen. Man wird dann den Gürtel enger schnallen und notfalls Darlehen aufnehmen müssen, um wichtige Infrastrukturvorhaben wie den Breitbandausbau fortsetzen zu können, was uns aber angesichts einer unterdurchschnittlichen Pro-Kopf-Verschuldung von 669 Euro auch möglich wäre.

Was würden Sie gerne in 2019 ändern, wenn Sie nochmal die Chance dafür bekämen?

Eindeutig die Schließung der Balint-Klinik. Dies war eine krasse Fehlentscheidung und letztlich ein Skandal. Das öffentliche Interesse am Erhalt dieser Fachklinik, unter anderem für die muttersprachliche Therapierung von Migranten, hätte deutlich höher gewertet werden müssen. Da hätte ich eine andere Entscheidung der Landeskrankenkassenverbände und des Landessozialministers erwartet.

Fragen: Lothar Herzog