Es war für das Ehepaar Reinholdt aus dem Deggenhausertal kein entspannter Restaurantbesuch: Bei einem Abendessen in Singen stellten sie fest, das viele Corona-Schutzmaßnahmen nicht umgesetzt werden. Es habe am Eingang des Restaurants keine Hinweise auf Hygienemaßnahmen gegeben, es gab keine Gästeliste, die Gäste trugen beim Gang durch den Raum keine Maske, die Bedienungen trugen zwar eine Maske, aber nicht vor der Nase oder nur am Kinn. Außerdem sei das Restaurant voll besetzt gewesen und der Mindestabstand zum Gast am Nachbartisch konnte nur einhalten, wer allein oder zu zweit gekommen war. „Ventilatoren sorgten dafür, dass die Luft (und eventuelle Viren) auch gut im Raum verteilt werden“, berichten Anke und Boris Reinholdt in einem Brief, den sie auch an das Ordnungsamt der Stadt Singen geschickt haben.#

Ordnungsamt klärte alle Wirte auf

Das Ordnungsamt habe nach Wiedereröffnung der Gaststätten jedes Restaurant in Singen mindestens zweimal persönlich aufgesucht und mit den Wirten alle Voraussetzungen und Vorgaben besprochen, erklärt Marcus Berger, Leiter des Ordnungsamts in seiner Antwort. Umso enttäuschender sei es, wenn sich Gastwirte nicht an die Vorgaben halten. „Das Ordnungsamt wird die genannte Gaststätte gesondert prüfen und Konsequenzen einleiten“, so Berger. Es gebe aber auch Rückmeldungen, dass viele Gastronomen in Singen die Vorgaben gewissenhaft umsetzen. In Baden-Württemberg gebe es allerdings keine Maskenpflicht für Gäste und auch der Betrieb von Ventilatoren kann nicht untersagt werden, erklärt der Ordnungsamtleiter.

Verstöße gibt es immer wieder

Hinweise hinsichtlich Corona-Verstöße gebe es schon seit Beginn der Pandemie. „Wir gehen den Hinweisen nach, sei es telefonisch oder auch persönlich vor Ort, indem wir Kontrollen durchführen“, berichtet Angelika Schuler-Schmidtke vom Ordnungsamt auf SÜDKURIER-Nachfrage. Die Betroffenen würden auf die Verstöße hingewiesen. Sofern der Eindruck entstehe, dass Hinweise ausreichend seien, würde nicht gleich beim ersten Verstoß Bußgelder verhängt, dies schließe jedoch Bußgelder nicht aus. Kontrollen fänden auch unabhängig von Hinweisen statt.

Wie zwei Restaurants die Vorgaben umsetzen

Die Mitarbeiter der Restaurants am Stadtgarten und Sonne in Singen halten sich an die Schutzmaßnahmen. „Wir arbeiten alle mit Masken. Es ist nicht einfach, aber das Virus ist da und wir setzen die Vorgaben um“, erklärt Sabit Dedaj, einer der Inhaber der beiden Restaurants. „Wir machen das für die Sicherheit unserer Gäste“, sagt er. Seine Gäste fänden es gut, dass die Vorgaben eingehalten werden und fühlten sich dadurch sicher. Derzeit seien die Restaurants sehr gut besucht, doch der Gastronom blickt sorgenvoll in die Zukunft. „Drinnen können wir aufgrund der Abstandsregeln nur 50 Prozent der Plätze belegen, Herbst und Winter werden hart“, sagt Dedaj. Er könne noch nicht sagen, wie es langfristig weitergeht.

Gaststättenverband berät und unterstützt

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga unterstützt und berät Gastronomen und Hoteliers in der Umsetzung der Corona-Vorgaben. „Wir appellieren an unsere Mitglieder, die Auflagen umzusetzen und einzuhalten und die überwiegende Mehrheit der über 30.000 Betriebe im Land hält sich auch an die Regeln“, berichtet Daniel Ohl, Pressesprecher der Dehoga Baden-Württemberg. Die einzige Auflage, die in der Branche kritisch gesehen werde, sei die Maskenpflicht für die Mitarbeiter, die im Freien bedienen. „Jeder, der das nicht nachvollziehen kann, darf gern mal ein volles Tablett nehmen und bei hochsommerlichen Temperaturen einen Tag durch den Biergarten rennen“, erklärt er. Da bekämen selbst junge, kräftige Mitarbeiter Konditionsprobleme. Lediglich bei diesem Punkt appelliere der Verband an die Politik, die Notwendigkeit der Maskenpflicht zu überprüfen.

Mehrheit akzeptiert die Regeln

Ansonsten gebe es bei den Mitgliedern eine hohe Akzeptanz der Corona-Auflagen. Nach einer aktuellen Umfrage akzeptierten über 90 Prozent die Vorgaben und auch eine Mehrheit der Gäste sei für die Einhaltung. Für Gäste gelte grundsätzlich keine Maskenpflicht, sagt auch Ohl. Es gebe lediglich eine Empfehlung, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern, zum Beispiel beim Gang auf die Toilette, nicht eingehalten werden kann. Dann kann der Wirt von seinem Hausrecht Gebrauch machen und das Tragen von Masken für die Gäste vorschreiben, die im Betrieb unterwegs sind.

Zweiter Lockdown verhindern helfen

„Erstes Ziel muss sein, einen weiteren Lockdown zu verhindern“, sagt Ohl. Und die Gäste müssten sich sicher fühlen, um wiederzukommen. Denn die Betriebe brauchten den Umsatz wie nie zuvor. Die derzeit vollen Hotels und Wirtschaften im Sommer täuschten über den Zustand der Branche. Drei Milliarden Euro an Einnahmen fehlten nach dem Lockdown und könnten nicht aufgeholt werden. „Viele Betriebe hatten während des Lockdowns kaum Einnahmen und trotzdem Kosten, wie Pachten, zu bezahlen“, so Ohl. In vielen Betrieben sei die Liquidität weg und die Schulden seien da, 60 Prozent fürchteten um ihre wirtschaftliche Existenz.