Weil Zivilcourage ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie ist, wurde nun bereits zum achten Mal der Zivilcourage-Preis im Kulturzentrum Gems verliehen. Die Initiative Stolpersteine sowie die Fridays-for-Future-Gruppe Singen bekommen einen Preis von jeweils 500 Euro. Robert Noack und Katrin Mieth erhalten jeweils 300 Euro für ihren mutigen Einsatz zur Aufklärung einer Straftat und zur Rettung eines Kindes. 

Die Entscheidung, in einer Notsituation zu helfen, werde oft in weniger als einer Millisekunde gefällt. Doch je mehr Menschen eine Notsituation beobachten, umso mehr sinke die Hilfsbereitschaft, aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen, sagte Marcel Da Rin, Leiter der Singener Kriminalprävention (SKP) zu Beginn der Preisverleihung. „In der heutigen Zeit ist Zivilcourage wertvoller denn je, gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden rassistischen oder rechtsradikalen Ausschreitungen“, so Da Rin.

Ein gerettetes Kind und ein Diebstahl

Bei Robert Noack und Kerstin Mieth stand nach der Beobachtung einer besonderen Situation außer Frage, dass sie eingreifen werden. Kerstin Mieth hatte morgens gegen 8 Uhr in der Nähe der Waldeck-Schule zufällig beobachtet, dass in einem Haus ein Kind aus dem Fenster einer Dachgeschosswohnung gefallen war und in einem Schneefang festsaß. Sie wählte sofort die 110 und die Polizei war auch schnell vor Ort. Dank guten Zuredens schaffte sie es, dass sich der vierjährige Junge ruhig verhielt und dann von den Polizisten von oben her gerettet werden konnte. Hätte sie den Blick in diesem Moment nicht nach oben gerichtet, wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen, denn der Vater und ein Geschwisterkind hatten bis dahin nichts mitbekommen.

Robert Noack hingegen hatte am Bahnhof abends gegen 17.30 Uhr beobachtet, dass zwei junge Männer ein Fahrrad stahlen. Er verfolgte sie und informierte ebenfalls sofort die Polizei, die die Diebe dann fassen konnte. Für ihre beherzten Einsätze überreichte Marcel Da Rin den beiden jeweils 300 Euro.

Klimaschutz und Opfergedenken

Die Initiative Stolpersteine und die Fridays-for-Future-Gruppe aus Singen erhielten die beiden Hauptpreise in Höhe von jeweils 500 Euro. Die Initiative Stolpersteine ist seit 2009 in Singen aktiv. Für das Kunstobjekt von Gunter Demnig aus Köln sind inzwischen rund 48 000 Stolpersteine bundesweit verlegt worden, die an Menschen erinnern sollen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. In Singen sind bislang 70 Steine verlegt worden.

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„Wir sind zurzeit etwa zehn Aktive und würden uns über neue Mitstreiter freuen“, sagte Hans-Peter Storz. „Als nächstes möchten wir ein ökumenisches Bündnis für Menschenrechte gründen“, sagte Heinz Kapp. Hier soll es um die Verfolgung der Sinti und Roma gehen. Für die Fridays-for-Future-Gruppe nahmen Matteo Möller, Amina Trautmann und Benjamin Janke den Preis entgegen. Im Orga-Team sind aber rund 15 junge Menschen aktiv. Die nächste Demo soll am Freitag, 15. November stattfinden.

Singen als multikulturelle Stadt

Dass kulturelle Vielfalt in Singen gern gesehen ist, ist bereits bekannt. Schließlich leben über 100 verschiedene Nationen in der Hohentwielstadt. Eine Gruppierung, die albanische Gruppe Rinia, zeigte einen kurzen Film über ihre Teilnahme am Karneval der Kulturen, der kürzlich in Berlin stattfand. Ein Auftritt auf der Bühne zeigte die Begeisterung, mit der die jungen Leute ihre Tradition leben. Auch der kurze Film der Kampagne „Gemeinsam BW“ des Ministeriums für Soziales und Integration belegte, dass Vielfalt viel Wert ist oder, um es mit den Worten des Kochs Vincent Klink zu sagen: „Ohne Vielfalt schmeckt irgendwann alles gleich“.

Der Preis wird vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und steht unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bernd Häusler, der in Singens Partnerstadt La Ciotat war, sowie Rechtsanwalt Ingo Lenßen, der beruflich verhindert war und von Pressesprecher Achim Eickhoff vertreten wurde. Vor der Preisverleihung hatten am Tag der Zivilcourage wieder Workshops in Schulen stattgefunden.

Die Singener Kriminalprävention hat zehn goldene Regeln für Zivilcourage entwickelt. Den Flyer gibt es im Internet:
http://www.in-singen.de/Zeig_Zivilcourage.536.html

Passun Azhand mag das Singener Publikum

Der Zivilcourage-Preis hat in Singen Tradition. Tradition hat auch der Auftritt eines Comedians nach der Preisverleihung. Diesmal war der Berliner Comedian Passun Azhand zu Gast. In der Szene nur der „Boss“ genannt und bekannt aus Sendungen wie Quatsch Comedy Club oder Nightwash, begeisterte Passun Azhand die Zuschauer von Anbeginn.

Comedian Passun Azhand geht bei seinem Auftritt im Rahmen der Verleihung des Zivilcourage-Preises immer wieder aufs Publikum ein.  Bild: Susanne ­Gehrmann-Röhm
Comedian Passun Azhand geht bei seinem Auftritt im Rahmen der Verleihung des Zivilcourage-Preises immer wieder aufs Publikum ein. | Bild: Susanne ­Gehrmann-Röhm

Geboren in Afghanistan sei er 1990 im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern und drei Geschwistern nach Deutschland geflohen. „Wir hatten Glück und wurden gern im Westen aufgenommen, denn zu dieser Zeit hatten die Deutschen eher Angst vor Ostdeutschen“, erinnert er sich. Lästig finde er allerdings die Frage, wo er seine Wurzeln hat, denn er sei ja schließlich kein Baum. Die korrekte Antwort – Berlin, Kreuzberg, Deutschland – würde aber viele nicht zufriedenstellen. Eigentlich klar bei dem Namen.

Gern geht er auf das Publikum ein, ist ganz baff, als er einige Details aus dem Leben der Familie Kapp erfährt, die während seinem Auftritt in der ersten Reihe sitzt. Dass er bereits beim Edinburgh Fringe Festival (dem weltweit größten Kulturfestival) Preise abgeräumt hat, kann man sich vorstellen, nachdem man seine schottische Einlage genossen hat. Da wird auch die Berliner Bäckereifachverkäuferin gleich viel freundlicher.