Ganz in Ruhe und ohne Publikum durchschreitet Werner Pfäffle die oberen Räume des Singener Kunstmuseums. Es ist gewissermaßen ein heiliger Moment, die intime Begegnung mit Vertrautem. Der hochgewachsene Mann ist gekommen, um zu sehen, was er verschenkt hat. Insgesamt sind es 20 große Arbeiten von international anerkannten Künstlern: großformatige Papierschnitte von Felix Droese, Figurentücher, Bodenbücher und Objekte von Jürgen Brodwolf sowie Messing- und Eisengüsse von Markus Daum.

Markus Daum war es auch, über den das Stuttgarter Unternehmerpaar Suse und Werner Pfäffle das Singener Kunstmuseum überhaupt kennengelernt hat. Markus Daum, der das Singener Kapitell hinter die Stadthalle gestellt hat, gehört zu jenen Künstlern, dessen Arbeiten die Pfäffles für ihren Themenzyklus "Figur, Mensch und Existenz" gesammelt haben. 1994, so erzählt Daum, seien die Kunstsammler erstmals auf ihn aufmerksam geworden, als er seine Arbeiten bei einer Ausstellung in Heilbronn zeigte. "Begegnet sind wir uns damals nicht", berichtet Daum. Doch die Pfäffles hatten seine Kunst entdeckt.

Geboren in Karlsruhe und aufgewachsen in München, hat der Jurist Werner Pfäffle sich schon sehr früh für bildende Kunst interessiert. "Schuld daran war mein Kunsterzieher, er mich zu jeder Vernissage mitgenommen hat", erzählt er rückblickend in Singen. Zusammen mit seiner Frau hat er sich leidenschaftlich für Kunst, Musik und Literatur engagiert. "Anfangs konnten wir nur junge Künstler sammeln, weil wir uns andere noch nicht leisten konnten", erzählt er. Später sammelte das Paar ganz gezielt. "Zweimal haben wir sogar Fenster versetzt, um Platz für die Kunstwerke zu schaffen.

Wir haben mit der Kunst gelebt und uns täglich mit ihr auseinandergesetzt." Bis die schwere Erkrankung seiner Frau diese geistige Symbiose zerstörte. "Wir haben das Haus verkauft und die Sammlung zum größten Teil an Museen verschenkt", sagt Werner Pfäffle.

Im Singener Kunstmuseum hat der Mäzen eine neue Heimat für einen beachtlichen Teil seiner Sammlung gefunden. "Weil Daum und Droese hier schon stark vertreten sind und meine Sammlung die städtische sehr gut ergänzt", begründet er diese Entscheidung. Ohne Auflagen gibt er die Arbeiten ab, weil er weiß, dass sie in Singen gezeigt werden. So werden wichtige Werke wieder öffentlich zugänglich. Mit seinem Vertrauen würdigt Pfäffle auch die konzeptionelle Arbeit des Museumsleiters Christoph Bauer. "Es war uns wichtig, dass die Arbeiten nicht im Depot verschwinden", sagt er. Großformatige Werke, wie zum Beispiel die Papierschnitte des gebürtigen Singeners Felix Droese, hat Werner Pfäffle in seinen eigenen vier Wänden selbst aufgehängt. Ohne Rahmen und nur auf einen Karton fixiert. Das Sammlerpaar suchte den direkten Bezug zu den Werken. Nicht die Trophäe, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Arbeiten stand im Vordergrund. Diese kann nun das Singener Publikum erleben.

Im Singener Kunstmuseum haben die Arbeiten von Jürgen Brodwolf mittlerweile einen Rahmen bekommen. Zum Schutz. Die Spannung zwischen dem Abstrakten und dem Gegenständlichen bleibt erhalten.

Oberbürgermeister Bernd Häusler bezeichnet die Schenkung als Glücksfall für Singen. "Das kann ein Impuls für andere potenzielle Schenker sein", ist er überzeugt. Christoph Bauer stellt die Besonderheit der Sammlung heraus: "Es ist nicht selbstverständlich, dass über den Bezug zu einzelnen Künstlern Werkblöcke gebildet werden."

Zwei weitere Museen in Mannheim und Altenburg freuen sich ebenfalls über Schenkungen von Suse und Werner Pfäffle. "Sie sollen die Menschen erfreuen", sagt der Mäzen.

Die Ausstellung

Noch bis zum 7. Mai ist die Ausstellung "Auf Immer. Auf Dauer. Auf Zeit" im Singener Kunstmuseum zu sehen. Im Zentrum stehen großformatige Papierschnitte von Felix Droese (*1950), Figurentücher, Bodentücher und Objekte von Jürgen Brodwolf (*1932) sowie Messing- und Eisengüsse von Markus Daum (*1959) aus der Schenkung von Suse und Werner Pfäffle. Das Sammlerpaar hat das Kunstmuseum Singen ausgewählt, weil die genannten Künstler zu dessen Kernbestand gehören. Die Werke zählen zum Komplex "moderne Kunst nach 1945 aus dem deutschen Südwesten" und "zeitgenössische Kunst aus der Euregio Bodensee".

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