Tag 97 ziert ein dickes, schwarzes Kreuz: An der Bürotüre von Sabine Wegmann hängen zwei Zettel auf denen jeder Tag ab dem 13. März, dem Beginn der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus, fein säuberlich abgestrichen wurde. „Eigentlich habe ich damals gedacht, dass ein Blatt Papier ausreichen würde“, sagt die Geschäftsführerin der Sozialstation Radolfzell-Höri. Heute gehe sie davon aus, dass noch weitere dazukommen werden. Denn seit dem Ausbruch der Pandemie ist vieles nicht mehr so wie vorher. Auch bei den 64 Mitarbeiterinnen der Sozialstation. Wobei eines bleibt dann doch immer gleich – auch trotz Corona: „Der Umgang mit Keimen und Viren ist in der Pflege normal. Händewaschen und Desinfektionsmittel bei Hausbesuchen sind bei uns Standard“, sagt sie.

Mittwoch, Tag 97: Im Büro von Sabine Wegmann wird jeder Corona-Tag abgestrichen.
Mittwoch, Tag 97: Im Büro von Sabine Wegmann wird jeder Corona-Tag abgestrichen. | Bild: Matthias Güntert

Die Mitarbeiter der Sozialstation Radolfzell-Höri besuchen täglich ältere und kranke Menschen. Sie verabreichen ihnen unter anderem Medikamente, spritzen Insulin gegen Diabetes, versorgen Wunden, leisten Hilfe bei der Körperpflege und im hauswirtschaftlichen Bereich. Schwester Lydia ist eine von ihnen. Der Mundschutz ist wie in vielen anderen Bereichen zu ihrem täglichen Begleiter geworden. Dabei fällt er Schwester Lydia oft zur Last. „Das Arbeiten mit einem Mundschutz ist sehr anstrengend“, sagt sie. Man bekomme häufig kaum Luft.

„Man sieht unsere Gesichter nicht.“

Aber er wird im Alltag der Pflegekräfte auch zu einem anderen Problem. Er stellt oftmals eine Barriere zwischen Patient und Pflegerin dar. „Man muss beim Sprechen noch deutlicher werden“, berichtet Schwester Lydia, „viele Patienten mögen es auch nicht, dass man unsere Gesichter nicht sieht.“

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Sie sei zudem dazu übergegangen, sich die Hände nicht mehr nur im Auto sondern nochmals direkt vor den Patienten zu desinfizieren. „Das beruhigt viele“, sagt sie. Ihre Beobachtung: Die meisten älteren Menschen seien allerdings nicht ängstlich, blickten positiv in die Zukunft und hätten zuversichtlich reagiert.

Die Ängste der Patienten

Zu Beginn der Pandemie habe es viele Angehörige und Pflegende gegeben, die Angst bekommen und daraufhin die Besuche durch die Sozialstation abgesagt hätten, berichtet Sabine Wegmann. „Es waren viele, die unsere Mitarbeiter nicht im Haus haben wollten aus Angst vor einer Ansteckung“, sagt sie. Mittlerweile gebe es nur noch ganz wenige Patienten, die nicht wieder von Mitarbeitern der Sozialstation betreut werden wollten.

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Dabei komme den Mitarbeiterinnen der Sozialstation auch noch eine ganz andere Rolle zu: Sie sind für viele ältere Menschen, die derzeit ihre Familien nicht sehen können, der einzige soziale Kontakt zur Außenwelt. „Da waren die Pflegekräfte oftmals die einzigen Ansprechpartner“, berichtet Sabine Wegmann. So seien die tägliche Arbeite auch ein Stück weit in den Hintergrund geraten und haben Platz gemacht für soziale Komponenten. „Das Dasein ist wichtig, die Verlässlichkeit, das jemand kommt, zuhören und oder einfach nur ein nettes Gespräch“, so Wegmann weiter.

Viel Organisation im Hintergrund: Vorsitzender Helmut Villinger und Geschäftsführerin Sabine Wegmann beim Besprechen der Einsatzpläne, die einen reibungslosen Ablauf auch während der Corona-Pandemie garantieren.
Viel Organisation im Hintergrund: Vorsitzender Helmut Villinger und Geschäftsführerin Sabine Wegmann beim Besprechen der Einsatzpläne, die einen reibungslosen Ablauf auch während der Corona-Pandemie garantieren. | Bild: Matthias Güntert

Die meisten Patienten wurden durchgehend betreut. Dazu wurden die ohnehin schon immer geltenden Hygienevorschriften nochmals verschärft und die Mitarbeiter entsprechend geschult. Es sei viel Organisation nötig gewesen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. „Um Mitarbeiter zu schützen, sind wir aber auch dazu übergegangen, Hausbesuche, dort wo es möglich war, zu reduzieren“, so Wegmann.

Keine Kurzarbeit in der Sozialstation

Von der Kurzarbeit habe man allerdings laut Helmut Villinger, Vorsitzender der Sozialstation, bewusst Abstand genommen. „Unsere Mitarbeiterinnen sind jeden Tag sprichwörtlich an der Front, sie sind für unsere Patienten oftmals auch Angstnehmer in diesen schwierigen Zeiten. Deshalb wollten wir sie nicht noch mit finanziellen Einbußen belasten“, betont er.

Neue Tagespflege in der Warteschleife

  • Eröffnung verschoben: Wie der Vorsitzende der Sozialstation Radolfzell-Höri, Helmut Villinger, berichtete, soll die Pflegeeinrichtung um einen zusätzlichen Baustein erweitert werden: eine Tagespflege. Dafür wurden entsprechende Räumlichkeiten im Mezgerwaidring eingerichtet. Bis zu 16 Personen sollen dort zukünftig von vier Pflegekräften betreut werden. Die Eröffnung war für Ende Juni vorgesehen gewesen. „Doch Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Villinger. Wann die Tagespflege der Sozialstation nun eröffnet, steht derzeit nicht fest. „Das hängt vom Gesetzgeber ab“, betont er. Villinger sprach von einer erheblichen finanziellen Belastung für die Sozialstation, denn obwohl die Tagespflege noch nicht öffnen könne, fallen bereits Kosten an.
  • Zu den Corona-Tests: Schwester Lydia steht den Corona-Tests mit gemischten Gefühlen gegenüber. Natürlich würde ein negativer Test Sicherheit für einen selbst bringen, aber: „Ein Test wäre nur dann wirklich beruhigend, wenn er täglich durchgeführt wird.“ Sporadische Tests würden ihrer Ansicht nach wenig bringen.
  • Keine Infektionen: Laut der Geschäftsführerin Sabine Wegmann sei es weder bei den Mitarbeitern noch bei den Patienten der Sozialstation zu einem Corona-Fall gekommen.
  • Nur Vornamen: Auf Nachnamen wird im Alltag der Sozialstation verzichtet. „Das dient dem Schutz unserer Mitarbeiter“, erläutert Sabine Wegmann.

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