Für die Einheimischen ist der Reisemobilhafen hinter dem Solemar eigentlich eher uninteressant, denn wer macht schon im eigenen Ort mit seinem Wohnmobil Urlaub. Doch auf den zweiten Blick ist es enorm, was die Familie Bertsch hier auf die Beine gestellt hat. Der Wohnmobilhafen ist mit 450 Plätzen der größte Platz in Deutschland und mit rund 60 000 Übernachtungen pro Jahr einer der größten Beherbergungsbetriebe von Bad Dürrheim. Immer wieder ist der Platz voll ausgelastet, wie zuletzt an Ostern, als 442 Reisemobile in Bad Dürrheim zu Gast waren. Der SÜDKURIER zeigt die Entwicklung des Reisemobilhafens seit seiner Entstehung auf.

Andreas Bertsch vor dem Camper, der aktuell auf dem Platz die weiteste Anreise hatte. Das Reisemobil und seine Bewohner kommen aus Manchester im Nordwesten von England, das Klientel auf dem Platz ist international.
Andreas Bertsch vor dem Camper, der aktuell auf dem Platz die weiteste Anreise hatte. Das Reisemobil und seine Bewohner kommen aus Manchester im Nordwesten von England, das Klientel auf dem Platz ist international.
  • Die Entstehung: Michael Bertsch und seine Frau Heidi hatten um die Jahrtausendwende die Idee zu dem Stellplatz und sahen das enorme Potenzial dahinter. Anfangs noch neben seinem Job als technischer Betriebsleiter beim Solemar verwirklichte Bertsch sein Vorhaben und machte sich 2004 damit selbstständig. 30 Plätze habe der Stellplatz damals gehabt, erinnert sich Sohn Andreas, der vor etwa zwei Jahren den Platz von seinen Eltern übernommen hat. „Ab 2005 nahm das Ganze dann große Formen an, wir erweiterten die Fläche kontinuierlich und sind heute deutschlandweit der größte Stellplatz für Reisemobile“, berichtet Andreas Bertsch weiter.
  • Entwicklung der Reisemobil-Szene: Die Reisemobilszene nehme überdurchschnittlich an Fahrt zu. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres gab es in Deutschland 40 000 Neuzulassungen und es werde immer beliebter, in Deutschland Urlaub zu machen. „Jetzt kommen auch die geburtenstarken Jahrgänge von damals. Und es gibt viele Rentner, die es sich leisten können, ein Reisemobil zu kaufen und damit auf Tour zu sein“, weiß Bertsch. Dieser Boom werde, so seine Ansicht, mindestens die nächsten fünf Jahre anhalten. Seiner Kenntnis nach seien bei den Herstellern die Auftragsbücher über Monate hinaus oder sogar die nächsten Jahre voll.
  • Entwicklung in Bad Dürrheim: „Vor zehn Jahren waren wir bei rund 40 000 Übernachtung pro Jahr. Das habe sich kontinuierlich gesteigert bis auf rund 45 000 Übernachtungen im Jahre 2014. Vor drei Jahren seien die 50 000 überschritten worden, 2018 waren es 65 000 Übernachten. „Wenn es so weitergeht, dann werden wir dieses Jahr die 70 000er-Marke knacken“, zeigt sich Andreas Bertsch zuversichtlich. Bad Dürrheim habe sich in der Szene einen Namen gemacht. Regelmäßig tauche der Reisemobilhafen in Fachzeitschriften unter den Top-3-Stellplätzen auf und bekomme eine Auszeichnung nach der anderen. Als Hauptgrund sieht Andreas Bertsch das Solemar und die Zusammenarbeit mit der Kur- und Bäder GmbH. „Hätten wir die Therme nicht und dürfte nicht jeder Gast über die Gästekarte Plus täglich kostenlos ins Solemar, dann wäre auch die Resonanz auf Bad Dürrheim als Reisemobil-Destination nicht derart gewachsen“, vermutet der 29-Jährige.
  • Das macht den Platz für Gäste aus: Durch den schönen Platz im Grünen ist der Bad Dürrheimer Reisemobilhafen mehr als ein reiner Stellplatz. „Wir haben keinen Waschplatz, kein Restaurant und auch keine Kinderbetreuung, wie es klassische Campingplätze anbieten. Doch wir bieten trotzdem mehr als viele der weit verbreiteten Beton-Stellplätze“, erklärt Bertsch. Etwa der tägliche Brötchenservice und die persönliche Präsenz. Bertsch und sein Team sind 365 Tage im Jahr vor Ort und nehmen jeden Gast persönlich in Empfang. „Man ist oftmals auch so etwas wie ein Seelsorger. Die Leute haben oft und viel Redebedarf und wir hören zu, nehmen in den Arm und sind für unsere Gäste da.“ In Bad Dürrheim ist das Verhältnis zu den Gästen nicht anonym, sondern herzlich. Bertsch: „Wir geben noch Tipps aus erster Hand, wo man gut essen kann oder ein leckeres Bier bekommt.“ Auch Kurgeschäftsführer Markus Spettel bezeichnet den Reisemobilhafen als eine enorm wichtige und nicht mehr wegzudenkende Einrichtung in Bad Dürrheim. „Familie Bertsch bringt enorm viel Kaufkraft in unsere Stadt, was hier allen zugute kommt“, betont Spettel.
  • Die Szene: Das Durchschnittsalter der Wohnmobilisten liegt bei rund 40 Plus. Die Szene werde immer jünger, wobei unter der Woche dennoch Rentner die Mehrheit bilden. Das Hauptklientel kommt aus Deutschland. 60 Prozent der Gäste wollen das eigene Land erkunden und bleiben im Durchschnitt mindestens drei Nächte. Viele seien aber auch zur ambulanten Kur da und bleiben dann drei bis vier Wochen. „Das ist ein zunehmender Trend in der Wohnmobil-Szene“, weiß Bertsch. Weitere 25 Prozent kommen aus der benachbarten Schweiz und der Rest, also rund 15 Prozent aus der ganzen Welt. Aktuell kommt das exotischste KFZ-Kennzeichen aus England, genauer gesagt aus Manchester. Auch Leute aus Moldavien, Russland und Amerika seien schon da gewesen und kämen auch wieder. „Bad Dürrheim wird von den Reisemobilfahrern immer mehr zur Urlaubsdestination und immer weniger als reiner Zwischenstopp genutzt“, resümiert Bertsch. Die Hauptmonate sind April, Mai, September und Oktober, wobei selbst das sich verändert. „Früher war der August bei uns eine Art Sommerloch. Dieses Jahr war der August aufgrund des Wetters ein Rekordmonat.“
  • Interessante Termine: Am Wochenende rund um den 15. September findet eines von zwei jährlich stattfindenden Seabridge-Treffen statt. Da finden sich Camper aus der ganzen Welt ein, die auch die ganze Welt bereist haben. Expeditionsfahrzeuge werden vor Ort sein, von denen manche noch den roten australischen Sand in den Radkästen hätten, weil sie nach dem Ausschiffen im Hamburger Hafen direkt nach Bad Dürrheim kommen. Zahlreiche Bildvorträge wird es im Kurhaus geben und viele Reisetipps sowie nützliche Informationen.