Der Vormittag war ein Gewinn – darin sind sich die Schüler der VABO-Klasse des Berufsschulzentrums Stockach einig. Sie hatten an einem Bestärkungsseminar im Rahmen eines Integrationsprojektes teilgenommen. Was sie in den vergangenen drei Stunden erlebt haben, erzählen die 15- bis 19-Jährigen in einem Stuhlkreis.

Ihre Antworten stimmen Klassenlehrer Tobias Hummelsberger, Schulsozialarbeiterin Ida Hirt, Schulleiterin Claudia Heitzer, Janell Lia-Breitmayer als Flüchtlingsbeauftragte der Stadt sowie die beiden Trainer Bianka Neußer und Tom Colberg optimistisch.

Schulklasse für Jugendliche mit wenig Deutschkenntnissen

VABO steht für Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen. In VABO-Klassen erhalten Jugendliche mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen verstärkt Sprachförderung. Das Jahr schafft Übergänge in das reguläre berufliche Schulwesen und wird mit einer Deutschprüfung abgeschlossen.

Und hier zeigt sich die besondere Herausforderung für die Seminaranbieter: Die Schüler sind zum Teil erst wenige Monate in Deutschland. Durch das Klassenzimmerprinzip am BSZ – jede Klasse hat nur Unterricht in ihrem eigenen Raum – gibt es nicht sehr viele Berührungspunkte zu anderen Schülern und dadurch Unsicherheiten im Umgang miteinander.

Beim Bestärkungsseminar war das kein Problem. Tobias Hummelsberger erzählt: "Es gab viele Rollenspiele, die Jungs haben schön mitgemacht." Auch bei den Mädchen lief vieles non-verbal. "So wie sie in ihrem Kulturkreis behandelt werden, ist es umso schwieriger für sie, sich zu positionieren. Sie sind oft unsicher", sagt Ida Hirt.

Grundgesetz als wichtiges Thema

Im Unterricht hätten sie über das Grundgesetz gesprochen und den Schülern klargemacht, dass schon das Beleidigen ein Verstoß gegen Artikel eins sei, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist. Schulleiterin Claudia Heitzer betont, im Ethikunterricht gehe es um Gefühle, die durch lästern, auslachen oder von oben herab behandeln ausgelöst würden. "Wir haben Gefühlswörter gesammelt und übersetzt und überlegt, wie wir damit umgehen können." Schließlich sei der Ansatz des BSZ, die ganze Persönlichkeit zu fördern.

Weil Mädchen häufig andere Formen von Gewalt erleben als Jungen und andere Reaktionsmuster zeigen, arbeiteten die Gruppen größtenteils separat. Die Mädchen haben gelernt, "Stop", "Lass das", oder "Geh weg" zu rufen und eine abweisende Handbewegung zu machen, wenn sie sich bedrängt fühlen.

Selbstbewusstes Auftreten lernen

Sie sollten ihre innere Stärke wahrnehmen und sich bewusst machen, dass sie das Recht haben, sich zu schützen und sich schlimmstenfalls auch körperlich zu wehren. Auch war das Ziel, Mut zu haben und zu zeigen. Auch dass sie sich nicht immer rechtfertigen müssten, sei ihnen nun klar. Wichtig für ein selbstbewusstes Auftreten sei die aufrechte Körperhaltung, bestärkt Trainerin Bianka Neußer.

Die Jungen berichten, sie wüssten jetzt, dass sie eigene Entscheidungen treffen und dazu stehen sollten und sich nicht fremdsteuern lassen dürften. Eine Situation ohne Streit zu lösen, einfach den Ort zu verlassen, wenn ruhiges Reden nicht hilft, dazu rät Sozialpädagoge Thomas Colberg. Die Familienehre sei bei den Jungen ein relativ präsentes Thema, das dürfe man nicht einfach verurteilen. "Ich appelliere aber daran, immer mehr Bereitschaft zu zeigen für wirkliche Gleichberechtigung", macht er klar.

"Da wurde viel angetriggert"

Bianka Neußer und Thomas Colberg haben nach diesem Tag das Gefühl, dass die Jugendlichen viel mitgenommen haben. "Da wurde viel angetriggert, das wirkt nach", so Neußer. Klassenlehrer Hummelsberger und Ida Hirt wollen die Themen gleich in der nächsten Woche wieder aufgreifen und die erlernten Verhaltensweisen festigen.

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