Die Ablachtalbahn zwischen Stockach und Mengen hat hohes Fahrgastpotential. Zu diesem Schluss sind die Gutachter des Verkehrsplanungsbüros PTV aus Karlsruhe gekommen, als sie 42 Bahnstrecken in Baden-Württemberg untersuchten, die für eine Wiederbelebung in Frage kommen könnten. Bei einer virtuellen Pressekonferenz hat das Landesverkehrsministerium in Stuttgart die Ergebnisse vorgestellt. Demnach erwarten die Gutachter für die Strecke von Stockach nach Mengen 830 Fahrgäste am Tag. Nimmt man die inzwischen abgebaute Zweigstrecke von Krauchenwies nach Sigmaringen hinzu, kämen 880 Fahrgäste am Tag zusammen. Zum Bild gehört allerdings auch, dass das am unteren Rand der Strecken liegt, die die Gutachter in der Kategorie B einsortiert haben. Deren Potential liegt bei 750 bis 1500 Passagieren pro Werktag.

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Bringt diese Einstufung die Ablachtalbahn der Reaktivierung näher? Die kommunalpolitische Ausgangslage ist unverändert. Die Stadt Meßkirch und die Gemeinde Sauldorf haben entschieden, die Strecke zu kaufen. Sie wollen die Gleise für Güter- und Touristenverkehr ausrüsten. Die Gemeinderäte in Mühlingen und Stockach haben deutlich gemacht, dass sie die Initiative des Landes zwar begrüßen, aber Kauf und Betrieb einer Bahnstrecke nicht als kommunale Aufgabe sehen. Man werde seinen Teil beitragen, wenn das Land die Führung übernähme.

„Bund und Land sind Fördergeber, aber dafür braucht es eine Initiative vor Ort.“ Winfried Hermann, baden-württembergischer Verkehrsminister
„Bund und Land sind Fördergeber, aber dafür braucht es eine Initiative vor Ort.“ Winfried Hermann, baden-württembergischer Verkehrsminister | Bild: Fabian Sommer/dpa

Landrat berichtet über die Erfolgsgeschichte Seehäsle

Auch der Konstanzer Landrat Zeno Danner war bei der Pressekonferenz in Stuttgart zugeschaltet. Und auch er versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass er den Betrieb einer Bahnstrecke nicht als Aufgabe eines Landkreises sehe – nachdem er die Erfolgsgeschichte des Regionalzugs Seehäsle geschildert hatte, der von Radolfzell nach Stockach fährt. Zum Start der Verbindung im Jahr 1996 habe man mit 1500 Fahrgästen täglich geplant, jetzt seien es 3500 am Tag, sagte Danner. Dennoch koste das den Kreis jedes Jahr 1,1 Millionen Euro, mit steigender Tendenz. Von 400.000 Euro jährlich für Instandhaltung kämen drei Viertel vom Land. Die Realisierung der Ablachtalbahn sehe er in der Zuständigkeit des Landes, so Danner auf Anfrage. Der Kreis stehe der Strecke aber positiv gegenüber und das Engagement bei Seehäsle und Bodenseegürtelbahn zeige, wie wichtig dem Kreis der Schienenverkehr sei.

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Land stellt hohe Fördersätze in Aussicht

Offenbar sind auch die Fördermöglichkeiten, die Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und Gerd Hickmann, Abteilungsleiter öffentlicher Verkehr beim Stuttgarter Verkehrsministerium, vorstellten, kein Grund, die Zurückhaltung aufzugeben. Denn für die Investitionen kämen Bund und Land für zusammen bis zu 96 Prozent der Kosten auf. Bei Strecken der beiden Kategorien mit dem höchsten Potential, also auch bei der Ablachtalbahn, gibt es die Zusage des Landes, den Betrieb zu finanzieren. Und auch Machbarkeitsstudien werden bis 100.000 Euro mit 75 Prozent gefördert. Doch ein volkswirtschaftlicher Nutzen müsse nachgewiesen werden, so Hickmann. Minister Hermann definierte die Rolle von Bund und Land als Geldgeber, die Initiative müsse es vor Ort geben.

„Das alles zwingt jedoch nicht, Eigentümer der Strecke zu werden.“ Rainer Stolz, Bürgermeister von Stockach
„Das alles zwingt jedoch nicht, Eigentümer der Strecke zu werden.“ Rainer Stolz, Bürgermeister von Stockach | Bild: Arndt, Isabelle

Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz bekräftigt auf Anfrage den Beschluss des Gemeinderats von Ende September. Die Stadt habe die überregionale Perspektive begrüßt. Doch das zwinge nicht dazu, dass die Stadt Eigentümer der Strecke werde. Wenn Bund und Land so viel Geld geben würden, stelle sich zudem die Frage, „weshalb dies mit einer Vielfalt an Eigentümerstrukturen auf der Strecke besser gehen sollte, als wenn das Land die Aufgabe ganz übernimmt“. Und die prognostizierten Zahlen könnten nicht zur Lösung der Verkehrsprobleme in der Stadt beitragen, die durch einen zeitnahen überregionalen Schienenverkehr entstünden. Die Lösung dieses Problems sei Voraussetzung für die Zustimmung der Stadt, er verlasse sich dabei auf Fakten, so Stolz.

Initiative fordert ein deutliches Signal der lokalen Akteure

Die Initiative Bodensee-S-Bahn nahm die Studie laut einer Pressemeldung „mit großer Freude“ auf. Die Initiative hebt das Engagement der Unternehmerfamilie Bohnacker für die Strecke hervor. Dass die Kreise Konstanz und Sigmaringen nicht mehr auf der Schiene verbunden sind, bezeichnet die Initiative als Armutszeugnis und fordert die „unzuständigen lokalen Akteure“ zum deutlichen Signal auf, „dass das Engagement der höheren Ebenen in der Region notwendig ist“.

Und die Landtagsabgeordneten? Dorothea Wehinger (Grüne) äußert sich für den Wahlkreis Singen-Stockach erfreut über das Ergebnis der Studie. Die Reaktivierung der Ablachtalbahn und der Etzwilerbahn bei Singen würden zur Stärkung der Region beitragen. Neben den Menschen würden auch Tourismus und Wirtschaft profitieren. Und Jürgen Keck (FDP, Wahlkreis Konstanz-Radolfzell) kündigte per Pressemeldung bereits an, dass die FDP-Fraktion im Kreistag Schritte beantragen werde, damit der Landkreis aktiv werde.