Peking hat's geschafft. Vor 30, 40 Jahren prägte das Fahrrad das Stadtbild, heute sind es Autos. Doch wem gehört die Zukunft? Kopenhagen verfolgte eine konträre Politik und gilt inzwischen als Fahrradhauptstadt Europas. Singen schlägt nun die dänische Richtung ein. Zwar hat die Stadt dem Auto historisch viel zu verdanken und gilt allein wegen seiner Auto-Häuser entlang der Georg-Fischer-Straße weithin als erste Adresse in Sachen Automobilität. Doch zumindest bei der innerstädtischen Mobilität soll ein neuer Kurs eingeschlagen werden. Man setzt aufs Rad.

  • Der Start: Genau betrachtet ist das Fahrrad nur Teil einer Strategie, die eine grundsätzliche Veränderung des Mobilitätsverhaltens zum Ziel hat. Der Prozess hat bereits begonnen – zu ihm gehören die neuen Preise fürs Busfahren oder die Einrichtung einer nächtlichen Tempo-Beschränkung auf 30 Kilometer pro Stunde in der viel befahrenen Rielasinger Straße. Fürs Frühjahr ist nun der definitive Einstieg in den Umbau der Kernstadt vorgesehen: Die Schillerstraße und die Straße Im Iben sollen zu Fahrradstraßen umgewidmet werden.
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  • Die Ziele: Die Ausmaße des automobilen Individualverkehrs und ihre Folgen sind vielfältig. Dazu zählt die Lärmbelästigung, wobei der Kampf gegen die bundesgesetzlich zulässigen Auspuffklappen nur eine Variante im Kampf für einen besseren Lärmschutz darstellt. Die Umstellung Singens auf eine Fahrradstadt erscheint jedoch auch wegen der Erfordernisse des Klimaschutzes sinnvoll. Für eine Überraschung im Gemeinderat sorgte in diesem Zusammenhang eine Studie, wonach die Auswirkungen der Hitze des vergangenen Sommers ein ähnliches gesundheitliches Gefahrenpotenzial darstellen wie in Großstädten.
  • Das Projekt: Die Umwidmung der Schillerstraße sowie der Straße Im Iben soll den Radverkehr in nord-südlicher Richtung kanalisieren. Ob das Experiment gelingt, hängt maßgeblich von den Anwohnern ab. Mit ihnen wollen Mitarbeiter des Rathauses bis zum voraussichtlichen Start der Teststrecke Anfang April Gespräche führen. Die Kosten für die Beschilderungen und Markierungen werden auf 70.000 Euro veranschlagt, denkbar ist auch ein Rückbau zumindest von Teilabschnitten der Straßen – dann allerdings ist mit höheren Kosten zu rechnen.
  • Die Diskussion: Der Umbau Singens zu einer Fahrradstadt wird im Gemeinderat prinzipiell unterstützt. Dieser Umbau findet nach Einschätzung von OB Häusler jedoch in erster Linie in den Köpfen der Menschen statt. Wegen der Gewohnheitsänderungen prophezeit er "Massenproteste, denen wir uns stellen müssen". Zu den Projektstraßen selbst gibt es unterschiedliche Meinungen. Bedenken gibt es vor allem zu den Kreuzungsbereichen und wegen des Kindergartens an der Straße Im Iben.

Mobilität und Mitbestimmung

Fahrradstraßen sind hierzulande noch weitgehend unbekannt. Sie sind ausdrücklich als Straßen für Radfahrer gedacht und es gelten spezielle Regeln. So dürfen Radler auf Fahrradstraßen nebeneinander fahren, prinzipiell sind sie gegenüber anderen Fahrzeugfahrern bevorrechtigt. Letztere dürfen Fahrradstraße nur bei ausdrücklicher Zulassung durch Hinweisschilder benutzen und müssen sich an das Tempo der Radfahrer anpassen. Grundsätzlich darf auf Fahrradstraßen nicht schneller als mit Tempo 30 gefahren werden. (tol)

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