Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? Dieser Frage geht die Künstlerin Anna Witt in ihrer Video-Installation nach, die im großen Schaufenster des Singener Kunstmuseums zu sehen ist. Junge Menschen erzählen in Interviews, wie die subjektive Wahrnehmung ein überlebenswichtiger Bestandteil des Selbstwertgefühls sein kann.

"Was ist wahr", so lautet der Titel des diesjährigen Kunstpreises der Erzdiözese Freiburg. Allein, dass sich die katholische Kirche mit Künstlern in den Dialog über dieses sperrige Thema begibt, ist eine besondere Erwähnung wert. Hatte sie über fast zwei Jahrtausende die Wahrheit für sich in Anspruch genommen, so zeigt sie mit dieser Ausstellung, dass der Begriff durchaus diskussionswürdig ist.

Schlange stehen an der Wahlkabine 1: für die meisten Politiker eine Wunschvorstellung. Im Singener Kunstmuseum ist es Realität. Wer in den Bildschirm lächelt, erhält anschließend eine ausgedruckte Version seiner politischen Einstellung.
Schlange stehen an der Wahlkabine 1: für die meisten Politiker eine Wunschvorstellung. Im Singener Kunstmuseum ist es Realität. Wer in den Bildschirm lächelt, erhält anschließend eine ausgedruckte Version seiner politischen Einstellung. | Bild: Trautmann, Gudrun

Indem sie die Debatte über die Grundthemen der Gesellschaft, Wissenschaft und persönliche, existenzielle Fragen eröffnet, rückt sie wieder näher an die Menschen heran. Die Bereitschaft zur Frage ist ein großer Schritt. Die Schau sei in Zeiten von Fake-News und des Postfaktischen ein Beispiel für die Erneuerung von Kirche und Kunst heute, ist denn auch Oberbürgermeister Bernd Häusler bei der Eröffnung überzeugt. Der Dialog über Werte und Vorstellungen werde auf Augenhöhe geführt.

Schwere Kost? Nein, keine Angst

Die Frage nach der Wahrheit ist also eine philosophische Auseinandersetzung, in die sich die Künstler begeben haben. Harte Kost? – Nein, keine Angst: Der Spaß, die Ironie, die Spielerei, das Experiment kommen dabei nicht zu kurz. Als Betrachter kann man eine solche Vielfalt erleben, dass ein paar Stunden ganz schnell verstrichen sind. Nur ein bisschen Neugier ist nötig, um die verschiedenen Formen der Wahrheit zu erleben.

Selten ist das Interesse an einer Kunstausstellung so groß: OB Bernd Häusler (l.) und Museumsleiter Christoph Bauer freuen sich über die außergewöhnliche Resonanz.
Selten ist das Interesse an einer Kunstausstellung so groß: OB Bernd Häusler (l.) und Museumsleiter Christoph Bauer freuen sich über die außergewöhnliche Resonanz. | Bild: Trautmann, Gudrun

Den erhobenen Zeigefinger wird man vergeblich suchen. Die Ausstellung ist vielmehr eine Selbsterfahrungsreise, weil die unterschiedlichen Arbeiten der 19 Künstler eine direkte Reaktion des Betrachters auslösen.

Lächeln in der Wahlkabine

Da ist zum Beispiel die "Wahlkabine" von Alexander Peterhaensel, in der der vermeintliche Wähler zu einem Lächeln aufgefordert wird. Anhand der Gesichtsanalyse wird dessen politische Haltung ermittelt. Ob das Ergebnis der Wahrheit entspricht, muss der Besucher selbst entscheiden.

Sie wirken wie organische Präparate aus dem Naturkundemuseum, sind aber Teil des Kunstwerks "Die tönenden Schwämme" von Alexander Rex: Schwämme, die sich mit Informationen vollsaugen.
Sie wirken wie organische Präparate aus dem Naturkundemuseum, sind aber Teil des Kunstwerks "Die tönenden Schwämme" von Alexander Rex: Schwämme, die sich mit Informationen vollsaugen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Auch Michael Rieken und Stefan Demming setzen mit ihrer Klang-Licht-Installation "Ich Orgel" auf Interaktion. Am Boden liegende Lautsprecher und Glühbirnen sind miteinander verbunden und reagieren auf Klänge von Johann Sebastian Bach bis Olivier Messiaen. Doch nicht im Sinne einer Lichtorgel, sondern nach einem Zufallsprinzip.

So erlebt der Kunstfreund eine ganz eigene, neue Wahrnehmung, gewissermaßen die eigene Wahrheit. Bei Carola Faller-Barris' "Tellergericht" muss der Betrachter entscheiden, ob Allerweltssprüche wie "Jeder ist seines Glückes Schmied" der Wahrheit entsprechen.

Kein Freibrief für Lügen und Fälschungen

Die gedanklichen Anregungen sind vielfältig. Es macht Freude, sich darüber auszutauschen. Und schon ist man mittendrin in der Suche nach der Wahrheit. Die beste Erkenntnis, die man dabei haben kann, ist die, dass es keine alleinige Wahrheit gibt. Aber Achtung: Das ist kein Freibrief für Lügen und Fälschungen. Die Schau ist vielmehr geeignet, die Sinne für das Echte zu schärfen.

"Die Sehnsucht nach Wahrheit holt uns immer wieder ein", erklärt Isabelle von Marschall, die die Ausstellung betreut hat. Das Problem der heutigen Generation ist doch, dass eine Fülle der Informationen nur schwer überprüfbar ist.

Claude Wall stellt zum gleichen Thema in der Singener Galerie Vayhinger aus. Der Künstler nimmt einen ironisch-protestantischen Blickwinkel zur Wahrheitsfindung ein.
Claude Wall stellt zum gleichen Thema in der Singener Galerie Vayhinger aus. Der Künstler nimmt einen ironisch-protestantischen Blickwinkel zur Wahrheitsfindung ein. | Bild: Trautmann, Gudrun

Museumsleiter Christoph Bauer verfolgt mit der Ausstellung konsequent seinen museumspädagogischen Ansatz, indem er Begleitveranstaltungen anbietet. Zum Beispiel einen philosophischen Workshop für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Sie sollen den kritischen Umgang mit Informationen und vermeintlichen Wahrheiten lernen. Exkursionen, Vorträge und Diskussionen sind ebenso vorgesehen.

Werkschau in Galerie Vayhinger

Passend zum Thema und ergänzend beschäftigt sich auch die Galerie Vayhinger in der Schaffhauser Straße mit der Wahrheit. Helena und Werner Vayhinger erlauben dem Künstler Claude Wall in der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus einen ironischen Diskurs. So zum Beispiel, wenn er einen Playmobil-Luther in ein Spielzeugauto setzt und auf einen Kupferstich der thüringischen Wartburg schauen lässt. Oder wenn er einen Schwaben-Globus aufstellt. Ein Schmunzeln ist immer dabei. Und so lernen wir, dass es bei der Wahrheit auch auf das Auge des Betrachters ankommt.