Hören Künstler auf, im Alter Kunst zu machen? Nein, sagt Helena Vayhinger und lächelt bestimmt. Genauso wenig würden sie und ihr Mann daran denken, nach 50 Jahren die Galerie Vayhinger an den Nagel zu hängen. Doch das Jubiläum ist ein Anlass, wieder in Erinnerung zu rufen: Es gibt sie noch, die Galerie in der Schaffhauser Straße. Trotz Corona. Und auch nach so langer Zeit. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Werner Vayhinger die Galerie in Radolfzell gegründet hat. „Aus Interesse an der Kunst und den Menschen, die sie machen“, wie er sagt. Damals war die Galerie ein zweites Standbein neben seinem Beruf des Malers, zehn Jahre später machte er sie mit seiner Frau Helena zum Hauptberuf. Heute haben die beiden ein großes Netzwerk an Künstlern und Kunstinteressierten und sagen: Die Region braucht Kunst.

2013 der Wechsel von Möggingen nach Singen

Entspannt sitzen Helena und Werner Vayhinger im Wintergarten ihrer Galerie. Draußen künden farbenprächtige Blätter vom Herbst, innen verspricht jeder Winkel Kunst. Werner Vayhinger steht noch rasch auf, um einen Flyer zu holen, während seine Frau Helena etwas Tee in filigrane, niedrige Tassen füllt. Die beiden haben sich mit ihrem Umzug 2013 nach Singen verkleinert: Statt in einem großen weißen Raum, ähnlich eines Museums, ist die Galerie nun im Erdgeschoss des Hauses, das Vayhingers im Obergeschoss privat bewohnen.

Kunst ist überall präsent: Im Flur und Wintergarten hängen Fotografien aus der vorigen Ausstellung der Künstler Steffen Diemer und Hannah Schemel. Und im Salon übernimmt ein Beethoven-Portrait von Andy Warhol die Patenschaft für Komponisten-Portraits des jungen Hegauer Künstlers Gabriel Zlatanovic. Große und kleine Namen zu vereinen, das ist ein Konzept der Galerie.

Wirkt wie ein Wohnzimmer, ist aber ein Raum der Galerie Vayhinger. Und in jedem Winkel ist ein Kunstwerk zu entdecken.
Wirkt wie ein Wohnzimmer, ist aber ein Raum der Galerie Vayhinger. Und in jedem Winkel ist ein Kunstwerk zu entdecken. | Bild: Arndt, Isabelle

Was es für eine erfolgreiche Galerie braucht?

Leidenschaft, Neugierde, finanzielles Basiswissen, zählt Helena Vayhinger auf. „Zum Glück hat meine Frau BWL studiert, sonst gäbe es diese Galerie nicht mehr“, sagt ihr Mann. Und ein gutes Auge sei wichtig, ergänzt die Galeristin. Was einen wahren Künstler ausmacht, sei schwer zu sagen: „Künstler wird man nicht, Künstler ist man.“ Das Potenzial stecke in jedem. Entscheidend sei in der Gegenwartskunst, eine neue Idee oder individuelle Empfindungen umzusetzen statt Vorbildern nachzueifern. „Wir glauben auf Grund unserer Erfahrung sehen zu können, was gut oder schlecht ist“, sagt Helena Vayhinger.

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Vorurteile mögen sie nicht: Das kann nicht jeder selbst malen

Was sich gut verkaufe, stehe auf einem anderen Blatt. Der Preis setze sich grob aus Material und Bekanntheitsgrad zusammen. Wenn ein Künstler über Monate an einem Werk arbeite, sei ein Verkaufspreis von 30.000 Euro aber nicht vermessen: „An normalen Gehältern gemessen, ist das nicht viel.“

Auch ein anderes Vorurteil ärgert Helena Vayhinger: Wenn Menschen angesichts eines modernen Kunstwerks behaupten, dass ihr Kind das auch könne. „Man kann ja gerne sagen: Das gefällt mir oder das gefällt mir nicht. Aber das ist respektlos und wird dem Kunstwerk nicht gerecht.“ Dabei ruft sie in Erinnerung, dass die heute bekannten und beliebten Künstler zu Lebzeiten meist wenig anerkannt waren. Ist Kunst also auch eine Frage der Zeit? Womöglich. „Es war schon immer schwierig, ein Künstler zu sein. Doch heute gibt es leider zu viele Menschen, die sich Künstler nennen.“ Ihr Mann ergänzt, dass es heute außerdem eine regelrechte Bilderflut gebe.

Werner und Helena Vayhinger vor einem Bild von Peter Riek, den sie vor 35 Jahren kennengelernt haben. „Helena und Werner Vayhinger ...
Werner und Helena Vayhinger vor einem Bild von Peter Riek, den sie vor 35 Jahren kennengelernt haben. „Helena und Werner Vayhinger wurden meine ersten Galeristen, blieben ermutigende und neugierige Weggefährten und sind heute gute, alte Freunde“, sagt er heute. | Bild: privat

Ursus Dix war ihr Mentor. Bis heute handeln sie mit klassischer Moderne aus dem Bodenseeraum

In den vergangenen Jahren hat sich auch für Vayhingers Einiges verändert. Der Kontakt mit den Künstlern sei intensiver geworden. Eines der Kriterien: Sympathie. „Künstler und Vermittler haben ein sehr enges, vertrauensvolles Verhältnis, das muss passen.“ Das geht freilich nicht mit jedem Künstler: Die Galeristen haben sich neben Gegenwartskunst auch auf die Kunst der 1920er-, 1930er-Jahre spezialisiert.

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Mit Otto Dix nahm es seinen Lauf. Helena Vayhinger nennt dessen Sohn Ursus Dix ihren Mentor, von ihm habe sie viel lernen können. Zum Beispiel, einen echten Dix zu erkennen: Bei einer Ausstellung habe sie eine Fälschung daran erkannt, dass es das Papier zur Entstehungszeit noch nicht gab.

Gute Mischung hat sich bewährt: Industrie und Kunst

„Ihr müsst näher an die Menschen ran“, benennt Helena Vayhinger ihre Devise. Vorbild sei zum Beispiel das Ruhrgebiet, das die gebürtige Wienerin geprägt habe. Auch Singen sei eine Arbeiterstadt, die aber seit dem Zweiten Weltkrieg ein unglaubliches Engagement im Kunst- und Kulturbereich gezeigt habe. Deshalb verschlug es das Galeristenpaar auch hierhin statt beispielsweise nach Konstanz: Singen sei so schön lebendig und vielfältig. Den Umzug von Möggingen hätten sie nie bereut: Eine kleinere Galerie bedeute mehr Zeit für die Kunst. „Wir hängen ja nicht nur Bilder auf, sondern da gehört viel mehr dazu“, sagt die Galeristin.

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Wie sieht eigentlich ein Galeristenalltag aus?

Der Großteil ihrer Arbeit finde im Büro statt, erklärt Werner Vayhinger. Etwa 15 Künstler würden sie aktuell betreuen, in die Arbeit von fünf auch selbst investieren. Gemeinsam werden dann Themen entwickelt und Werbestrategien entwickelt. Seine Frau schimpft auch ein bisschen auf all die Bürokratie: Sie setze sich beispielsweise dafür ein, dass Kunst zu einem ähnlich geringen Mehrwertsteuersatz wie Bücher verkauft werden kann.

Die Wertigkeit hat sich verändert: Teure Autos statt Kunst

Ein wenig wehmütig werden die beiden zum Schluss dann doch. In Zeiten der Corona-Pandemie kommen weniger Gäste zu einer Vernissage, was den Austausch auf positive Weise intensiver mache. Doch es kommen auch allgemein weniger Gäste. „Die Wertigkeit hat sich verändert, unsere Gesellschaft ist insgesamt oberflächlicher geworden“, konstatiert Helena Vayhinger mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte. Während die jüngere Generation viel am Handy hänge, würden ältere lieber in schicke Autos als ein Bild investieren.

Doch Kunst sei ja überall, auch auf dem Cover eines Buches. Und so wird die Galeristin im Anschluss an dieses Gespräch noch mit einem Verlag telefonieren, der das Werk einer ihrer Künstlerinnen abdrucken möchte. Auch das gehört zur Arbeit der Galerie in der Schaffhauser Straße.

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