Das neuartige Corona-Virus hat das gesamte öffentliche Leben durcheinander gewirbelt. Auch bei Musikvereinen ist nichts mehr gewohnt. Wie haben Chöre und Orchester die Corona-Pause bislang überstanden? Worauf hoffen die Leiter der Ensembles für die Zeit nach der Krise?

Helmut Hubov, musikalischer Leiter der Stadtmusik Stockach, hatte Mühe, sich an die neue Situation anzupassen. Nun hat er sich an den neuen Rhythmus gewöhnt. Er erklärt, dass bei ihm einige Proben mit verschiedenen Orchestern und alle Konzerte ausgefallen seien. Man habe mehr Zeit für die Familie gehabt, doch am schwierigsten zu bewältigen gewesen sei das Fehlen sozialer Kontakte. In der Musikschule habe er über Videokonferenzen weiter unterrichtet.

Robert Auer ist Vorsitzender des Musikvereins Ludwigshafen.
Robert Auer ist Vorsitzender des Musikvereins Ludwigshafen. | Bild: privat

Im Moment pausieren alle Orchester. Nach den Sommerferien sollen die Proben starten. Hubov berichtet, dass für Proben und Konzerte ein Hygienekonzept erstellt wird. „Das größte Problem wird sein, die Abstände einzuhalten, denn der Proberaum ist für kein Orchester groß genug.“ Gegebenenfalls müsse man über Proben in Kleingruppen nachdenken. Im Moment könne er sich nur schwer vorstellen, wie unter Schutzmaßnahmen geprobt und aufgetreten werden solle. Er fragt: „Auch wenn das Musizieren dann wieder geht: Trauen sich die Leute überhaupt in Konzerte?“ Ihm sei auch noch nicht klar, unter welchen Bedingungen konzertiert werden dürfe. Man habe schließlich schon Verträge mit verschiedenen Künstlern, gibt er zu bedenken.

Stefan Gräsle leitet seit letztem Jahr den Kammerchor Stockach. Jetzt hätte die Sommerserenade stattfinden sollen. „Wir haben sie schon Anfang April abgesagt, weil absehbar war, dass sie nicht stattfinden kann.“ Der Chorleiter erzählt: „Unser Ziel und unsere Hoffnung ist seit April die Aufführung des Requiems von Mozart am 15. November.“ Jede Woche bekommen die Chorsänger dafür einen neuen Abschnitt zum Üben von ihm. Er bringt die Lage auf den Punkt: „Für alle Chöre und Orchester ist es eine traurige Zeit.“

Stefan Gräsle leitet seit letztem Jahr den Kammerchor Stockach.
Stefan Gräsle leitet seit letztem Jahr den Kammerchor Stockach. | Bild: Gabi Rieger

An den Schulen seien alle außerunterrichtlichen Tätigkeiten bis zum Schuljahresende untersagt, gleiches gelte in abgewandelter Form für die Kirchen, berichtet er. „Ob und wie es nach den Sommerferien wieder losgeht, bleibt abzuwarten.“ Onlineproben habe es bei ihnen nicht gegeben. Sie könnten zwar für das emotionale Miteinander wichtig sein, aber ein wirkliches Proben für ein großes Werk sei nur sehr bedingt möglich. Proben zur Konzertvorbereitung sind laut Gräsle zwar grundsätzlich erlaubt, die Vorschriften hält er aber für nicht umsetzbar. „Jede Woche werden von den Verbänden Gespräche geführt und es heißt eine Lösung stehe kurz bevor – geschehen ist jedoch noch nichts.“

Auch im Nellenburg-Gymnasium, wo sich viele auf das Musical „My Fair Lady“ gefreut hatten, haben die Beschränkungen alle hart getroffen. Gräsle macht deutlich: „Die vielen Proben, viele davon in den Ferien oder an unzähligen Wochenenden, lagen hinter uns, die Hauptprobe war erfolgreich verlaufen. Alles war bereit für die Premiere und dann kam die Absage.“ Das Stück sei eigentlich fertig geprobt, doch der Motor könne nicht sofort wieder von Null auf 100 angeworfen werden. „Um eine aufführungsreife Konzertspannung zu bekommen, brauchen wir einen ganz schönen Vorlauf“, erklärt der musikalische Leiter. Geplant ist die Aufführung aktuell im Dezember.

Dieter Barck ist der Leiter des Liederkranzes Wahlwies.
Dieter Barck ist der Leiter des Liederkranzes Wahlwies. | Bild: Bild: privat

Dieter Barck wollte mit dem Liederkranz Wahlwies am Muttertag „Legends of Pop“ präsentieren. Das Probewochenende auf Burg Wildenstein hätte Mitte März sein sollen – es fiel aus. „Bis Ostern war Funkstille, dann habe ich mich in Zoom eingearbeitet. Bis Pfingsten haben wir dann Online-Proben gemacht.“ Vorab habe er Audiospuren verschickt, aber das mache er immer, erzählt Barck. Stimmenweise hätten sie eine halbe Stunde lang geübt, sagt er. „Die Sänger haben nach einer gemeinsamen Begrüßung ihr Mikrofon ausgeschaltet und nur mich gehört. Wegen der Latenzzeit ist gemeinsames Singen unmöglich.“ Die Online-Proben hätten viele, aber nicht alle Sänger erreicht.

Jetzt sei es erlaubt, in kleinem Rahmen mit Hygienekonzept und -beauftragtem wieder anzufangen. Dem Vorstand sei das aber zu riskant, man werde bis nach den Sommerferien warten. „Unser Konzert schieben wir auf nächstes Jahr und hoffen auf ein Advents- oder Weihnachtskonzert.“ Barck leitet außerdem einen Eltern-Lehrer-Schüler-Chor an der Waldorfschule, mit dem er im April die „Schöpfung“ von Joseph Haydn aufführen wollte. „25 Personen im Orchester, Solisten, Plakate – alles war bereit, dann kam das Aus drei Wochen vor der Generalprobe“, bedauert er.

Die Stadtmusik Stockach, dirigiert von Helmut Hubov, bei einer Probe.
Die Stadtmusik Stockach, dirigiert von Helmut Hubov, bei einer Probe. | Bild: Freißmann, Stephan

Robert Auer, Vorsitzender des Musikvereins Ludwigshafen, betont, man könne derzeit nur kurzfristig planen. Er lobt die Unterstützung vom Verband mit einem offiziellen Hygienekonzept, dass auf den Verein angepasst wurde: „Die Umsetzung ist nicht einfach, aber machbar.“ Die Jugendarbeit geht im Juli in Kleingruppen mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen los. Proben des Orchesters werden erst im Herbst im Gemeindezentrum stattfinden, der normale Proberaum ist zu klein. Ein Konzert sei geplant, aber noch warte man ab, denn das Schwierige sei die Unsicherheit, so Auer.

Für die Vereinskasse haben die Mitglieder vor kurzem eine erfolgreiche Cocktail-Lieferaktion durchgeführt. Dabei wurden 250 Getränke verteilt. Um in Kontakt zu bleiben, gab es einen lockeren Austausch im Gemeindezentrum. Musik gemacht wurde trotz Corona-Krise: Dirigent Rainer Ehmann hat seine neue Komposition an alle verteilt. Sie wurde zuhause einzeln eingespielt und ist online als Video verfügbar.