Am Montagmorgen herrscht in der Haldenwang-Schule rege Betriebsamkeit. Auch Ahmad, Paul und Asil besuchen die Schule für Kinder und Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Sie haben gerade Unterricht bei Susanne Prinzbach und sind mit Elan bei der Arbeit. Aber da war doch was: Alle Schulen in Baden-Württemberg bleiben doch über den 10. Januar für den Regelbetrieb weiterhin geschlossen. Alle Schulen? Nein! Die Haldenwang-Schule hat ihre Türen für den Regelbetrieb seit Montag wieder geöffnet.

Bei Schulleiter Daniel Baerwind ist das ein Umstand, der für Unverständnis sorgt – gerade in Zeiten, in denen es die höchsten Ansteckungszahlen seit Beginn der Pandemie gibt. „Die Überraschung, dass gerade wir zum Regelbetrieb zurückkehren, war schon groß“, sagt er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Dass ausgerechnet Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung, wozu auch seine Schule zählt, als einzige Schulen deutschlandweit im Regelbetrieb unterrichten, stimme Baerwind sorgenvoll. „Unsere Schüler gehören zur allerhöchsten Risikogruppe“, betont der Schulleiter.

Bei Schulleiter Daniel Baerwind sorgt der Entschluss, dass ausgerechnet Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung wieder geöffnet werden, für Unverständnis.
Bei Schulleiter Daniel Baerwind sorgt der Entschluss, dass ausgerechnet Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung wieder geöffnet werden, für Unverständnis. | Bild: Matthias Güntert

Viele seiner Schüler hätten Vorerkrankungen, etwa Trisomie 21. Laut Baerwind würden internationale Studien belegen, dass diese Menschen, sollten sie an Corona erkranken, eine wesentlich höhere Sterblichkeitsrate hätten. „Wir haben Schüler, die Corona auf keinen Fall bekommen dürfen“, macht der Schulleiter deutlich. Man werde deshalb alles tun, dass das Virus nicht in die Schule gelange.

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Doch der Haldenwang-Schulleiter hat nicht nur die Gesundheit seiner Schüler im Blick. Es gelte auch die Lehr- und Pflegekräfte zu schützen. „Und zwar so gut wie möglich“, sagt er. Die Haldenwang-Schule hat 148 Schüler. Schulträger ist der Landkreis Konstanz. Die Schüler werden von 81 Lehrkräften unterrichtet. Schüler sind in der Regel zwölf Jahre hier, bei Bedarf kann die Schulzeit um bis zu vier weiteren Jahren erweitert werden. Die Klassenstufen reichen von der Grund- bis zur Berufsschule. Aber Baerwind warnt: „Unsere Räumlichkeiten sind zu klein, das war aber auch vor Corona schon so. Die Schule ist komplett voll.“

„Abstand ist hier nicht möglich.“

Gerade deshalb sei es schwierig, Abstände einzuhalten. Hinzu komme, dass einige Schüler von Pflegekräften betreut werden müssten oder eine Handführung benötigen. „Abstand ist hier nicht möglich“, so Baerwind. Auch auf dem Schulweg im Bus würden die Kinder eng beisammen sitzen. Aber im Schulgebäude selbst setzt das Lehrerkollegium auf strikte Klassentrennung. Unterrichtet wird in Lernteams. Auch der Pausenhof wurde in vier Bereiche unterteilt. „Die Trennung ist komplett und durchgängig“, so Baerwind.

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Und natürlich herrsche auch in der Haldenwang-Schule eine Maskenpflicht bei Schülern und Lehrern. Auch die Schüler Ahmad, Paul und Asil wissen auf Nachfrage sofort, wo und wann sie ihre Masken aufsetzen müssen. „Zum Beispiel auf dem Flur, aber nicht draußen“, sagt Paul.

Nicht alle können Maske tragen

Aber es gibt Ausnahmen, wie Schulleiter Baerwind erklärt: „Die Masken werden natürlich getragen, aber nur wenn, die Schüler sie auch akzeptieren, denn nicht alle können aufgrund ihrer Behinderung einen Mund- und Nasenschutz tragen.“ Dies bedeutet: Die Lehr- und Pflegekräfte arbeiten häufig mit Körperkontakt und ohne Abstand, können sich selbst vor Infektionen kaum schützen. „Unsere Schüler gehen jeden Tag nach Hause, haben dort Kontakte im familiären Umfeld und kommen am nächsten Tag wieder hierher“, so Baerwind.

Die Haldenwang-Schule in Singen ist zu klein geworden. Weil diese körperlich eingeschränkt, brauchen sie zahlreiche Hilfsmittel – und die stehen zu oft im Weg.
Die Haldenwang-Schule in Singen ist zu klein geworden. Weil diese körperlich eingeschränkt, brauchen sie zahlreiche Hilfsmittel – und die stehen zu oft im Weg. | Bild: Arndt, Isabelle

Der Schulleiter weiß, dass es in Zeiten der Corona-Pandemie keine perfekte Lösung gebe. „Das ist uns allen klar“, sagt er. Dennoch hat er klare Vorstellungen davon, wie man die jetzige Situation zumindest teilweise entschärfen könnte. Dazu zähle die Einführung eines Wechselunterrichtes samt Notbetreuung für die Schüler sowie regelmäßige Tests von Schülern und Lehrkräften.

Höhere Priorisierung bei der Impfstrategie

Zudem eine Priorisierung bei der Impfstrategie für SBBZ-Einrichtungen, vergleichbar mit der Vorgehensweise bei Pflegeheimen. Dann hält Baerwind kurz inne: „Wir wissen aber auch, dass die Eltern von unseren Kindern sehr belastet sind. Die Betreuungsthematik ist bei ihnen sehr schwierig.“ Ohne den Schulalltage müssten sie daheim oftmals alles alleine bewerkstelligen. „Unsere Schüler können keine Minute alleine gelassen werden“, so Baerwind.

„Eine Begründung fehlt uns bis heute.“

Ein Umstand lässt Daniel Baerwind aber dann doch einen deutlich schärferen Ton anschlagen. Bei der Ansprache von Ministerpräsident Winfried Kretschmann am 5. Januar habe dieser – laut der Aussage von Baerwind – davon gesprochen, dass alle Schulen bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Am 6. Januar sei die entsprechende Verordnung des Kultusministerium eingegangen – mit dem Satz: „Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und körperliche und motorische Entwicklung bleiben geöffnet.“ Ein Satz, mehr nicht. „Eine Begründung fehlt uns bis heute.“