Es ist eine Trutzburg. Steil wachsen die Türme rund 26 Meter in die Höhe – ein schlammfarbener Klotz mit schlanken Fenstern im oberen Viertel, die an Schießscharten erinnern. Als wäre es von jeher ihre Bestimmung, bildet die Aach im spitzen Winkel zur unpassierbaren Bahnlinie einen Wassergraben. An der kurzen Seite des dreieckigen Grundstücks steht das Museum Art & Cars I (MAC I) als Wachposten.

Wer mit dem Auto nach Singen kommt und das kolossale Bauwerk erreichen will, muss hier vorbei. Hebt der Besucher den Blick, verstärkt sich der Eindruck der Wehrhaftigkeit der Museumsanlage durch das nicht allzu ferne Zitat der Ruine auf dem Hohentwiel.

Architektur bezieht sich auf Region

Die Absicht einer Architektur ist selten so offensichtlich wie im Fall der MAC-Erweiterung. Allein die Farbwahl schafft (wie schon beim MAC I) den Bezug zum Hegau, auch die Architektur nimmt reichlich Anleihen bei der Landschaft. Deren Sanftheit spiegelt das MAC I in seinen Rundungen, das MAC II in seiner trotzigen Art transportiert als Reflex die Schroffheit der erloschenen Vulkane.

Die Architektur des MAC I nimmt die Lieblichkeit der Hegau-Landschaft in seinen runden Formen auf und steht damit im Kontrast zur Härte der Erweiterungsbaus.
Die Architektur des MAC I nimmt die Lieblichkeit der Hegau-Landschaft in seinen runden Formen auf und steht damit im Kontrast zur Härte der Erweiterungsbaus. | Bild: MAC Museum

Die beiden Museen lassen sich im Ensemble mit der Ruine zugleich als östliche Grenzsteine für das Wachstum der Stadt verstehen: Jenseits dieser Linie beginnt das Herrschaftsgebiet des Singener Hausbergs mit seinem Bannwald, seiner weit ins Mittelalter reichenden Geschichte und extensiv betriebenen Landwirtschaft.

Auch innen besonders

Die bewusste Formgebung beim Bau eines Kulturtempels setzt sich im Inneren des MAC II fort. Vor allem die gewagt anmutenden Brückenkonstruktionen, die schrägen Wände mit der Brechung optischer Gewohnheiten, der an sich träge, auf künstliches Licht angewiesene Bau und insbesondere der Bereich zwischen Nord- und Südturm erzeugen eine kathedrale Atmosphäre, die ganz im Sinne der beiden Stifter ist.

Hermann Maier und Gabriele Unbehaun-Maier sind kunstsinnig, vor allem aber verehren sie das Automobil. Mit dem Museum erschafft der Architekt Daniel Binder dafür einen sakralen Ausstellungsraum.

Kathedrale und gleichzeitig Gruft

Ihren Geniestreich verdanken der Bau und sein Konzept am Ende allerdings doch eher der Willkür des Zeitgeists. Tempel, Kathedrale, Kirche in ihrer weltlichen Spielart geben der Architektur ihre Handschrift, doch das Bauwerk ist ungewollt auch Mausoleum, Sarkophag und Gruft.

Im Inneren des MAC II wird mit dem Bruch optischer Gewohnheiten gespielt. Der Besucher macht sich dadurch zwangsläufig Gedanken zur Architektur des Museums.
Im Inneren des MAC II wird mit dem Bruch optischer Gewohnheiten gespielt. Der Besucher macht sich dadurch zwangsläufig Gedanken zur Architektur des Museums. | Bild: Sabine Tesche

Gedenkstätte für das Auto

Einiges jedenfalls deutet darauf hin, dass die automobile Epoche sich schließt – schon jetzt versehen mit einer ganzen Reihe ironischer Fußnoten, denn noch nie war das Auto (inklusive Diesel) so sauber, niemals individuelle Mobilität derart günstig und in jedem Kleinwagen steckt heutzutage ein Vielfaches an Technik im Vergleich zu jenen Limousinen von vor 100 oder auch 50 Jahren.

Nicht das Auto ist mithin das Problem, sondern seine in die zig Millionen gehende Vielzahl. Deshalb befindet sich das Vehikel auf dem besten Weg zur Aufgabe seines Geists und unbewusst höhnisch wird ihm ausgerechnet in der Autostadt Singen eine Gedenkstätte gewidmet.

Die Türme als Grabstein?

Wie weit das Auto abgewirtschaftet hat, zeigt sich dabei aus lokaler Perspektive an der offiziell vom Gemeinderat beschlossenen Strategie einer zügigen Entwicklung zur Radstadt. Die Türme des MAC II – sie lassen sich somit auch als zwei monumentale Grabsteine verstehen.

Die Maiers regt das auf. Nicht, dass sie die neuen Erfordernisse der Mobilität verkennen würden. Rund Dreiviertel davon entfallen nach Kenntnis von Gabriele Unbehaun-Maier hierzulande auf den Individualverkehr, der damit in hochmobilen Gesellschaften zwangsläufig an seine Grenzen stößt.

Manchmal lieber Zug, Bus oder Taxi

Bevor sie im Stau steht, setzt deshalb bei Bedarf auch die Rallye-Fahrerin lieber auf kollektiv nutzbare Fortbewegungsmittel wie Zug, Bus oder Taxi und alternative Antriebssysteme oder automatisierte Fahrformen erfüllen nach Ansicht ihres Ehemanns durchaus eine zeitgemäße Funktion im Dienste der Mobilität. „Wir würden auch einen E-Bus im Museum ausstellen“, sagt Hermann Maier – allerdings sei dafür das MAC dann doch zu klein.

Was die beiden aber stört, ist der Glaubenskrieg. Mag sein, dass das Auto ein Fetisch ist, seine Gegner aber gehen nach Ansicht von Hermann Maier und Gabriele Unbehaun-Maier bei ihrem Feldzug nicht weniger obsessiv vor und verdammt wird in ihren Augen gleichermaßen Diesel und Benziner.

E-Autos sind auch nicht einwandfrei

„Wer spricht eigentlich über die unglaublichen Ausmaße der Umweltzerstörung bei der Gewinnung von Lithium?“, empört sich Gabriele Unbehaun-Maier mit Verweis auf die angeblich so schöne neue Welt der Elektromobilität und ihres Rohstoffbedarfs für die dafür notwendige Batterietechnologie.

Wirklich neu aber ist der Glaubenskrieg nicht und das MAC verdankt ihm einige Aufmerksamkeit. Die Museumsmacher sahen sich schon beim MAC I wegen der Kombination von Auto und Kunst dem Verdacht des Kunstfrevels ausgesetzt. Die Szene pflegt bisweilen eben so ihre Dünkel, verkennt dabei laut Gabriele Unbehaun-Maier aber die soziologisch-politische Bedeutung des Automobils als kultureller Antreiber.

Die Frage nach der Definition

Die Bedeutung individueller Mobilität – nicht zuletzt in Kombination mit der technischen Raffinesse bis hin zum automobilen Design – gehört zu den spannenden Aufgaben bei der Definition des modernen Selbstverständnisses. Im MAC I wurden diese Weißräume bereits mehrfach beschrieben, etwa bei den Bezügen zwischen Automobil und Emanzipation.

Solche Geschichten als fantastische Trutzbilder einer Zeit aufzuspüren ist nach Einschätzung von Hermann Maier übrigens höchst einfach. Ein Name – wie James Bond, Bugatti oder Borgward – genügt und schon beginnt das Kopfkino. Die Dunkelkammern des MAC II mit den vorgesehenen Lichtinstallationen bieten dafür ideale Räume.

Einmaligkeit in der Museumslandschaft

  • Das Museumskonzept: Der Name des Museums ist Programm, das Museum Art & Cars zeigt Kunstwerke und automobile Oldtimer. Die Architektur greift in einem eigenständigen Part Bezüge zur Landschaft auf, erschöpft sich allerdings nicht darin. Beispiel: Selbst wer nicht muss, sollte sich den Besuch der Toilette nicht entgehen lassen. Die Exponate (sowohl die Kunstwerke als auch die Oldtimer) werden in Wechselausstellungen präsentiert. Das MAC bietet außerdem regelmäßig Vorträge an. Bestandteil des Museums ist auch ein gastronomisches Angebot samt Tagungsmöglichkeiten (www.museum-art-cars.com).
  • Das MAC I: Das Haus wurde 2013 eingeweiht. Die Idee der Verbindung von Alltagserleben und Kunst in Kombination mit der Gebäudearchitektur stieß auf überregionale Resonanz. Für die Industriestadt Singen ist das Museum ein bedeutsamer Faktor beim Ausbau als Kulturstandort.
  • Das MAC II: Erste Überlegungen zur Erweiterung entstanden bereits vor fünf Jahren. Die Grundidee des MAC II gleicht der des MAC I – allerdings soll hier (neben der Präsentation von Oldtimern) Video- und Installationskunst gezeigt werden. Es ergänzt das MAC I, in dem vor allem Gemälde und Skulpturen der klassischen Moderne gezeigt werden.