Zunächst ist ein Schmatzen zu hören, dann ein immer lauter werdendes Summen. Mit jedem Zentimeter Schutzfolie, den Karl-Max Schoenenberger ablöst, wird dieses Geräusch durchdringender. Als die oberste Etage des Holzkastens freigelegt ist, bietet sich ein beeindruckendes Bild: „Das sind jetzt zwischen 7000 und 8000 Bienen“, sagt der Imker und deutet auf das gelb-braune Gewusel unter ihm. Nervös wirkt Schoenenberger nicht. Es handele sich um ein friedliches Bienenvolk, meint der Mann mit dem Schnauzbart.

Keine Angst vor Stichen

Wie zum Beweis lässt Vorstandskollege Helmut Mayer seine ausgestreckte rechte Hand langsam nach unten sinken – so tief, dass er die Insekten fast berührt. Die scheint das nicht zu stören. Ist der Umgang mit Bienen tatsächlich so ungefährlich? So einfach sei es dann doch nicht, meinen die beiden Imker des Bienenzuchtvereins Hohentwiel.

Fleißig: Dieses Jahr haben die Bienen des Vereins an die 22 Tonnen Honig produziert.
Fleißig: Dieses Jahr haben die Bienen des Vereins an die 22 Tonnen Honig produziert. | Bild: Tesche, Sabine

„Die Tiere versuchen natürlich, sich zu schützen, sie wollen ihre Behausung verteidigen“, erklärt Mayer. „Sie wehren sich zurecht gegen Eindringlinge, das wollen wir ihnen auch nicht abgewöhnen.“ Umso wichtiger sei es, beim Öffnen der Zargen genannten Etagen eines Bienenkastens mit ruhiger Hand zu Werke zu gehen. „Klar ist aber auch: Wer Angst vor Stichen hat, sollte nicht mit Bienen arbeiten“, ergänzt Schoenenberger und schmunzelt.

Bei dem Treffen am Lehrbienenstand in Singen-Hausen zeigen sich die Vereinsvorsitzenden – beide wohnen in Steißlingen – sichtlich gutgelaunt. Kein Wunder: Obwohl sie durch die Corona-Pandemie in ihrer Arbeit eingeschränkt waren, haben sie eine erfolgreiche Bienensaison hinter sich gebracht. „Unser Verein hat an die 1100 Völker, von denen jedes um die 20 Kilo Honig produziert hat“, berichtet Mayer.

Karl-Max Schoenenberger (links) und Helmut Mayer an ihrem Lehrbienenstand am Rande des Singener Ortsteils Hausen an der Aach.
Karl-Max Schoenenberger (links) und Helmut Mayer an ihrem Lehrbienenstand am Rande des Singener Ortsteils Hausen an der Aach. | Bild: Tesche, Sabine

Von wegen Vereinssterben

Aber nicht nur der Blütennektar scheint zu fließen, auch der Verein wächst und gedeiht. „Über Mitgliederschwund können wir uns nicht beklagen. Im Gegenteil: Bei uns steigen jedes Jahr die Zahlen“, erzählt Schoenenberger. Gerade junge Familien scheinen die Imkerei für sich zu entdecken.

Bild: Tesche, Sabine

„Wenn Frau und Mann um die 30 sind, wenn sie Kinder und ein Eigenheim haben – dann ist es gar nicht untypisch, dass sie sich einen Bienenstock in den Garten stellen möchten.“ Schoenenberger ist bereits seit 21 Jahren Vereinsvorsitzender. Er freut sich, dass bei den regelmäßig stattfindenden Stammtischen immer mehr Frauen mit am Tisch sitzen.

Die Familie muss mitziehen

„Generell gilt: Wer mit Honigbienen arbeiten will, sollte seine Familie hinter sich wissen“, betont er. „Man hat es mit Lebewesen zu tun, das ist nun mal zeitintensiv.“ Und spätestens, wenn Mitte Mai zum ersten Mal geschleudert wird, brauche es helfende Hände. Denn bevor der süße Saft aus den Wabenzellen gezogen wird, müssen die Kästen bewegt werden. „Wenn Honig darin ist, kann so ein Holzkasten um die 50 Kilo wiegen“, weiß Schoenenberger.

Wie genau das Drehen des Schleuderkorbs vonstatten geht, ist nur einer von zahlreichen Lerninhalten, die angehende Imker bei den vereinsinternen Anfängerkursen vermittelt bekommen. „So bin auch ich vor 13 Jahren zur Imkerei gekommen“, verrät Helmut Mayer. Heute kümmere er sich um 30.000 Bienen.

Alles blüht früher

Was Anfänger und erfahrene Imker eint, ist zumeist ihr ökologisches Interesse. „Ein Imker muss immer im Auge behalten, was gerade in der Natur passiert“, sagt Schoenenberger. Auffällig in diesem Jahr: „Egal ob Raps, Löwenzahn oder Obstbäume – alles hat zwei Wochen früher geblüht als sonst.“

Die Königin (Mitte links) legt in der Hochsaison bis zu 2000 Eier am Tag.
Die Königin (Mitte links) legt in der Hochsaison bis zu 2000 Eier am Tag. | Bild: Tesche, Sabine

Ihre Wertschätzung für die Natur kommt auch zum Vorschein, wenn die Imker über jene Tiere sprechen, die viele andere am liebsten ausrotten würden. „Wespen versuchen zwar, die Nahrung unserer Bienen zu stehlen, sie sind aber trotzdem nützliche Tiere“, sagt Mayer. Der Grund: „Sie ernähren sich von Stechmücken.“

Gerade weil die beiden Steißlinger in größeren Kreisläufen denken, hat sie traurig gestimmt, dass ausgerechnet die Biene im vergangenen Jahr für das kontrovers diskutierte „Volksbegehren Artenschutz“ Pate stand. Schoenenberger und Mayer halten nichts davon, Bauern und Tierschützer gegeneinander auszuspielen. „Landwirtschaft und Imkerei funktionieren immer nur im Zusammenspiel“, sind sie überzeugt.

Geheimtipp gegen Angriffe

Und weil für die Imker ein harmonisches Miteinander entscheidend ist, haben sie zum Abschluss auch noch einen Tipp für alle, die mit Insekten nicht ganz so angstfrei umgehen wie sie selbst: „Wenn eine Biene, Wespe oder Hornisse zu aufdringlich wird, kann man sie mit der Hand verscheuchen. „Wichtig ist aber, keine hektischen Bewegungen zu machen“ erklärt Mayer.

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Echten Profis genüge ein einziger Finger, ergänzt sein Vereinskollege. „Einfach langsam den ausgestreckten Finger nach oben halten: Das Insekt folgt dieser Bewegung. Es merkt dann normalerweise recht schnell, dass der Finger uninteressant ist und fliegt weg“, sagt Karl-Max Schoenenberger. Wichtig auch in diesem Fall: die ruhige Hand.

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