Es dauert, bis er fertig ist. Obwohl er zügig abliest, braucht der Staatsanwalt fast eine halbe Stunde, um all die Fotos zu beschreiben, wegen denen sich der Angeklagte vor dem Singener Amtsgericht verantworten muss. Von Mädchen im Teenager-, Pre-Teen- und Grundschulalter ist die Rede, die in lasziven Posen zu sehen sind, ihre Geschlechtsorgane zeigen, sogar zum Oral- und Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, diese Aufnahmen mit Unbekannten geteilt zu haben.

Da der 1982 geborene Mann, der bei einem größeren Singener Unternehmen arbeitet, offenbar im Sommer 2017 den Nachrichtendienst Twitter nutzte, um die illegalen Bilder mit anderen Nutzern auszutauschen, kamen ihm die Ermittler auf die Schliche. Nach einer Hausdurchsuchung im Januar 2018 stellten sie tausende kinder- und jugendpornografische Bilder sicher, die der Angeklagte auf unterschiedlichen Datenträgern gespeichert hatte. Und doch: Obwohl sich der Mann während der Verhandlung geständig zeigt, ist ihm wichtig zu beteuern: „Ich bin nicht pädophil.“

Aus Geldnot heraus gehandelt

Die Familie sei in Geldnot gewesen. Mit zitternden Händen und unter Tränen berichtet der Angeklagte von 14.000 Euro Schulden. In seiner Verzweiflung habe er sogar viermal für Geld mit anderen Männern geschlafen. Die Aufnahmen habe er weiterverbreitet, um an Geld zu kommen. Er habe das Vertrauen seiner Familie missbraucht. Auch um die auf den Bildern zu sehenden Kinder täte es ihm heute sehr leid. „Damals war ich in einer Notsituation und habe nicht groß nachgedacht.“

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Seitdem die Ermittler vor der Tür seiner Mietswohnung standen, habe er sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen, führt der Mann aus. Er lebe mit seiner Frau und den zwei Kindern, die sie in die Ehe mitbrachte, zusammen, ergänzt er. „Mittlerweile haben wir es geschafft, fast alle Schulden abzubezahlen.“ Nur 250 der ursprünglichen 14.000 Euro seien noch offen.

Staatsanwalt glaubt dem Angeklagten

Die Schilderung des Angeklagten wirkten glaubwürdig, räumt der Staatsanwalt ein: „Man sieht ihm an, dass er leidet. Dass ihn die Verhandlung mitnimmt und dass sie ihm als Warnung dienen kann.“ Aufgrund der Art, Anzahl und Intensität der Aufnahmen, die der Staatsanwalt als „unerträglich“ beschreibt, halte er trotzdem eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten für angebracht. Diese sei auf Bewährung auszusetzen und an eine Therapie für Sexualstraftäter sowie eine Zahlung von 2000 Euro für wohltätige Zwecke zu koppeln.

Der Verteidiger und die Richterin schließen sich der Forderung des Staatsanwalts an. Die Bewährungszeit wird auf vier Jahre festgesetzt. Ob er zu diesem Urteil noch etwas zu sagen habe, wird der Angeklagte am Ende der Verhandlung gefragt. Seine Antwort: „Es tut mir alles sehr sehr leid!“

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