Unter Tränen, mit zittriger Stimme und voller Verzweiflung – Das Video einer Friseurin aus Dortmund, die in Sozialen Medien über ihre finanziellen Sorgen während des zweiten Corona-Lockdowns klagt, ging vergangene Woche viral. „Bibihaircutter“, wie sich Salonbesitzerin Bianca Bergler auf Instagram nennt, rief Friseurinnen und Friseure dazu auf, ihr Gesicht zu zeigen, um von der Politik wahrgenommen zu werden und um die Hilfe zu bekommen, die ihnen versprochen wird.

Concetta Vallelonga ist Inhaberin des Friseursalons Conci&Friseure in Singen. Auch sie wollte nicht länger mit ansehen, wie zahlreiche Branchenkolleginnen und sie selbst unter der Corona-bedingten Schließung seit dem 16. Dezember leiden. In einem offenen Brief an CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung schrieb sie ihre Sorgen nieder.

„Sehr geehrter Herr Jung, erlauben Sie mir, Ihnen die Dramatik der aktuellen Situation kurz zu schildern.“ Mit diesem Satz begann Vallelongas knapp einseitiges Schreiben, das folgend vor allem das nicht ausreichende Kurzarbeitergeld ihrer Angestellten, fehlende Trinkgelder und die weiterhin zu deckenden Kosten ansprach. Die Not sei groß und Hilfe werde dringend gebraucht, schreib sie. Würde man den politischen Kurs nicht bald ändern, ist die Existenz der gesamten Friseurbranche gefährdet.

Es wird finanziell eng

Hilfsgelder hat die Regierung in Auftrag gegeben, bis diese jedoch ankommen, dauert es lange. So lange, dass sich Vallelonga mittlerweile in einem finanziellen Engpass befindet. „Die Beiträge zur Berufsgenossenschaft, zur Handwerkskammer und etlichen Versicherungen werden weiterhin gefordert“, sagt sie. Hinzu kommen persönliche Ausgaben wie die Krankenversicherung, die Altersvorsorge oder ihre Miete, die weiterhin bezahlt werden müssten. Das sei fast unmöglich, wenn man bedenkt dass Vallelonga keinen Unternehmerlohn erhält.

Rücklagen reichen nicht mehr aus

„Mich belastet am meisten, dass ich die 60 Prozent des Kurzarbeitergelds meiner Mitarbeiter nicht mehr wie bisher, durch meine eigenen Rücklagen auf 100 Prozent aufstocken kann“, sagt die Geschäftsführerin. Dadurch seien viele gezwungen, sich einen zweiten Job zu suchen, um finanziell überleben zu können. Neben all den wirtschaftlichen Sorgen vermisst Vallelonga auch die zwischenmenschliche Nähe zu ihren Kunden: „Unser Beruf ist mehr, als nur Haare machen. Über die Jahre hinweg wurden unsere Kunden zu Freunden.“

Zudem ist Vallelonga überzeugt, dass Friseurgeschäfte gar nicht erst von den Schließungen häten betroffen sein sollen. Orientiert man sich beispielsweise an der Schweiz, so dürfen Friseure, trotz Lockdowns des Einzelhandels und der Gastronomie, noch immer arbeiten. „Wir wollen und können auch arbeiten“, sagt sie. Die Hygienekonzepte, die nach dem ersten Lockdown ausgearbeitet wurden, seien sicher und würden niemanden gefährden.

Jung: „Kontaktverfolgung schwierig“

Andreas Jung, Wahlkreisabgeordneter der CDU in Konstanz, setzte sich mit dem Brief der 48-Jährigen auseinander. Es sei nicht das erste Mal, dass er ein Schreiben von denen bekommt, die wirtschaftlich unter der Corona-Pandemie leiden. „Der Lockdown betrifft viele Branchen und alle wollen wieder arbeiten – gerade Singen als Handelsstadt ist sehr laut“, so der Bundestagsabgeordnete. Trotz der Hygienekonzepte in Friseursalons sei eine Schließung aber notwendig. Nicht, weil sich nachweißlich viele Menschen in den Salons anstecken, sondern weil die Kontaktverfolgung dort schwieriger ist als im privaten Raum. Wie Jung erklärt, gehe es außerdem darum, die Kontakte insgesamt zu reduzieren, um Infektionsketten zu brechen.

„Hilfsgelder werden zu langsam ausgezahlt“

„Es stehen Milliarden an Hilfsgeldern zur Verfügung. Das Problem ist, dass das Geld zu langsam ausgezahlt wird“, so Jung. Er findet Vallelongas Kritik berechtigt und habe großen Respekt davor, dass sie mit ihren eigenen Rücklagen ihre Mitarbeiter unterstützt hat. „Ich mache seit Wochen Druck, dass sich die Prozesse beschleunigen und die Gelder schneller ausgezahlt werden“, sagt er. Es müsse einen Unternehmerlohn geben, fällige Kosten müssten monatlich angerechnet werden können und Kurzarbeitergeld sollte weiterhin steuerfrei bleiben. Jung ist sich sicher, dass die Politik mehr machen muss, um Dienstleistungs-Strukturen durch die Pandemie zu tragen. „Wir müssen Brücken bauen, und das jetzt. Wir brauchen diese Leute“, so der Politiker.

Gespräch macht Mut

Wenige Tage nachdem Vallelonga das Schreiben an den Bundestagsabgeordneten versendet hatte, telefonierten beide miteinander. „Das Gespräch mit Herrn Jung hat mir wirklich Mut gemacht“, teilte die Friseurin anschließend mit. Jung habe von vielen Besonderheiten, mit denen die Friseurbranche konfrontiert ist, nicht gewusst. Gerade das habe Vallelonga gezeigt, wie wichtig ihr Brief und das Gespräch waren, sagt sie. Außerdem habe Jung ihr versichert, dass er in seiner politischen Arbeit auf die von ihr genannten Aspekte eingehen möchte.