Die Welle der Hilfsbereitschaft für geflüchtete Ukrainer in Radolfzell ist groß. Um die von Vereinen, kirchlichen Organisationen und privaten Initiativen angebotenen Hilfen aufeinander abzustimmen und zu sehen, wo es noch Bedarf gibt, hat die Stadt zu einem Info-Forum eingeladen.

An der Online-Veranstaltung nahmen knapp 50 Vertreter verschiedener Hilfskreise teil. Der Austausch ergab, dass der Mangel an Übersetzern ins Ukrainische oder Russische derzeit die größte Hürde darstellt.

„Beeindruckend und lobenswert“

Die Hilfsbereitschaft der Radolfzeller sei „beeindruckend und einfach lobenswert“, sagte OB Simon Gröger. Zahlreiche Sach- und Nahrungsmittelspenden seien zur Verfügung gestellt und viel Wohnraum angeboten worden. Trotz all des guten Willens sei die Unterstützung aber auch „ein schwerer Kraftakt“, bei dem es gelte, verlässliche Strukturen zu schaffen, um mit Ausdauer effektiv helfen zu können.

Bis zum 1. April hätten sich in der Stadt 200 ukrainische Flüchtlinge offiziell angemeldet, berichtete Petra Ott, Leiterin der neu eingerichteten Stabstelle für Partizipation und Integration. Die meisten seien bei Bekannten, Freunden oder Familienangehörigen untergekommen, einige in Wohnraum, der von Bürgern zur Verfügung gestellt wurde.

Notunterkünfte in Hallen

Aktuell werde daran gearbeitet, die Buchenseehalle in Güttingen und die Mehrzweckhalle in Böhringen als Flüchtlingsunterkünfte einzurichten. In Güttingen sollen 50 Personen und in Böhringen 60 Personen Platz finden können. „Natürlich möchten wir, dass Flüchtlinge möglichst humanitär untergebracht werden, das heißt, in privatem Wohnraum“, so Gröger.

Doch sollten auf einmal größere Gruppen von Schutzsuchenden ankommen, müsse man vorbereitet sein und Notunterkünfte anbieten können. Allerdings sei die Unterbringung und Begleitung von Flüchtlingen nicht ohne Ehrenamtliche möglich, betonte Petra Ott. Gemeinsam mit Dunia Binder, der Integrationsbeauftragten der Stadt, hatte sie zu dem Treffen eingeladen, um zu evaluieren, welche Hilfe bereits geleistet wird und wo noch Unterstützung nötig ist.

„Auf Helfer angewiesen“

Nataliya Naychuk, die an der Organisation der Hilfsaktion mit zwei Kögel-Bussen beteiligt war, die Sachspenden nach Polen transportierten und auf der Rückreise 42 Ukrainer nach Radolfzell brachten, hat selbst drei Flüchtlinge bei sich aufgenommen. „Alle Geflüchteten sind auf ehrenamtliche Helfer angewiesen“, erzählte sie. Wer englisch spreche, komme zwar etwas leichter zurecht.

Doch bei der Registrierung, die Voraussetzung dafür sei, dass staatliche Hilfen in Anspruch genommen werden können, sei Unterstützung unumgänglich. Was Flüchtlinge in der Folge benötigten, hänge von ihren Wünschen und ihrer psychischen Verfassung ab. Einige seien völlig erschöpft und wollten so bald wie möglich zurück in die Ukraine. Andere seien relativ zuversichtlich, suchten Kindergarten- oder Schulplätze für ihre Kinder und wollten arbeiten.

WhatsApp-Gruppe für Helfer

Helene Theiner, die aus Kasachstan stammt, hat mit einer Freundin die WhatsApp-Gruppe „Ukrainer Hilfe Radolfzell“ gegründet, der sich in kurzer Zeit 111 Personen anschlossen. Die größte Schwierigkeit bestehe in der Kommunikation zwischen Deutschen und Ukrainern.

Bei einem Spendenmarkt im Meinradshaus empfing sie die Besucher am Eingang in russischer Sprache. „Ich hatte Angst, wie sie reagieren würden, weil ich nur russisch und nicht ukrainisch sprechen kann“, erzählte sie. Die Bedenken seien völlig unbegründet gewesen. „Sie waren einfach nur froh, eine Sprache zu hören, die sie verstehen“, fuhr sie fort. Doch für 150 Besucher allein zu übersetzen, sei eben nicht möglich. Ukrainisch und Russisch sprachige Bürger müssten mobilisiert werden, um als Übersetzer einzuspringen.

Freundeskreis Asyl stellt Angebot vor

Auch Vereine sind aktiv. Der Freundeskreis Asyl hat ein breites Hilfsprogramm aufgestellt, unter anderem mit Patenschaften, Sprachvermittlung, Spenden und Freizeitangebote. Elisabeth Burkart bot anderen Helferkreisen zudem an, Räume im Haus der Vielfalt zu nutzen. Der Freundeskreis könne auch als Schirmorganisation für andere Gruppen fungieren, um Verwaltungsaufwand zu minimieren, fügte Stefan Methler hinzu.

Sven Jochem von der Nachbarschaftshilfe Möggingen würde sich über weitere helfende Hände freuen. Bereits jetzt übersteige die Nachfrage nach Unterstützung im Alltag und bei Arztbesuchen das Angebot. Hätte die Nachbarschaftshilfe mehr Unterstützer, könnten auch Hilfen für Ukrainer organisiert werden.

Individuelle Begleitung

Der Verein Humanitas biete Flüchtlingen individuelle Begleitung an, berichtete Karina Christen. Auch die Angebote der Diakonie würden von ukrainischen Flüchtlingen bereits rege in Anspruch genommen, erzählte Anke Brednich, Leiterin des Fachbereichs Frauen, Migration und Soziales. Zunächst erhielten Geflüchtete aus der Ukraine einen Gutschein für eine Erstausstattung im Kleiderladen Weitertragen. Auch dort werden weitere Helfer gebraucht.

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Christine Herbrig von der Caritas berichtete, das Angebot in Radolfzell richte sich hauptsächlich an Menschen mit Behinderung. Flüchtlingen, die in diesem Punkt Unterstützung benötigen, stehe Hilfe zur Verfügung. Darüber hinaus bot sie anderen Gruppen an, Räume der Caritas zu nutzen.