Eine solche Kooperation hat es in Singen bisher nicht gegeben: Das Städtische Kunstmuseum und die Städtische Galerie in Bietigheim-Bissingen mögen die Documenta 2017 (Kassel-Athen) als Vorbild genommen und die jährliche Ausstellung des Künstlerbundes Baden-Württemberg auf zwei Standorte verteilt haben. Jedenfalls ist es die erste Doppelausstellung der seit 62 Jahren aktiven Künstlerselbstorganisation. Und der Singener Museumsleiter Christoph Bauer ist ein Schelm, wenn er erklärt, dass die Künstler nach über 65 Jahren den lange umstrittenen politischen Zusammenschluss der Länder Württemberg und Baden untermauern. Tatsache ist, dass die Kunstszene das Kleinräumige längst verlassen hat und Grenzen überschreitet.

In Singen ließ sich das Publikum bei der Eröffnung jener Ausstellungshälfte, die sich aus Platzgründen mehr den großformatigen Arbeiten widmet, durchaus mitreißen. Der Titel "Stand der Dinge" ist Programm, werden doch die verschiedenen Sparten der Gegenwartskunst von Zeichnungen, Skulpturen, Wand- und Bodenobjekten über Fotografien bis hin zu Videos und Performances gezeigt.

Insgesamt haben sich 196 Künstler mit annähernd 1000 Arbeiten für die gemeinsame Schau der beiden Städte beworben. 130 Arbeiten von 63 Künstlern wurden ausgewählt und auf die beiden Häuser verteilt. "Meine Kollegin Isabell Schenk-Weininger und ich haben zusammen mit den Jurymitgliedern des Künstlerbundes in einer sehr lebhaften, offenen Diskussion die Arbeiten ausgewählt", schildert Christoph Bauer das Auswahlverfahren. "Die Auswahl ermöglicht einen Einblick in die aktuelle Produktion der Künstler und das gegenwärtige Kunstschaffen des Landes." Damit rechtfertigt der Singener Museumsleiter die oft kritisierte Form der Überblicks- oder Jahresausstellung, die eher einer Momentaufnahme gleicht.

Für die beiden Museumsleiter wurde mit der Doppelausstellung ein lange gehegter Wunsch Realität. "Es ist eine verrückte Sache", sagt der Singener Christoph Bauer. "Wir haben es nicht mit 30, sondern mit 63 Künstlern zu tun. Und wir müssen uns in das jeweils andere Haus hineinversetzen, um die richtigen Orte für die jeweilige Kunst zu finden." Das sei eine große Aufgabe und eine intellektuelle Herausforderung, bekennt Bauer. Er würde es aber wieder tun.

Die Aufteilung der Arbeiten hatte letztlich auch eine pragmatische Komponente: Das erweiterte Kunstmuseum in Singen eignet sich eher für die großflächigen Arbeiten.

Ziel ist es, einen Querschnitt aktueller Kunst zu zeigen. Diese zeigt sich häufig sperrig, provokant und sorgt in jedem Fall für Diskussionen. Wie zum Beispiel die anzügliche Performance von Justyna Koeke, die sowohl Kritik als auch Amüsement hervorrief. "So etwas kann man nur als junge Künstlerin in einer postfeministischen Zeit machen", ist Christoph Bauer überzeugt. Er freut sich über die rege Debatte des Singener Kunstpublikums. "Unsere Museumsbesucher sind trainiert und belastbar", sagt er und verweist auf weitere Arbeiten, die zum Nachdenken über den sich völlig verändernden Kunstbegriff anregen. Die Herausforderung dieser Ausstellungen lag laut Bauer darin, aus einem potenziellen Gemischtwarenladen eine Schau zu kreieren, die die einzelnen Werke zur Geltung und im besten Fall in den Dialog bringt.

Wer stellt aus?

Der Künstlerbund Baden-Württemberg ist eine Vereinigung von heute über 400 Künstlern. Er wurde 1955 in Karlsruhe gegründet. Um die Mitgliedschaft kann man sich nicht bewerben, sondern wird vom Künstlerbund angesprochen und ausgewählt. Eine Sonderführung durch die Singener Ausstellung findet am Martinisonntag, 5. November, um 11 Uhr statt. Die Ausstellung dauert bis zum 7. Januar 2018.

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