Nach drei Jahren Planungs- und vier Jahren Bauzeit nimmt das Daimler Prüf- und Technologiezentrum Immendingen am Mittwoch, 19. September, offiziell seinen Betrieb auf. Ein Großteil der Teststrecken, die auf dem ehemaligen Standortübungsplatz entstanden sind, wird zu diesem Zeitpunkt fertiggestellt sein. Lediglich im Bereich der einstigen Schießanlage, die erst 2017 von Daimler übernommen wurde, sind noch letzte Module geplant, deren Bau bis 2019 dauert. Die Hochbauarbeiten im früheren Kasernenareal laufen bis etwa 2025. Mit Blick auf die Eröffnung zogen am Mittwoch die Wegbegleiter des 200-Millionen-Euro-Projekts eine Bilanz der Entwicklung seit 2011 und bezeichneten das Immendinger Prüfgelände als einen „Glücksfall“ für Daimler.

„Wir sind so gut wie am Ziel“, erklärte die Projektleiterin des Prüfzentrums, Caroline Anstett. Die Erprobungen seien schon eine ganze Zeit im Gange. Viele der rund 200 Mitarbeiter, die derzeit bei Daimler oder den Tests tätig sind, seien nach Immendingen gezogen. Anstett, die nach der Eröffnung im September bei Daimler neue Aufgaben wahrnehmen wird, lobte die vorbildliche Begleitung des Projekts durch die Immendinger Bevölkerung und dankte Verwaltung, Gemeinderat und Landratsamt.

Daimler Senior Expert Lothar Ulsamer schloss sich dem Dank an und bezeichnete das Immendinger Testgelände als „Volltreffer“. Niemand habe sich am Anfang vorstellen können, wie komplex das Projekt werden würde. Als Herausforderung erwiesen sich die Ausgleichsmaßnahmen, die für den Natureingriff durch Daimler notwendig wurden. Frühzeitiger Dialog mit allen Seiten, hohe Transparenz und konstruktiv-kritische Zusammenarbeit mit den Umweltschutzverbänden hätten am Ende zum Erfolg geführt. Ulsamer zeigte sich überzeugt, dass in fünf Jahren eine größere Tier- und Pflanzenvielfalt auf dem Prüfgelände herrschen werde, als zu Bundeswehrzeiten. Außerdem sei das Prüfzentrum der Beweis, „dass in Baden-Württemberg noch Großprojekte realisiert werden können.“

Reiner Imdahl, der jetzt die Aufgabe als Standortleiter übernimmt, sah im neuen Prüfgelände „eine einmalige Chance, ganz nach Bedarf im perfektem Umfeld Tests durchführen zu können.“ Ziele seien die Optimierung der Verbrennungs-Antriebe, ebenso wie der alternativen Antriebe, die Weiterentwicklung der Assistenzsysteme und des Autonomen Fahrens. Auf Grund der optimalen Bedingungen denke man schon jetzt an Ergänzungen oder Möglichkeiten zur Modifikation einzelner Prüfmodule.

Auf der Albdauerlauf-Teststrecke des Daimler-Prüf- und Technologiezentrums werden alpine Fahrten simuliert. Sie bietet unterschiedliche Steigungen und Serpentinen.<em>Bild: Jutta Freudig</em>
Auf der Albdauerlauf-Teststrecke des Daimler-Prüf- und Technologiezentrums werden alpine Fahrten simuliert. Sie bietet unterschiedliche Steigungen und Serpentinen.Bild: Jutta Freudig

Zurückblickend auf 2011 erinnerte sich Bürgermeister Markus Hugger an den Abzug der französischen Soldaten, den großen Mut der Immendinger, sich für Daimler zu entscheiden und den für Verwaltung und Gemeinderat arbeitsintensiven Weg bis zum heutigen Tag. „Wir hatten den unbändigen Willen, wir wollen das“, so Hugger. Heute habe die Gemeinde nun Luxusprobleme wie den Bauplatzmangel für Häuser und Gewerbe, denen aber auch wachsende Steuereinnahmen gegenüberstünden. Was Baugenehmigungen angehe, sei das Daimler-Prüfzentrum die 36. Gemeinde im Kreis Tuttlingen, sagte Landrat Stefan Bär.

Nur von Dezember 2013 bis September 2014, habe das Baurechts- und Umweltamt des Landratsamts gebraucht, um die Unterlagen in 540 Aktenordnern zu bearbeiten und für das Prüfzentrum die 200 Seiten starke Genehmigung nach dem Bundesimmissionsionsschutzgesetz zu erteilen.

In vier Jahren wurden dann 78 Baugenehmigungen für Daimler gegeben und 300 Ausgleichsmaßnahmen auf den Weg gebracht. Bär: „Das Prüfzentrum ist für den Landkreis ein Kick-Start, von dem wir noch lange profitieren.“

Der Weg zum Daimler-Prüf- und Technologiezentrum

Erste Entscheidungen fielen Ende 2011, am 19. September 2018 geht das Daimler-Prüf- und Technologiezentrum offiziell in Betrieb. Mit hoher Akzeptanz der Immendinger ist das 200-Millionen-Projekt auf den Weg gebracht und konsequent verwirklicht worden.

  • Die Planung: Drei Jahre hat es gebraucht, bis die Bauarbeiten für das Großprojekt begonnen werden konnten. Im Oktober 2011 war der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière der Bitte der Gemeinde Immendingen gefolgt und hatte der Schließung der über 50 Jahre bestehenden örtlichen Kaserne zugestimmt. In einem aufwändigen Genehmigungsverfahren, das Daimler unter anderem zu zahlreichen Ausgleichsmaßnahmen in Umwelt und Natur verpflichtete, wurden die Vorbereitungen für den seit Herbst 2014 laufenden Bau der Teststrecken getroffen.
  • Der Baubeginn: Die ersten Bauarbeiten für das Projekt begannen auf dem teilweise noch in Bundeswehrbetrieb befindlichen Standortübungsplatz. Seit März 2016 sind die Soldaten aus der Kaserne ausgezogen, die zwischenzeitlich sogar noch von über 1000 Flüchtlingen als Erstaufnahmestelle genutzt worden war. Nach den Teststrecken auf dem Übungsplatz konnte Daimler dann im Juni 2016 Jahres mit den ersten Arbeiten innerhalb des eigentlichen Kasernenareals beginnen. Unter anderem entstehen dort ein riesiger Bürokomplex für einen Großteil der neuen Mitarbeiter sowie eine große Zentralwerkstatt.
  • Der Teststart: Selbst wenn das Prüfzentrum erst im September in Betrieb geht, finden in Immendingen bereits seit geraumer Zeit erste Tests statt. Auf dem 1,5 Kilometer langen Schlechtwege-Verschmutzungs-Modul mit eigenem Einhausungstunnel waren ab Ende 2015 Testfahrzeuge unterwegs. Bis zu fünf Fahrer drehen dort je vierstündige Runden und setzen die Fahrzeuge Staub, Schmutz und Nässe aus, ehe sie danach in Klimakammern weitere Kälte-, Wärme- oder Salznebeltests durchlaufen. Zwei der ehemaligen Bundeswehrgebäude sind schon frühzeitig zu Bürohäusern umgebaut worden. In ihrem Umfeld gab es anfangs auch erste Erprobungen.
  • Neue Module: Im Oktober 2017 wurden vier weitere Testmodule fertiggestellt und bei einem "Bergfest" übergeben. Bei den neuen Teststrecken handelte es sich um das "Stadtquartier" zum Simulieren von Stadtfahrten, den "Albdauerlaufkurs" mit kurvenreichen Steigungs- und Gefällstrecken, das "4x4 Modul" mit unbefestigten Wegen zur Erprobung von Allrad- und Geländefahrzeugen sowie als markantestes Modul die "Bertha-Fläche" für Tests kollisionsvermeidender Fahrassistenzsysteme und fahrerloser Fahrzeuge.
  • Die Inbetriebnahme: Fristgerecht sind derzeit weitere Teststrecken auf dem finalen Weg, wie etwa die Fahrdynamikfläche oder der Ovalrundkurs. Das Prüfzentrum mit den Erprobungsmodulen nimmt am 19. September offiziell den Betrieb auf. Im Technologiezentrum, dem ehemaligen Kasernenbereich, werden die Bauarbeiten noch einige Jahre andauern.