Es gibt Todesfälle, die erschüttern eine ganze Gemeinschaft. Der Tod von Andreas Hagemann gehört zu diesen Fällen. Der leidenschaftliche Mediziner, der seine Hausarztpraxis im Stockacher Stadtteil Wahlwies betrieb, wurde 61 Jahre alt. Er starb am frühen Montagmorgen nach einer Infektion mit dem Coronavirus. Dies bestätigte seine Ehefrau Luise. Er dürfte der erste Mediziner im Landkreis Konstanz sein, der an der Krankheit Covid 19 gestorben ist.

Luise Hagemann schildert im Gespräch auch, wie schnell die Krankheit bei ihrem Mann fortgeschritten ist. Am Karfreitag hätten sie noch mit einem ihrer erwachsenen Söhne und dessen Lebensgefährtin eine Fahrradtour auf dem Bodanrück unternommen. Abends habe ihr Mann dann hohes Fieber entwickelt, das auch an den folgenden Tagen nicht gesunken sei. Als Mediziner sei ihm klar gewesen, dass etwas nicht stimmen konnte, sagt Luise Hagemann. Am Dienstag nach Ostern sei dann das Ergebnis nach dem Abstrich gekommen – Corona-positiv. Zu dem schlimmen Fieber seien dann noch schlimme Bauchschmerzen gekommen, sodass ihr Mann sich am Donnerstag nach Ostern ins Singener Krankenhaus einliefern ließ.

Angehörige dürfen keinen Kontakt zum Patienten haben

Sein Zustand habe sich rapide verschlechtert, sodass er am Ende sogar per Hubschrauber und mit Spezialgeräten in die Freiburger Universitätsklinik verlegt worden sei. Doch auch dort konnten die Ärzte Andreas Hagemann nicht mehr helfen. Besonders bitter für die Familie: Auch als der Ehemann und Vater schon im Krankenhaus lag, hätten die Angehörigen keinen Kontakt mehr zu ihm haben dürfen, wie Luise Hagemann berichtet.

Als Hausarzt stand Hagemann jahrzehntelang mitten in allen möglichen Infektioswellen, er war, typisch für den Berufsstand, Profi im Umgang mit Krankheitserregern. Die Arbeit in Wahlwies sei seine Traumstelle gewesen, sagt Luise Hagemann: „Er hat wahnsinnig gern gearbeitet.“ Selbst krank geworden sei er nie, berichtet die Ehefrau, die auch für viele Jahre als Arzthelferin in der Praxis mitgearbeitet hat. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie sei man bei der Arbeit immer sehr vorsichtig gewesen, betont sie. Patienten seien immer nur einzeln vorgelassen worden, man habe immer mit Mundschutz gearbeitet.

Wo ihr Mann sich angesteckt hat, lasse sich jetzt nicht mehr rekonstruieren, berichtet die Ehefrau. Die Familie blieb in Quarantäne, sobald es den ersten Verdacht auf eine Corona-Ansteckung gab – also freiwillig früher, als Pflicht gewesen wäre. „Wir haben eine Ansteckung mit dem Coronavirus schon befürchtet“, sagt Luise Hagemann. Auch sie selbst, ihr Sohn und dessen Lebensgefährtin hätten sich in kürzester Zeit mit dem Virus angesteckt, sagt Luise Hagemann. Doch bei ihnen habe es kaum Symptome gegeben: „Niemand weiß, warum die Krankheit so unterschiedlich verläuft.“

Trauerfeier im engsten Familienkreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Ein Abschied von dem Toten, wie ihn Hinterbliebene sonst nehmen können, ist in Zeiten der Corona-Krise ebenfalls nicht möglich. Nach der Untersuchung des Körpers durch Pathologen werde der Tote in einen Sarg gelegt, der dann nicht mehr geöffnet werden dürfe, sagt Luise Hagemann. Der Abschied von Andreas Hagemann wird aufgrund der Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie nur im engsten Familienkreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Egal mit wem man über Hagemanns Tod spricht, die Betroffenheit ist stets mit Händen zu greifen. Die Praxisräume in Wahlwies gehören dem Pestalozzi-Kinder- und Jugenddorf, die Praxis war dort Mieter. Geschäftsführer Bernd Löhle ist am Telefon hörbar geschockt. 26 Jahre lang habe Hagemann die Praxis betrieben, sei in dieser Zeit nicht nur Arzt, sondern in vielen Fällen auch immer wieder Lebensratgeber gewesen: „Für uns alle ist das unvorstellbar, der Mann hat zum Kinderdorf gehört.“ Für die Praxis habe er jede mögliche Unterstützung zugesagt.

Ähnliche Betroffenheit hört man beim Wahlwieser Ortschaftsrat. Martin Wochner, stellvertretender Ortsvorsteher, schreibt auf Anfrage, dass Hagemanns Tod für sie alle unfassbar sei: „Wir verlieren mit ihm unseren außerordentlich beliebten und sehr geschätzten Dorfarzt.“ Sein Gefühl sei, dass ganz Wahlwies unter Schock stehe. Und: „Unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei seiner Frau und seinen Kindern.“

In Zeiten einer Pandemie wirft der Tod eines Mediziners allerdings auch weitere Fragen auf. Zum Beispiel die, ob Hagemann andere angesteckt haben könnte, ohne es zu wissen und zu wollen. Das Konstanzer Landratsamt gibt zu Einzelfällen allerdings keine Informationen heraus, Pressesprecherin Marlene Pellhammer verweist auf den Datenschutz. Sie schreibt auf Anfrage: „Wie bei jedem positiv getesteten Covid-Fall wird durch das Gesundheitsamt die Kontaktpersonenermittlung aufgenommen, Quarantäne angeordnet und Testungen veranlasst.“

Wie deren Ergebnisse ausgefallen sind, verrät sie nicht, doch die Betroffenen würden informiert und müssten „Maßnahmen einhalten, um die Infektionskette zu unterbrechen“. Kinderdorf-Chef Löhle beantwortet die Frage indes für seine Einrichtung: „Im Kinderdorf kann man definitiv ausschließen, dass sich jemand bei ihm angesteckt hat.“ Und er bestätigt, dass das Gesundheitsamt sofort sämtliche Kontakte geprüft habe, die Praxis sei unmittelbar nach Bekanntwerden des positiven Testergebnisses geschlossen worden.

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