George Taboris Stück „Mein Kampf“ ist mit unserer Region enger verbunden, als viele ahnen. Nach seiner Uraufführung in Wien am 5. Mai 1987 fand nämlich Ende des Jahres die erste Aufführung in Deutschland statt. Und zwar im Singener Theater „Die Färbe“. Aber stimmt diese Geschichte wirklich? In vielen Nachschlagewerken wird das Theater Dortmund genannt.

Cornelia Hentschel, Dramaturgin an der Singener Spielstätte, war damals schon dabei und klärt auf. Das Theater Dortmund, sagt sie, habe sich damals zwar beim Verlag Kiepenheuer die Option auf die deutsche Erstaufführung gesichert. Aber dann sei es dort plötzlich zu Verzögerungen gekommen. Weil in Singen Regisseur Frederik Ribell mit den Proben pünktlich fertig war, habe Theaterleiter Peter Simon bei Kiepenheuer angerufen: „Er fragte, wie wir mit der Situation jetzt umgehen sollen. Und war ganz überrascht, als er erfuhr, dass an diesem Tag zufällig George Tabori persönlich im Verlag vorbeischaute.“

Der Verlagsmitarbeiter schilderte dem Autor das Problem. Der fackelte nicht lange: Sollen sie halt in Singen als erste das Stück aufführen! 

„Tabori hatte offenbar schon von unserem Theater gehört“, sagt Hentschel. „Vielleicht war ihm aufgefallen, dass wir erst kurz zuvor sein Stück ‚M’ gezeigt hatten, ein sonst selten gespieltes Werk.“ In jedem Fall darf sich die Färbe seit dem 25. November 1987 mit dem Titel der deutschen Erstaufführung von „Mein Kampf“ schmücken. Und selbstverständlich, sagt Hentschel, sei diese Aufführung auch großartig geworden. „Eine Inszenierung par excellence“, urteilte damals der SÜDKURIER.

Große Empörung um Nazi-Symbole aber habe es auch damals schon gegeben. „Wir hatten ein Plakatmotiv gewählt, das auf den ersten Blick an ein Hakenkreuz erinnerte“, erzählt die Dramaturgin. „Da gab es schon Anrufe von irritierten Bürgern.“ Und dann sei da noch diese alternative Zeitung aus Konstanz gewesen. Deren Macher hätten das Singener Theater angezeigt. „Den Termin vor Gericht werde ich nicht vergessen“, sagt Hentschel. „Da saß dieses Rudel junger Besserwisser, die uns ins Gewissen reden wollten, weil wir ein Stück mit dem Titel ‚Mein Kampf’ aufführen. Die meisten von ihnen studierten auch noch Germanistik! Denen haben wir dann erklärt, worum es in diesem Stück überhaupt geht.“ Die Kläger seien am Ende sehr kleinlaut gewesen.

Dass Taboris „Mein Kampf“ wieder öffentlich Aufmerksamkeit erregt, findet sie großartig. Weniger gefällt ihr der Grund dafür: „Billig, geschmacklos und beschämend“ sei die im Vorfeld angekündigte Aktion, Hakenkreuze und Davidsterne ans Publikum zu verteilen. „Wir kommen mit dem Konstanzer Intendanten Christoph Nix wirklich sehr gut klar. Aber was ihn da geritten hat, weiß wohl nur er selbst.“ Das Stück selbst sei einfach genial, sagt Hentschel. Das brauche keine fragwürdigen Aktionen.