Der Tag der Geburt ist für jeden Menschen ein besonderer, Willi und Josef Albrecht wurden an ihrem Geburtstag sogar mit Feuerwerk begrüßt: Es war der 31. Dezember 1936, als die eineiigen Zwillinge im Singener Krankenhaus das Licht der Welt erblickten.

Zwillinge kamen dort damals eher selten vor. Zudem waren sich die beiden Jungs zum Verwechseln ähnlich. Bekannt wurden sie als die „Ottle-Buebe“, benannt nach dem Mädchennamen ihrer Mutter. Sie war Tochter der Fotografenfamilie Ott und schon als Kleinkinder wurden Fotos der Zwillinge im Schaufenster des alteingesessenen Fotogeschäftes in der Scheffelstraße ausgestellt.

Die große Feier muss warten

Heute feiern die Albrecht-Brüder ihren 85. Geburtstag. „Aber wir machen nix“, kündigt Josef Albrecht im Vorfeld an. Er sagt, dass die Feier wegen der Corona-Pandemie verschoben werden müsse.

In jungen Jahren feierten die beiden Brüder gemeinsam und standen später schon am Silvestermorgen parat, um die Gratulanten bei sich zuhause zu empfangen. Willi Albrecht in Singen, wo er das Fotogeschäft unter der Bezeichnung Ott-Albrecht weiterführte, Josef Albrecht in Gottmadingen, wo er noch heute wohnt.

Auch heute werden die beiden noch verwechselt

Auch wenn sie sich äußerlich verändert hätten, als Zwillinge seien sie für die Leute etwas Besonderes geblieben. Willi Albrecht sagt: „Wenn ich in Gottmadingen bin, werde ich auch heute noch mit Josef begrüßt.“

Die Frage „Wer ist Willi und wer Josef?“ stellte sich auch den Lehrern in ihrer Schulzeit. Und das nutzen die Brüder weidlich aus. Die beiden im Klassenzimmer weit auseinanderzusetzen, brachte ebenso wenig, wie die Namen auf die Pullover zu sticken. „Die hatte unsere Mutter draufgestickt, aber Pullover konnte man ja tauschen“, erzählt Willi Albrecht mit einem Schmunzeln.

Der eine schreibt für den anderen Klassenarbeiten

So verteilte man Willi und Josef dann bis zur Schulentlassung in zwei verschiedene Klassen. Was ganz neue Möglichkeiten der Täuschung mit sich brachte. Willi Albrecht verrät: „Seppl war im Rechnen besser als ich und wenn es zeitlich passte, schrieb er für mich die Klassenarbeit.“ Je nach Fach sei das auch umgekehrt geschehen, habe aber nicht immer geklappt.

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Nach der Schulzeit trennten sich ihre Wege zum ersten Mal, Josef begann eine kaufmännische Lehre in Singen, Willi machte eine Fotografenlehre im Schwarzwald und blieb der beruflichen Familientradition treu. „Mich hat die Fotografie nie interessiert“, winkt Josef Albrecht ab, „Vater, Mutter, Schwester und auch der Bruder, das reichte an Fotografen in der Familie.“

Selbst als Erwachsene hört der Schabernack nicht auf

Beide waren stolz, ein Zwilling zu sein, und zeigten das auch noch als Zwanzigjährige, indem sie die gleiche Kleidung trugen. Und die Möglichkeit der Täuschung nutzten sie weiterhin.

Das erfuhrt auch Willi Albrechts Frau Heidrun: „Die beiden haben uns an der Nase herumgeführt, aber Willis Erkennungsmerkmal war eine kleine Narbe.“ Josef kam auch mal in den Genuss einer Reise nach Venedig, die Willi gewonnen hatte, aus Zeitgründen aber nicht antreten konnte.

Die Bande besteht nach 20 Jahren immer noch

An die Verwechslungen haben sich beide gewöhnt, auch an Erklärungen wie: „Ich bin der Bruder.“ „Ich grüße viele Leute, die ich gar nicht kenne“, sagt Josef Albrecht. Willi Albrecht geht es auch so, er grüßt zurück und weiß, „der meinte meinem Bruder.“

Damit sie sich weiterhin sehen, machen die Brüder wöchentlich einen Spaziergang durch die Singener Innenstadt. Auch heute noch würden sie mit „Sie sind doch die Ottle Buebe“ begrüßt, auch wenn sie oft gar nicht wüssten, wer die Leute sind, die sie ansprechen.