Am 25. Juli ist es soweit. Pünktlich zum Ende der vierten Stunde werden die Klingeln an den Singener Schulen für viele Hundert Kinder und Jugendliche den Ferienstart einläuten. Dann heißt es: Schule aus und Stifte weg. Zuhause angekommen, den Ranzen in die Ecke pfeffern und sechs Wochen lang den Sommer genießen. Eine idyllische Vorstellung – besonders aus Sicht der neidischen Erwachsenen. Die Realität sieht für viele Jugendliche aber ganz anders aus. Auch in diesem Sommer werden Schüler in Singen weiter über ihren Büchern brüten. Warum? Weil sie Ferien-Nachhilfeangebote wahrnehmen.

"Ich habe das letztes Jahr auch gemacht", berichtet Noah Brusberg. Heute besucht der 17-Jährige die elfte Klasse des Technischen Gymnasiums der Hohentwiel Gewerbeschule. Im Juni 2017 ging es für ihn noch darum, eine möglichst gute Abschlussprüfung an der Ekkehard-Realschule abzulegen. "Deshalb habe ich kurz vorher, in den Pfingstferien, Nachhilfe genommen", sagt Noah. Der Einsatz hat sich gelohnt. Er hat den Sprung aufs Gymnasium geschafft.

Sommerkurse rappelvoll

Auf ähnliche Erfolge wie Noah hoffen viele Jugendliche. Beatrix Stiehler vom Nachhilfedienst Studienkreis in Singen geht davon aus, dass 98 Prozent der Schüler, die ihre Räumlichkeiten in der Hegaustraße besuchen, auch an der vom Studienkreis angeboteten Intensivwoche in den Sommerferien teilnehmen. Weil das Interesse so groß sei, habe man das Angebot in den vergangenen Jahren kontinuierlich erweitert und beworben. "Unabhängig von den bereits aktiven Nachhilfeschülern haben im letzten Sommer 20 externe Schüler an unserem Ferienprogramm teilgenommen", berichtet Stiehler stolz. "16 haben eine Folgevertrag bei uns abgeschlossen."

Auch der Nachhilfedienst School 4 School in Singen bietet seinen 160 jugendlichen Kunden ein zweiwöchiges Nachhilfeprogramm während der Sommerferien an. "Und da ist es rappelvoll", berichtet Leiterin Annie Erlenburg. Sie weiß auch, warum das so ist: "In den ersten beiden Wochen nach den Ferien schreiben die Realschüler eine Klassenarbeit über den kompletten Stoff des Vorjahres." Annie Erlenburg beobachtet aber auch, dass Schüler das Sommer-Angebot wahrnehmen, die nicht damit rechnen müssen, direkt nach Ferienende geprüft zu werden: "Die Gymnasiasten kommen sowieso", meint sie. Aber woran liegt das?

Ohnehin gute Zeugnisse optimieren

Seit Erlenburg den Nachhilfedienst vor knapp 15 Jahren gegründet hat, beobachtet die School-4-School-Leiterin eine grundsätzliche Veränderung. Zusammenfassen könnte man sie so: Nachhilfe ist nicht mehr peinlich! "In den Jahren 2004 bis 2008 kamen fast ausschließlich versetzungsgefährdete Schüler zu uns", erinnert sich Erlenburg. Vielen war es unangenehm, auf Hilfe angewiesen zu sein. "Oft liefen die Schüler draußen auf der Straße hin und her, weil sie sich erst mal nicht hereingetraut haben. Wenn einer es dann mit unserer Hilfe geschafft hatte, seinen Schnitt zu verbessern, sagte er Dankeschön und verschwand so schnell wie er gekommen war."

Das hat sich geändert. Nicht selten haben Annie Erlenburg und ihr Team mit Jugendlichen zu tun, die ohnehin schon gute Leistungen in der Schule abliefern – ihren Zweier- auf einen Einser-Schnitt anheben wollen. Die Mehrzahl der Kunden seien Gymnasiasten zwischen 14 und 18 Jahren. "Sie kommen zu uns und bleiben dann über Jahre hinweg – bis zum Abitur." So wie Noah. Statt als mühevoller Umweg betrachtet er die Nachhilfe als erfolgsversprechenden Weg zum Schulabschluss. "Ich will einfach ein möglichst gutes Abi machen", erklärt der 17-Jährige.

Selbstgemachter Leistungsdruck

Noah ist nicht alleine. Beatrix Stiehler glaubt, dass Schüler in den seltensten Fällen von ihren Eltern in die Nachhilfe gezwungen werden. Im Gegenteil: "Ich habe den Eindruck, dass der überwiegende Teil unserer Schüler sehr motiviert und von sich aus kommt." Annie Erlenburg sieht das ähnlich. "Die Allermeisten wollen studieren. Und: Viele haben Angst, später keinen passenden Studienplatz zu bekommen."

Teilweise sieht sich die Nachhilfe-Lehrerin sogar gezwungen, Druck von ihren Schützlingen zu nehmen. "Da kommen Schüler zu uns, die gerne Jura studieren wollen und fest davon ausgehen, dass sie dafür einen Notenschnitt von 1,0 benötigen", erzählt sie. "Wenn ich ihnen aufzeige, dass an der Uni Konstanz auch Schüler mit einem 2,6er-Schnitt aufgenommen werden, sind sie ganz überrascht." Viele Jugendliche verfielen in Panik, bevor sie wüssten, was sie überhaupt studieren wollen. Eine Entwicklung, die Erlenburg bedenklich findet.

Nicht nur die Gymnasiasten machen sich Gedanken um ihre Zukunft. "Gerade ab der neunten Klasse betreuen wir viele Realschüler", sagt die Nachhilfe-Fachfrau. Sie verfolgten ihre Ziele nicht minder fokussiert. "Bei ihnen beobachte ich, dass so gut wie niemand mehr eine Ausbildung absolvieren will. Alle zieht es auf die weiterführende Schule."

Nachhilfe wird prestigeträchtig

Die Kunden sind also motiviert, die Nachhilfe selbst fast schon prestigeträchtig – eigentlich ideale Bedingungen für Dienste wie Studienkreis und School 4 School. Nicht ganz. "Für uns sind die Entwicklungen der letzten Jahre nicht nur von Vorteil", sagt Annie Erlenburg. Denn: Die Nachhilfe-Klassen seien voll und die Schüler zum Teil auf einem so hohen Niveau, dass es Lehrern manchmal schwerfalle, ihre Schulleistungen noch deutlich zu steigern. Erlenburg beschreibt diese Dynamik mithilfe eines Vergleichs: "Das ist so, wie, wenn jemand sagt: Ich gehe jede Woche zum Arzt, damit ich ja nicht krank werde."