Frank Sauer, Rektor der Grundschule in Stockach, ist verärgert. Und das nur einen Tag nach dem Schuljahresbeginn 2019/20 und dem Ende der großen Sommerferien. Der Grund: die mangelnde Lehrerversorgung an den Grundschulen. In einem SÜDKURIER-Bericht vom Dienstag sprachen die Vertreter der weiterführenden Schulen im Raum Stockach von einer guten Versorgung mit Pädagogen. Die Situation an den Grundschulen in Baden-Württemberg sieht indes weitaus weniger rosig aus, wie Sauer betont. „Wir haben keine Reserven“, versichert er.

Wiederholung aus dem Vorjahr

Dies bedeute: Sollte eine Lehrkraft längerfristig ausfallen, könne diese kaum aufgefangen werden. „Fakt ist, dass wir gerade die Grundversorgung gewährleisten können, die den Kindern zusteht“, so Sauer weiter. Dabei sei die Grundschule in Stockach mit rund 380 Schülern in der Stadt selbst und noch einmal 80 Schülern in der Außenstelle in Zizenhausen (Anton-Sohn-Schule) eine der größten im Landkreis. „Es wiederholt sich leider der Zustand von letztem Schuljahr. An der Versorgung hat sich nichts geändert“, bemängelt Sauer. Er kämpfe um jede Stunde und um jede Lehrkraft.

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Ein weiteres Ärgernis für Frank Sauer ist der Umgang mit den Lehrern, die an der Stockacher Grundschule einen befristeten Vertrag haben. Diese seien, seinen Angaben nach, lediglich vom Schuljahresbeginn im September bis zu dessen Ende im Juli angestellt. Über die Sommerferien müssen sie sich arbeitslos melden. „Wie hier mit Menschen umgegangen wird, ist nicht nachvollziehbar“, so Sauer. Die im Fachjargon als Nichterfüller bezeichneten Lehrer würden nicht wissen, ob sie ihren Beruf nach den Sommerfreien noch nach gehen dürfen oder ob sie an der Schule bleiben können. „Dabei helfen diese Lehrer uns oft aus der Patsche“, betont Sauer.

Lehrerin darf nicht unterrichten

Grund für Sauers Verärgerung ist ein aktueller Fall an seiner Grundschule: Eine bewährte Lehrkraft, die im vergangenen Jahr Deutsch als Fremdsprache für die Migrationskinder in der Vorbereitungsklasse (VKL) unterrichtet habe, könne er trotz Schulbeginn nicht unterrichten lassen. „Es fehlt der entsprechende Vertrag vom Ministerium“, erklärt Sauer.

Sauer: „Die Bürokratie macht es uns Pädagogen oft schwer.“

Dass die Lehrkräfte oft bis zum letzten Ferientag nicht wissen, ob sie übernommen werden, halte Frank Sauer für einen Skandal. „Zum einen geht es hier um einen Menschen, zum anderen wissen wir aber auch als Schule einfach nicht, ob wir unsere Migrationskinder in die Regelklassen schicken können.“ Diese Kinder haben keine Deutschkenntnisse, eine Integration sei so in der Praxis nicht möglich. Im Regierungspräsidium schaue man nur nach Zahlen, nicht nach den Fähigkeiten der Lehrkräfte, die sich über Jahre bewährt haben. „Mir sind hier aber die Hände gebunden. Die Bürokratie macht es uns Pädagogen oft schwer“, so Sauer. Dabei werden in der Grundschule die Grundsteine für den späteren Bildungsweg gelegt, sagt er.

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Sernatingen-Schule besser versorgt

In der Sernatingen-Schule in Ludwigshafen sieht die Versorgung mit Lehrkräften nicht ganz so prekär aus, wie Schulleiter Patrick Rupp auf Nachfrage betont. „Sie ist gut“, sagt er. Dennoch wisse auch er, dass der Lehrernotstand die Grundschulen im Land besonders hart treffe. „Bis 2025 könnten deutschlandweit 26 000 Lehrerstellen an Grundschulen fehlen, das ist enorm.“ Sollte an der Sernatingen-Schule ein Pädagoge ausfallen, sei man darauf vorbereitet. „Jeder Lehrer hat immer etwas vorbereitet“, sagt Rupp. Bei langfristigen Ausfällen würde man aber kaum Ersatz bekommen, auch darin spiegele sich der Lehrermangel an den Grundschulen wieder.

An der Sernatingen-Schule in Ludwigshafen ist die Lehrerversorgung laut Schulleiter Patrick Rupp in diesem Schuljahr gut. Achivbild: Ramona Löffler
An der Sernatingen-Schule in Ludwigshafen ist die Lehrerversorgung laut Schulleiter Patrick Rupp in diesem Schuljahr gut. | Bild: Löffler, Ramona

Aktuell besuchen die Sernatingen-Schule in Ludwigshafen und die Außenstelle in Bodman 171 Kinder. Das Kollegium in Ludwigshafen umfasst nach Angaben von Schulleiter Patrick Rupp 19 Kollegen, die sich auf insgesamt neun Klassen aufteilen.

Patrick Rupp, Schulleiter an der Sernatingen-Schule in Ludwigshafen: „Pensionierte Lehrer können nicht immer unsere Notreserve sein.“ Archivbild: Friedrich W. Strub
Patrick Rupp, Schulleiter an der Sernatingen-Schule in Ludwigshafen: „Pensionierte Lehrer können nicht immer unsere Notreserve sein.“ | Bild: Friedrich W. Strub

Eine Lösung, die auf Dauer nicht gut gehen könne, sieht Patrick Rupp in der Reaktivierung pensionierter Lehrkräfte: „Diese verdienten Kollegen, die sich Jahrzehnte in den Dienst der Schulen gestellt haben, können nicht immer die Notreserve sein.“ Er kritisiere den Umstand, dass seitens des Bildungsministeriums kaum Maßnahmen unternommen werden, um junge Menschen vom Lehrerberuf an den Grundschulen zu überzeugen. Er könne sich Informationsstände an den verschiedenen Berufstagen in der Region vorstellen.

Unterschiede beim Gehalt

Auch die unterschiedlichen Gehaltsstrukturen zu den Kollegen an den Gymnasien tragen seiner Einschätzung nach dazu bei, dass sich immer weniger junge Menschen für ein Grundschullehramtsstudium entscheiden. „Selbst wenn alle Studenten, die jetzt noch studieren, eingestellt werden, reicht dies noch lange nicht aus, um alle Fehlstellen zu besetzen“, macht Rupp deutlich. Dies liege auch daran, dass die Pensionierungsrate in den kommenden Jahren weiter steigen werde.