Bis über den Atlantik hat es das Hohentwielfestival geschafft, da ist sich Walter Möll sicher. Mitten in New York, an einer Wand in der Fifth Avenue war es verewigt. Miles Davis persönlich hatte ein Plakat der Veranstaltung in sein Büro bringen lassen. Offenbar hatte sein Konzert nicht nur im Hegau einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Während es bei der Jazz-Legende eben als ein besonders gelungenes Konzert haften blieb, bedeutete es für das Hohentwielfestival den überregionalen Durchbruch, erklärt Möll.

Walter Möll.
Walter Möll. | Bild: Heidi Zöllner

Noch bevor der Mensch ein halbes Jahr später den Mond eroberte, gelang der Stadt Singen ein großer Schritt in der eigenen Historie. Der Singener Hausberg wurde nach vielen Hundert Jahren als Württembergisches Territorium offiziell Teil der Gemeinde, die an seinem Fuß wuchs und gedieh. „Da der offizielle Übergang mitten im Winter stattfand, hat man gesagt, gut wir feiern im Sommer“, erinnert sich Möll. Im Schneegestöber wurde nur die Fahne gehisst; Vereine, Brieftauben und das Fest folgten zur warmen Jahreszeit. Doch schon damals galt: „Das war logistisch sehr sehr schwierig“, so der ehemalige Kulturamtsleiter. Und so blieb das Fest zunächst auf der Ebene der Stadt. Walter Möll ist immer noch begeistert, wenn er von den Umzügen erzählt, in denen die Geschichte des Berges nachgestellt wurde. Bis heute muss er über die Szenerie im Festzelt lachen. „Da saß dann der Alemannenkrieger neben dem Maggi-Wieb“, erzählt er. Er war es auch, der die Veranstaltung dann wieder in größere Höhen versetzte.

Ein Bild wie vor 49 Jahren: Die Besucher des Hohentwielfestes (hier im Juli 2017) sitzen vor historischer Kulisse unter Schirmen und lauschen den Darbietungen. <em>Bild: SK-Archiv</em>
Ein Bild wie vor 49 Jahren: Die Besucher des Hohentwielfestes (hier im Juli 2017) sitzen vor historischer Kulisse unter Schirmen und lauschen den Darbietungen. Bild: SK-Archiv

„1974 gab es einen 24-jährigen Jazzfan beim Kulturamt“, und sein Gedanke sei gewesen, Jazz auf dem Hohentwiel, das wäre doch etwas Tolles. Mit gesammelten Geldmitteln, geliehenem Klavier und Auto, einer selbst zusammengebauten Beschallung, sowie vielen freiwilligen Helfern wurde das erste Konzert ausgerichtet. Die ersten Jahre seien sehr improvisiert gewesen, erzählt Walter Möll. „Wir haben immer Blut und Wasser geschwitzt“. Schon die kurze Fahrt nach oben wurde zum Abenteuer. „Im letzten Steilstück geriet das Klavier ins Rutschen und drückte einen der Helfer gegen die Hecktüre“, erinnert er sich. Als das Festival bereits beträchtliche Ausmaße angenommen hatte, gelang es Möll schließlich, Miles Davis’ Tourmanagerin von dem außergewöhnlichen Veranstaltungsort in Singen zu überzeugen. Nach dem Konzert es weltberühmten Jazz-Musikers, an das sich auch der Organisator noch mit einiger Begeisterung erinnert, seien dann alle Dämme gebrochen gewesen. Der große Name machte vieles möglich: „Die Musiker haben gesagt, wenn Miles Davis dort war, dann komme ich auch“. Bis Ray Charles schließlich sogar das berühmte Festival in Montreux abgesagt habe – und stattdessen Singen den Vorzug gab. Doch nicht für alle Zuhörer bedeutet das Festival nur Hörgenuss. Seltene Vogelarten werden als unfreiwillige Zaungäste Jahr für Jahr aufgescheucht. Die Population beispielsweise der Wanderfalken und Neuntöter brach nachweislich ein.

Heute schränkt ein Kompromiss den Veranstaltungszyklus und die damit verbundenen Störungen gleichermaßen ein, Termine und Beschallung finden in einem vom Regierungspräsidium fest definierten Rahmen statt, der Zeitpunkt und Dauer des Festes genau reguliert.

Es sind aber nicht Miles Davis oder die Besucherzahlen, die Walter Möll am Ende auf die Frage nennt, worauf der Mitinitiator und Motor des Hohentwielfestes besonders stolz ist. „Dass nie ein Unfall passiert ist und es nie eine Schlägerei gab“, erwidert Walter Möll stattdessen. Der steile Weg nach oben halte Besucher, die zu tief ins Glas geschaut haben, offenbar vom weiteren Anstieg ab.

Wie aus einem 49 Feste wurden

  • Walter Möll hatte bereits als Auszubildender mit dem Hohentwielfestival zu tun. Gerade rechtzeitig wurde er Teil des Kulturamtes der Stadt Singen, um in die Organisation der Feier zur Eingemeindung des Berges involviert zu werden. Als erklärter Jazz-Fan war dieser Musikstil die erste Wahl für Konzerte in der Ruine. Außerdem war es hier möglich, auch für eine noch unbekannte Veranstaltung namhafte Musiker zu engagieren. Das Hohentwielfestival sprach sich schnell herum. „Es ist uns unter den Händen explodiert“, erinnert sich Möll. Später war Walter Möll selbst viele Jahre Leiter des Kulturamtes.
  • Das Hohenwielfest war 1969 zunächst als einmalige Veranstaltung geplant. Nach dem Beschluss der jährlichen Fortführung blieb das Festival zunächst in der Stadt. Mit Festzelt und Umzug wurde mehrere Tage am Fuße des Singener Hausbergs gefeiert.
  • Das Festival: Erst 1974 kamen die Konzerte hinzu. Der Bekanntheitsgrad der Musiker steigerte sich von regionalen Bands bis hin zu Miles Davis, der mit seinem Konzert 1990 den Beginn einer ganzen Reihe von Jazz-Giganten in der Festung darstellte. Dizzy Gillespie, B. B. King und Ray Charles standen ebenfalls auf der Bühne der Ruine. Mitte der 90er wurde der Stil dann zu Rock und Pop geändert, der heute noch zu hören ist. (smh)