„Wenn man viel aufeinandersitzt, hat diese Situation das Potenzial, explosiv zu werden“, sagt Mathias Graf. Der Geschäftsführer von Pro Familia Singen ist Diplom-Psychotherapeut. Seit mehr als 20 Jahren schon hilft er Paaren im Hegau, Balance in ihrer Beziehung zu finden. Aber auch wenn seine Arbeit mit dem Thema Beziehung zu tun hat: Das Wort Beziehungsarbeit vermeidet er. Warum erklärt der Therapeut anhand eines einfachen Bildes: der Waage.

„Auf der einen Seite dieser Waage ist all das Negative, der Stress in der Partnerschaft“, erklärt er. „Auf der anderen Seite wiederum das Positive – all das, was die Partner miteinander verbindet.“ Grafs Faustregel: „Man muss schauen, dass die positive Seite mindestens so schwer ist wie negative Seite.“ Das gelte gerade jetzt, in Zeiten häuslicher Isolation.

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„Es ist vergleichsweise anspruchsvoll, Probleme zu lösen“, erklärt er seine Sicht. „Häufig führt der Versuch dazu, dass man sich am Küchentisch sitzt, sich Vorwürfe macht und die Stimmung nur noch schlechter wird als vorher.“

Deshalb rät er Paaren grundsätzlich dazu, die alte Weisheit „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ zu beherzigen. Und weil das abstrakt klingt, hat Mathias Graf sechs konkrete Hinweise, die Paaren dabei helfen können, ihre Beziehung zu stärken.

1. Aktiv werden

„Warten Sie nicht ab, treffen Sie aktiv Entscheidungen. Überlegen Sie gemeinsam, wie Sie diese Zeit nutzen wollen“, rät Graf. „Das müssen keine stundenlangen Masterplan-Gespräche sein – lieber immer mal wieder ein kurzer Austausch: ‚Wie geht es mir?‘ ‚Wie geht es dir?‘“

2. Keine Vorhaltungen

„Machen Sie sich keine Vorwürfe, sprechen Sie stattdessen über Ihre Wünsche.“ Statt dem Vorwurf: „Du hängst die ganze Zeit nur am Handy rum“ empfiehlt der Therapeut den Satz: „Ich würde mich freuen, wenn wir mal wieder einen Film miteinander anschauen.“

3. Gemeinsam nach vorne blicken

„Führen Sie keine vergangenheitsorientierten Problem-Gespräche. Tauschen Sie sich zukunftsorientiert aus und planen Sie.“

4. Zeitfenster bauen

„Räumen Sie sich explizit Zeitfenster ein: a) jeder für sich allein b) als Paar c) als Familie“, rät Mathias Graf. „Überlegen Sie sich für a), b) und c) Dinge, die Sie unternehmen können. Einen Heimkino-Abend veranstalten, Fotoalben anschauen oder gemeinsam kochen. Einen Spieleabend mit Spielen, die alle mögen. Zusammen singen, vielleicht sogar eine Kissenschlacht veranstalten, sich einen Brief schreiben oder ein kleines Quiz für den anderen entwerfen...“

5. Positiv bleiben

„Konzentrieren Sie sich auf das Positive an Ihrem Partner, statt auf die Schwierigkeiten“, sagt Graf. „Beobachten Sie, was der andere Ihnen Gutes tut, wertschätzen Sie das.“

6. Kontakt halten

„Suchen Sie Blickkontakt. Verstehen Sie sich als Team, das diese Zeit gemeinsam meistert“, empfiehlt der Beziehungsexperte. Abschließend betont Mathias Graf: „Seien sie dankbar, dass Sie sich haben. Und: Sagen Sie Ihrem Partner das auch.“

Was tun, wenn der eine die Corona-Krise locker, der andere sie sehr ernst nimmt?

Eine Problem, mit dem viele Paare dieser Tage kämpfen: Der eine nimmt die Corona-Krise und ihre Folgen sehr ernst, der andere steht dem Ganzen lässiger gegenüber. „Das kann besonders dann destruktiv werden, wenn man den anderen davon überzeugen will, dass man selber Recht hat.“

Mathias Graf empfiehlt alternativ, die Frage zu stellen, wie der jeweils andere zu seiner Einstellung kommt. „Ein Kompromiss könnte so aussehen: ‚Wir reden tagsüber nicht über das Thema Corona, sondern nehmen uns ein klar definiertes Zeitfenster, zum Beispiel am Abend, und schauen uns zusammen eine Nachrichtensendung an‘“, führt der Therapeut aus. „Anschließend darf jeder dem anderen sagen, wie er die Situation einschätzt und welche Fragen ihm gerade kommen.“

Wichtig dabei: Während dieser Ausführungen kommentiert der andere nicht, sondern stellt lediglich interessierte Nachfragen. „Im Idealfall kann sich daraus auch längerfristig ein guter Austausch entwickeln“, glaubt der Therapeut.

 

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