Etwa 120 CDU-Mitglieder aus dem Kreis Konstanz haben sich zur Mitgliederkonferenz in der Bildungsakademie Singen eingefunden, um sich zu den drei Kandidaten zu äußern, denen reelle Chancen auf die Nachfolge der bisherigen Parteivorsitzenden Angela Merkel eingeräumt werden. Zwei der drei Delegierten aus dem Kreisverband Konstanz, die am 7. Dezember in Hamburg über den neuen Bundesvorsitzenden der CDU mitbestimmen dürfen, waren auch vor Ort, nämlich der stellvertretende CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Andreas Jung sowie der stellvertretende Kreisvorsitzende Fabio Crivellari. Die dritte Delegierte, die stellvertretende Kreisvorsitzende Cornelia Bambini-Adam, ließ sich entschuldigen.

Nur drei Delegierte dürfen wählen

Der Kreisvorsitzende Willi Streit schlug in seiner Ansprache einen großen Bogen von der internationalen politischen Lage über die deutsche bis hin zur Landespolitik und beklagte die starken Stimmenverluste der CDU bei den letzten Wahlen. Schließlich forderte er eine Neuausrichtung der Partei und dankte Angela Merkel ausdrücklich dafür, dass es ihr mit Größe, Anstand und Würde gelungen sei, den Platz für die Nachfolge frei zu machen. In der darauf folgenden Diskussionsrunde waren Andreas Ellegast und Manfred Schüle zwei von mehreren CDU-Mitgliedern, die ihren Unmut darüber äußerten, dass sie zwar ihre Meinung sagen dürften, aber keine direkten Mitbestimmungsrechte genössen. Die drei Delegierten des Kreisverbandes Konstanz sind in ihrer Entscheidung frei und brauchen sich nicht nach einer Präferenz der CDU-Mitglieder im Kreis Konstanz zu richten.

"Die Mitglieder dürfen ihre Meinung sagen – aber sie dürfen nicht mitbestimmen."Andreas Ellegast, CDU Konstanz
"Die Mitglieder dürfen ihre Meinung sagen – aber sie dürfen nicht mitbestimmen."Andreas Ellegast, CDU Konstanz | Bild: Hanser, Oliver

Wenn es nach den CDU-Mitgliedern geht, die bei der Versammlung dabei waren, kann sich Jens Spahn ab sofort wieder voll und ganz auf seine Aufgaben als Bundesgesundheitsminister konzentrieren, denn als neuer CDU-Vorsitzender wird er hier nicht gesehen. Es hieß zwar, er sei ein "netter Mann" und habe "als Minister schon viel angestoßen", doch ansonsten kam er in der lebhaft geführten Debatte nicht vor. Anders sieht es bei den beiden anderen Kandidaten aus, denen Chancen auf den Bundesvorsitz der CDU eingeräumt werden: die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer – auch "AKK" genannt – und der ehemalige Fraktionschef Friedrich Merz. Befürworter des Ex-Fraktionschefs, wie etwa Holger Marxer, zweifeln daran, ob sich Kramp-Karrenbauer aus Merkels Schatten lösen könne und damit zu sehr ein "Weiter so" verkörpere und zu wenig Wechsel und Neuanfang. Diejenigen, die sich für die bisherige Generalsekretärin aussprechen, wie etwa Veronika Netzhammer, bezweifeln, ob es Merz gelingen könnte, alle Flügel der CDU zusammenzuhalten.

"Angela Merkel hat mit Größe, Anstand und Würde den Platz für die Nachfolge freigemacht."Willi Streit, CDU-Kreisvorsitzender
"Angela Merkel hat mit Größe, Anstand und Würde den Platz für die Nachfolge freigemacht."Willi Streit, CDU-Kreisvorsitzender | Bild: Braun, Joerg

Überhaupt war dies einer der zentralen Themen auf der Mitgliederkonferenz: "Die CDU muss sich auf ihren Kern besinnen", wie es Johannes von Bodman ausdrückte, und diesen auch klar verkörpern und den Wählern vermitteln, denn die Welt habe sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert, wie er ergänzte. Die Wählerschaft sei fragmentiert und beziehe ihre Informationen aus sehr vielen unterschiedlichen Quellen. Fabio Crivellari, einer der drei Delegierten aus dem CDU-Kreisverband, stieß in dasselbe Horn und forderte eine Erneuerung der CDU als Volkspartei der Mitte, die auf drei wesentlichen Säulen beruhe, nämlich der christlichen Grundhaltung, dem wirtschaftspolitischen Liberalismus und dem gesellschaftspolitischen Konservatismus. Crivellari sagte dann, dass er sich noch nicht für einen Kandidaten entschieden habe.

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Der andere Delegierte, der stellvertretende CDU/CSU-Bundestagsfraktions-Vorsitzende Andreas Jung, hat dies sehr wohl und will seine Stimme Annegret Kramp-Karrenbauer geben. Er sieht sie als diejenige, die in der Lage sei, die unterschiedlichen Strömungen in der Partei zu kanalisieren und eine breite Wählerschaft anzusprechen. Letzteres sei ihr schon 2016 bei der Landtagswahl im Saarland unter schwierigen Bedingungen gelungen sei, wo sie mehr als 40 Prozent der Stimmen für die CDU geholt habe. Für ihn verkörpere sie sehr wohl auch den Aufbruch, denn sie habe einen eigenen Kopf und eine eigene Linie und zum Beispiel bei straffälligen Flüchtlingen eine konsequente Haltung bewiesen. Trotzdem sieht Jung auch die beiden männlichen Kandidaten als stark an und will, dass die Drei zukünftig ein starkes Team bilden.

Der Eindruck: AKK liegt leicht vor Merz

Am Ende der Mitgliederkonferenz blieb der Eindruck, dass Kramp-Karrenbauer in der Gunst der CDU-Mitglieder des Kreises Konstanz vor Merz liegt. Dessen großes Plus, die große Wirtschaftskompetenz, wird ihm zum Teil auch als zu große Nähe zur Industrie ausgelegt. Er gilt als großartiger Rhetoriker, was ihm auch in Singen mehrfach bescheinigt wurde, doch als Macher weckt er Zweifel. Vor allem verzeihen ihm viele der CDU-Mitglieder bis heute nicht, dass er damals vom Fraktionsvorsitz zurückgetreten ist. Doch steht er klar für eine neue Linie, für "klare Kante", wie sich einige der CDU-Mitglieder ausdrückten.