Es wäre schön, sich mal wieder so richtig freuen zu können. Doch die dazu erforderliche Unbefangenheit ist bei den meisten Singener Einzelhändlern der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Zu viele Rückschläge hat die Wirtschaft innerhalb des vergangenen Jahres einstecken müssen. Zu viele Regeln zur Bekämpfung des Virus erscheinen im Rückblick wenig durchdacht und perspektivlos. Selbst wenn man der Politik zugute halten muss, dass das Virus Sars-Cov 2 und seinen Mutanten für alle eine gigantische Herausforderung darstellt, so fühlen sich doch viele Bereiche im Handel und Gastronomie ungerecht behandelt. Das hat nun zur Folge, dass der eigentlich positive Schritt der vorsichtigen Ladenöffnung mit noch mehr Vorsicht und einer gewissen Skepsis betrachtet wird.

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Mehr Tests bedeutet treiben die Inzidenz in die Höhe

Der Vorsitzende des Singener Einzelhandelsverbandes, Hans Wöhrle, ist in diesen Tagen ein gefragter Beobachter. Er kennt die Szene und hat sich auch jetzt bei den Kollegen umgehört, um zu erfahren, was sie von der neuen Möglichkeit halten, eine begrenzte Zahl von Kunden in ihre Läden zu lassen. „Click and Meet“ heißt dieses System neudeutsch. Übersetzt heißt das: online ein Zeitfenster buchen und analog im Laden einkaufen. „Da herrscht erstmal große Erleichterung“, stellt Wöhrle fest, um gleich nachzuschieben, dass die Inzidenz eine gefährliche Hürde darstellt. „Es bringt uns nichts, wenn wir die Läden jetzt aufschließen und dann in ein paar Tagen wieder schließen müssen“, sagt er. „Die Inzidenz wird steigen, weil wir jetzt mehr testen.“ Damit spricht er ein Problem an, das alle Händler bewegt.

Kritische Infektionszahlen im Landkreis Konstanz könnten die zaghaften Lockerungen durchkreuzen

Am Montag durften die Geschäfte unter strengen Hygieneregeln und mit beschränkten Besucherzahlen wieder öffnen. Am Dienstag liegt die Inzidenz im Landkreis Konstanz nach Angaben des Robert-Koch-Institutes bereits über 100. Sollte der Wert an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100 liegen, so müssen die Händler nach den aktuell geltenden Regeln ihre Läden wieder schließen und dürfen ihre Ware wieder nur online anbieten. Dieses Auf und Zu zermürbt die Geschäftsinhaber.

Im Cano hielt sich der Besucherandrang am Tag zwei nach dem Lockdown noch in Grenzen, zumal noch gar nicht alle Geschäfte von der neuen Möglichkeit Gebrauch machen, Kunden in Zeitfenstern in ihren Läden zu begrüßen.
Im Cano hielt sich der Besucherandrang am Tag zwei nach dem Lockdown noch in Grenzen, zumal noch gar nicht alle Geschäfte von der neuen Möglichkeit Gebrauch machen, Kunden in Zeitfenstern in ihren Läden zu begrüßen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Viele Läden im Cano immer noch geschlossen

Im neuen Einkaufszentrum Cano haben viele Läden am Dienstag noch nicht geöffnet. Erst nach und nach gehen die Türen auf. Viele Händler hatten nach der Eröffnung am 10. Dezember ihre Läden gerade mal fünf Tage offen. Dann kam der zweite Lockdown. Von 85 Geschäften waren seither im Center nur 20 durchgehend geöffnet. Wer sich an Click and Meet im Center beteiligt, konnte die Center-Managerin Carolin Faustmann zum Start nicht sagen. „Grundsätzlich sind wir aber froh, dass es mit den jetzt gefassten neuen Beschlüssen einen ersten Schritt und eine erkennbare Perspektive für die Wiedereröffnung im Handel gibt. Insbesondere freuen wir uns über die Wiedereröffnung der Buch- und Blumengeschäfte“, sagt Faustmann.

Der Filialleiter des Singener Sportgeschäftes Decathlon im Cano, Niklas Proyer (v.l.), hat Antonio Calabretta und Katharina Somhegyi zur Datenerfassung eingeteilt. Die Kunden können online ein Zeitfenster für einen Besuch im Geschäft buchen, müssen sich dann aber registrieren.
Der Filialleiter des Singener Sportgeschäftes Decathlon im Cano, Niklas Proyer (v.l.), hat Antonio Calabretta und Katharina Somhegyi zur Datenerfassung eingeteilt. Die Kunden können online ein Zeitfenster für einen Besuch im Geschäft buchen, müssen sich dann aber registrieren. | Bild: Trautmann, Gudrun

Ein Puffer gegen mögliche Warteschlangen

Niklas Proyer ist der Flilialleiter des Sportgeschäftes Decathlon, das rund 1600 Quadratmeter der Cano-Fläche belegt hat. „Wir dürften 40 Personen gleichzeitig reinlassen, beschränken uns aber auf 30“, erklärt er. „Wir bieten allen ein Zeitfenster von 40 Minuten an, die online gebucht werden können oder auch spontan vergeben werden, wenn weniger Kunden im Laden sind.“ Man habe bewusst diesen Puffer eingebaut, auch um Warteschlangen vor dem Eingang zu verhindern, in denen sich dann Gruppen bilden könnten. „Der Einkauf soll sicher und geregelt ablaufen“, sagt Proyer. Bisher sei die Nachfrage nach Click and Meet aber eher zurückhaltend, zumal auch längst nicht alle Läden im Center mitmachen. Das neue Angebot müsse sich erst rumsprechen.

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Große Freude bei den Stammkunden von Heikorn

Dieses Problem hat das Modehaus Heikorn nicht. „Wir erleben gerade ein echtes Frühlingserwachen“, schwärmt Thomas Kornmayer nach dem ersten Öffnungstag. „Die Kunden haben das große Bedürfnis einzukaufen. Die Leute wollen alle raus. Sie wollen die Ware anfassen und sich beraten lassen. Das geht online nicht.“ Trotz eines siebenstelligen Umsatzverlustes durch den zweiten Lockdown will Kornmayer nicht in der Vergangenheit wühlen, sondern nach vorne schauen. Pro 40 Quadratmetern darf er eine Person einlassen. Bei seiner Ladenfläche sind das 80 Menschen. Namen und Adresse werden notiert und Klammern angeheftet. Die Kunden verhielten sich sehr vernünftig und beachteten die Hygienevorschriften genau, berichtet der Textilhändler.

Andrea Keller sitzt im Modehaus Heikorn am Eingang und registriert alle Besucher. Hinter ihr freuen sich Bettina und Thomas Kornmayer darüber, dass sie endlich wieder die Kunden in ihrem Modehaus begrüßen dürfen.
Andrea Keller sitzt im Modehaus Heikorn am Eingang und registriert alle Besucher. Hinter ihr freuen sich Bettina und Thomas Kornmayer darüber, dass sie endlich wieder die Kunden in ihrem Modehaus begrüßen dürfen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Thomas Kornmayer bleibt trotz bürokratischer Hürden optimistisch

Kornmayer will sich seinen Optimismus nicht nehmen lassen und hält der Politik zugute, dass sie bisher in der Krise ihr Bestes gegeben habe. An der Bürokratie müsse allerdings gearbeitet werden. Die habe stark zugenommen. Wenn er alleine an die Antragsflut, die Steuerberaterkosten und Kontrollen der Kurzarbeit für seine 60 Mitarbeiter denkt, so könne das nur besser werden.

Stefan Suszek hat im Modehaus Zinser gleich zwei Empfangstische für die Kunden aufgebaut, an denen Mitarbeiterinnen die Daten aufnehmen. Suszek hatte im zweiten Lockdown mit nackten Schaufensterpuppen und abgeschalteter Beleuchtung auf die schwierige Lage des stationären Handels aufmerksam gemacht.
Stefan Suszek hat im Modehaus Zinser gleich zwei Empfangstische für die Kunden aufgebaut, an denen Mitarbeiterinnen die Daten aufnehmen. Suszek hatte im zweiten Lockdown mit nackten Schaufensterpuppen und abgeschalteter Beleuchtung auf die schwierige Lage des stationären Handels aufmerksam gemacht. | Bild: Trautmann, Gudrun

Modehaus Zinser fürchtet erneute schnelle Schließung

Stefan Suszek hat das Modehaus Zinser erst am Dienstag aufgeschlossen. Angesichts der sehr kurzfristigen Verordnungen aus der Landesregierung wollte er ganz sicher gehen, dass er tatsächlich Kunden ins Geschäft einlassen darf. 137 Kunden sind es auf der Fläche von 5500 Quadratmetern. „Seit Sonntag haben wir Online-Anmeldungen für Termine“, sagt Suszek. Sehr große Sorgen macht er sich allerdings, dass er in wenigen Tagen wieder schließen muss, weil die Zahl der Corona-Infizierten im Landkreis pro 100 000 Einwohner schon am Dienstag wieder über 100 geklettert ist. Aus Städten mit niedriger Inzidenz wie Tübingen oder Villingen-Schwenningen weiß er, wie groß die Freude der Kunden ist, endlich wieder in einem Geschäft analog einkaufen zu können.

Datenabfrage gefällt nicht allen Kunden

Am ersten Öffnungstag nach dem Lockdown bemerkt Suszek aber auch eine gewisse Zurückhaltung bei einigen Kunden, die am Eingang ihre Daten preisgeben müssen. Manche verzichten und wollen lieber warten, bis die Geschäfte bei einer Inzidenz von unter 50 wieder ganz normal öffnen dürfen. Suszek treibt die Angst um, „dass wir wieder zurückfallen. Der Aufwand für die schrittweise Öffnung ist doch sehr hoch“, sagt er. „Es ist wie Auto fahren mit angezogener Handbremse.“

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